Der Zigeuner
Roman
Inhalt:
3
Der Zigeuner
89
Das Mädchen Lijia
100
Einführung
102
Bilder
1
Der Zigeuner
Man
schrieb das Jahr 1231.
Das
Meer war aufgewühlt, und auf den Wellen tanzte ein kleines Boot.
Es
kämpfte ums Überleben. Alle Segel waren gerefft. Und dennoch hatte der
Steuermann alle Mühe, das Boot auf Kurs zu halten – nach Westen.
Ein
schlanker, hochgewachsener Mann, mit stählernen Muskeln, dunklem Teint – Der
Zigeuner.
Das
Ziel war St. Marie de la Mer. Seine Heimat. Denn dort war er geboren, aufgewachsen – und dorthin wollte er wieder.
Die
Stadt der Zigeuner. Der Schwarzen Madonna – die über das Meer gekommen war und
dort ein Heiligtum gegründet hatte.
Die
Wolken hasteten über den Himmel und Gicht flog so dicht über den Wellen, dass
man kaum etwas erkennen konnte. Und doch tauchte plötzlich ein zweites Boot –
das sich durch Sturm und Wellen kämpfte, auf.
Es
kam näher und versuchte sein Boot zu rammen offensichtlich in der Absicht es zu
versenken. Erfolglos.
Beide
Boote waren aus starken Eichenbohlen gebaut. Die brachen nicht.
Also
zog der Ankömmling sein Messer. Der Zigeuner zog das Seine. Während die Kämpfer
versuchten den Anderen zu verletzen, waren die Boote führerlos, da niemand sie
durch diesen Sturm steuerte.
Die
Großbäume schlugen im Sturm heftig hin und her – beide mussten sich ständig
ducken – mühsam im schwankenden Boot die Balance haltend.
Endlich
zeigte es sich, dass der Zigeuner der Kräftigere, der Schnellere und der
Erfahrenere war.
Der
Großbaum schlug gegen den Kopf des Anderen, schmetterte ihn zu Brei, und der
Zigeuner konnte endlich seine Fahrt fortsetzen.
Es
begann zu regnen. Der Wind flaute plötzlich ab, das gereffte Segel flatterte
wild und musste geborgen werden. Keine Fahrt im Kahn – endlich konnte er das
Tuch bergen. Er setzte sich an die Ruder und brachte mit kräftigen Stößen das
Boot wieder in Fahrt.
Es
war noch ein langer und mühsamer Weg durch die klatschenden Wellen.
Aber
seine Muskeln waren stählern, und er ruderte und ruderte, und ruderte, und
ruderte – sechs Stunden lang, bis er endlich den schützenden Hafen erreichte.
Es
war Abend geworden.
Einige
Fischer, die noch müßig herum standen, halfen ihm das Boot mühsam die Düne hoch
zu ziehen, so dass es außer Reichweite der Fluten und Wellen kam.
Er
takelte das Segel ab, verstaute es in einer Kiste und ging dann nach Hause –
nach Hause zu seiner Mutter.
Es
war ein kleines ärmliches Haus – eher eine Hütte, mit geringem Raum und einem
halb vermoderten Schilfdach.
Als
er durch die Tür trat begrüßte ihn die Mutter – überglücklich, dass er noch
lebte.
Während
sie ein kleines Feuer anfachte, um ihm einen Fisch zu braten, den der Bruder im
Meer gefangen hatte, das Holz für das Feuer hatte sie am Vortag am Strand
gesammelt, angeschwemmtes Strandgut aus kleinen und größeren Stücken, begann
der Zigeuner vor sich hin zu summen, dann verwandelte sich der Ton, es wurde
ein Gesang daraus, mit gutturalen Tönen, Krächzern, der Cante Jondo, dem
Flamenco.
Der
Fisch, den er mit immer fettigen Händen von den Gräten ab gepult hatte, und
glücklich in den Mund geschoben, lag ihm nun wohlig im Magen.
Endlich
konnte er ausruhen nach dem Kampf auf dem Meer, dem Kraftverlust durch
stundenlanges Rudern – und er legte sich zufrieden rücklings auf den Boden.
Im
Dämmern, kurz vor dem Einschlafen, beruhigte ihn das friedliche Rauschen des
Regens auf dem dünnen, löchrigen Dach.
Er
fiel in ein tiefes Loch, immer schneller, und mit letzter Kraft stemmte er sich
dagegen und kam langsam wieder ans Licht.
Der
Mond schien, ein dunkelblauer Himmel, übersäht mit Sternen, die Milchstraße
blendete ihm fast die Augen.
Die
Milchstraße, la Voie lactée, die den Sternenweg von St. Maries de la Mer bis
Cantiago de la Compostela zeigte.
Jahrhunderte
später, so sah er, würde ein Pilgerweg nach Compostela sehr besucht werden,
weil die katholische Kirche einen Ablass gewährte, das heißt, wenn man diesen
Weg zu Fuß erwanderte, eine Jacobs-Muschel umgehängt, so wären alle Sünden
schon im Diesseits vergeben.
In
Compostela angekommen, man brauchte für den erfolgreichen Abschluss des Weges,
bestätigt durch viele Stempel von allen Stationen des Weges, zeigte sich die
Kathedrale in herrlicher Gotik, und Besonderheit dieser Kirche war ein riesiges
Weihrauchgefäß, das von Novizen durch
gemeinsames Ziehen an langen Stricken in Bewegung gesetzt wurde.
Langsam
begann es hin und her zu schwingen, immer stärker, bis es endlich durch die
ganze Weite des Kirchenschiffs den hohen Raum mit Weihrauch erfüllend, alle
Pilger betäubend, die Andächtigen in Trance versetzte und glücklich machte.
Er
wachte auf. Durch das löchrige Dach schienen erste Strahlen einer goldenen
Sonne. Seine schmerzenden Glieder hatten sich erholt, er stand auf, begrüßte
seine Mutter, gab ihr einen Kuss und eine Umarmung, setzte sich und aß ein
wenig. Eine Hand voll Grütze in einer hölzernen Schale, genügte ihm.
Er
ging nach draußen.
Seine
Kleider, zerrissen und lumpig, schlotterten ihm um die Beine.
Das
erste Ziel war die Kirche von St. Maries
de la Mer. Er wollte in die Kirche gehen und der Schwarzen Madonna danken für
die glückliche Heimkehr.
So
früh am Morgen war die Kirche noch leer. Später würde sie sich füllen, denn es
war der Tag des Festes der Schwarzen Madonna.
Und
von überall her weit gereist kamen die Roma und Sinti um ihr zu huldigen.
Dort
in der Kirche, so früh am Morgen, sah er sie zum ersten Mal.
Eine
große, zarte Gestalt, mit dunklen, tiefen, liebevollen Augen.
Der
bunte Stoff des faltenreichen Rockes schmiegte sich sanft an ihre Beine wenn
sie ging.
Während
sie zum Altar ging, um zu beten, und Fürbitte für Jemanden zu sprechen, er
wusste nicht für wen, flogen Ihre Haare liebevoll um ihren schlanken Hals.
Während
er noch in ihren Anblick versunken war, hatte sie ihr Gebet schon beendet, und
war im Nu verschwunden.
Lange
saß er noch dort in der hölzernen Bank und träumte von ihr.
Dann
sprach er sein Dankgebet, ließ seine Augen über die Säulen und Bögen des
Seitenschiffs der geliebten Kirche wandern und ging dann langsam wieder hinaus.
Ein
zartes Sehnen, Kribbeln im Bauch konnte man es noch nicht nennen, erfasste ihn.
Er
wanderte ziellos durch die Straßen als jemand ihn rief.
„He
Zigeuner, du bist wieder da?
Komm
mit – ich habe gerade neue Pferde gekauft. Lass uns ausreiten“.
Er
ging mit zu den Ställen, es waren die weißen
Camargue
Pferde. Sie zogen sie aus dem Stall und sattelten sie.
Wie
üblich waren die Sättel vorn und hinten hoch gebaut. Das gab Reitern Halt genug um mit einer Hand
die Zügel zu halten und mit der Anderen ein Lasso zu schwingen, wenn Kälber ein
zu fangen waren, um ihnen das
Brandzeichen des Besitzers einzubrennen.
„Komm“
sagte der Freund.
„Nach
diesem langen, einsamen Segeln wirst zu sicher gerne wieder durch das Land
reiten, wie unsere wunderschöne Camargue sich dir zeigt“.
Sie
ritten über grüne Wiesen, die sich durch die Landschaft zogen, umgeben von
wasserarmen Flussläufen, Seen - ein buntgescheckter Teppich, zwischen Grün und
Blau, den Wiesen und dem Wasser.
In
den seichten Gewässern stolzierten Flamingos, auf einem Bein stehend, das Wasser scharf beobachtend, um mit
blitzschneller Bewegung mit dem langen, spitzen Schnabel Fische zu erhaschen –
und auf den Wiesen grasten große Herden von weißen Pferden, Kühen und schwarzen
Stieren.
Während
sie gemütlich im Schritt ritten, galoppierte plötzlich mit wehenden schwarzen Haaren ein junges
liebreizendes Wesen vorbei.
Das
war das zweite Mal, dass er sie sah.
Sein
Herz begann wild zu pochen.
Trotz
der weiten Röcke saß sie nicht im Damensitz. Normal im Sattel sitzend,
breitbeinig männlich, schoben sich die Röcke hoch und ihre weißen, sanften
Schenkel reizten ihn.
Sein
Glied, sich aufrichten wollend, aber doch nicht könnend wegen der engen Reithosen
fing an zu schmerzen.
Gott
sei Dank ritt sie so schnell, dass sie bald
ihren Blicken entschwand.
Um
sich ab zu lenken richtete er sein Augenmerk auf die vielfältigen Gräser und
Pflanzen auf den Wiesen.
Nein,
es war nicht nur borstiges Gras das hier wuchs.
Auf
der heißen trockenen Erde wuchsen auch vielerlei Kräuter, die der Provence
eigen sind.
Thymian,
Majoran, Salbei, Oregano, Minze.
Er
hielt den Gaul an, beugte sich hinunter, soweit er konnte, und roch den Duft
dieser wilden Landschaft.
Er
konnte fast das Aroma eines Gerichtes, zubereitet mit diesen Kräutern in der
Nase, auf der Zunge spüren.
Lammkeule,
die von Schafen oder Lämmern stammte, die auf diesen Wiesen, duftenden Wiesen,
Kräuterwiesen gefressen hatten.
Seine
Mutter war so arm, dass sie diese Gerichte nicht kochen konnte.
Er
nahm sich vor, viel und schnell zu arbeiten um ihr das zu ermöglichen.
Die
arme Mutter.
Abgehärmt,
allein, der Vater war mit seinem Boot nach der letzten Fangreise nicht mehr
zurückgekehrt.
Es
war Mittag geworden. Der Freund – Django
– lud ihn zu sich nach Hause ein. Dort bürsteten sie sich den Staub von
den Kleidern, wuschen Gesicht und Hände.
Sie gingen aus dem Haus.
Django
meinte dann „komm - ich weiß ein Lokal
das heute gerade aufregend sein wird, wo das Essen gut schmeckt und die Musik
wild ist“.
Sie
schlenderten durch den Ort.
An
jeder Ecke hörte man Musik, Musik der Zigeuner mit gezupften Instrumenten und
Gesang. Fetzen von Cante Jondo wehten herüber.
Ihre
Beinkleider wurden unten staubig und dreckig durch das Wandern auf den
matschigen Wegen, nur an wenigen Stellen mit Pflastersteinen befestigt.
Bald kamen sie zu dem vom Freund ausgesuchten
Lokal.
Ein
riesiger Raum, die Tische, Klötze aus dicken, durchgesägten Baumstämmen, die
Bänke aus Treibholz zusammen gezimmert.
Der
Raum war fast voll Besucher, die das Fest der Schwarzen Madonna feiern wollten.
Überall rannten kleine und größere Kinder, und manchmal, wenn ein Viluelaspieler (Vorläufer der Gitarre)
angefangen hatte – ganz spontan – eine Flamenco Melodie zu zupfen – fielen sie
ein mit ihren hohen Kinderstimmen und versuchten mühsam das Dunkle der Cante Jondo mit zu machen.
Es
gab Fisch – Schwertfisch. Ein Raubfisch mit wenig Gräten und äußerst
geschmackvollem Fleisch.
Plötzlich
sah er sie wieder.
Ganz hinten, in der Ecke des Lokals war sie
aufgestanden – offensichtlich hindern die Klänge der Musik sie daran sitzen zu
bleiben.
Sie
stand auf und tanzte.
Sie
schien schon vor längerer Zeit gekommen zu sein.
Der
Wein hatte ihr Gesicht erglühen lassen und machte sie noch schöner als er sie
in Erinnerung hatte.
Ein
Mädchen brachte ihnen Literkrüge mit Rotwein. Das Bewusstsein gedämpft, spürte
er wieder heiße Wallungen durch seinen Körper beim Anblick dieser Frau.
In
einer Ecke des großen Raumes sang und spielte ein Zigeuner mit rauer Stimme.
Immer
wieder kamen andere Männer dazu um ihn zu begleiten.
Plötzlich
beugte sich der Sänger, winkte einen Jungen zu sich und flüsterte ihm ins Ohr.
Nach
einer Viertelstunde kam der Junge wieder und führte einen Blinden mit sich.
Er
half ihm liebevoll sich auf einen Hocker in der Nähe des Sängers hin zu setzen.
Dann
begann der Blinde auch zu singen. Dem Zigeuner wurde heiß und die Tränen
tropften aus seinen Augen, weil das ein so wunderbarer Gesang war.
Inzwischen
war der zweite Liter Rotwein geleert. Die Seele löste sich von den
Alltagssorgen und der Zigeuner war glücklich.
Links
spielte der Blinde, im Saal hinten tanzte das Mädchen.
Endlich
fasste er sich Mut, um aufzustehen, zu ihr zu gehen um mit ihr zu sprechen, vielleicht
auch um ihre Hand nehmen zu dürfen -
aber da war sie schon verschwunden.
Der
Zigeuner ging zum Strand, legte sich in den heißen Sand auf den Rücken, schaute
in den Himmel, klar blau – tiefer und noch tiefer – je tiefer er schaute, so
dunkelblauer wurde der Himmel – ab und an zogen Wolken silberweiß vorüber – und
dann schlief er ein.
Um
ungestört zu sein, hatte er sich entfernt von der Stadt und eine Düne gefunden,
wo er bequem im Sand lag.
Wachträumend,
kurz bevor er tief einschlief, spürte er plötzlich eine sanfte Berührung am
Körper. Es war das Mädchen.
Statt
der weiten, vielfältigen Röcke, hatte sie sich ein leichtes Hemd übergeworfen.
Er
hatte nur einen leichten Schurz angelassen, um auf seiner nackten Brust die
wärmenden Strahlen zu spüren.
Sie
schmiegte sich an ihn.
Sie
streichelte mit den Fingern seine Wange.
Er
wurde wacher, es wurde ihm heißer.
Er
beugte sich über sie, und berührte mit seinen Lippen ihre Stirn, ihre Augenbrauen, ihre Wangen, ihre Nase, und
endlich streifte er ganz sanft ihren Mund, der weich und warm und wie fast
geschwollen wirkte.
Seine
Männlichkeit, stramm und größer werdend, fühlte sich eingezwängt von dem Stoff.
Beide
streiften alles von sich, rutschten zu einander, berührten sich, mit ganzen
Leibern, rollten hin und her im Sand, immer wilder, bis sie endlich zu einander
fanden.
Die
Erfüllung war so wunderbar, dass sie beide das Bewusstsein fast verloren, und
so vereint noch lange bei einander lagen, bis langsam die Erregung abflaute,
und beide sich heiß umschlingend einschliefen.
Plötzlich
wurden sie aus einander gerissen.
Es
waren ihre Brüder.
Einer
der Brüder hatte bemerkt, dass sie mit dem Zigeuner gegangen war, dem Zigeuner,
der aus einem anderen Stamm stammte.
Die
Stämme waren tödlich verfeindet.
Die
Brüder suchten das Paar. Einer sah sie am Strand, und holte die anderen.
Sie
zerrten das Mädchen fort.
Das
durfte nicht sein!
Und
dann schlugen sie mit Knüppeln auf den Zigeuner ein – auf die Beine, den Bauch,
die Arme, zuletzt schlug einer ihm mit Wucht auf den Kopf.
Dann
gingen sie.
Der
Zigeuner war nun sicher tot.
Doch
er lebte.
Nach
Stunden wachte er langsam auf.
Seine
Muskeln waren so gut gestählt und hart, dass sie alle Schläge überstanden, und
den Kopf hatte die dichte Wolle der Haare geschützt und den Schlag gedämpft.
Er
musste fliehen.
Die
Brüder des Mädchens hatten ihn für tot
liegen lassen.
Das
verschaffte ihm ein wenig Zeit.
Er
lief zur Mutter um sich zu verabschieden, und machte sich auf den Weg.
Er
wusste, dass Familien seines Stammes an der Algarve wohnten.
Kurz
überlegte er, ob er zu Fuß, oder über das Meer mit seinem Boot dorthin fliehen
sollte.
Auf
dem Meer konnten ihn die Verfolger nie finden.
Denn
die Brüder, die einen Totengräber zu seiner Leiche geschickt hatten, hörten
bald, dass er noch lebte und verschwunden war.
Plötzlich fiel ihm ein, dass die Brüder sicher
auch versuchen würden, den Fluchtweg von der Mutter zu erfahren – wenn nötig
mit Gewalt.
Das
durfte nicht sein.
Er
rannte also nach Hause, schlich sich vorsichtig, falls die Brüder schon da
waren, zur Mutter.
Sie
war allein.
Er
umarmte sie, und sagte, dass er in die Algarve segeln würde zu den Verwandten –
sie könne das ruhig allen erzählen, denn auf dem Meer könnte ihn niemand
finden.
Nun
die letzte Hürde – das Boot zu erreichen und los zu segeln.
Für
Proviant war keine Zeit mehr – er konnte immer angeln, und den Fisch roh zu
essen war er gewohnt.
Trinkwasser
war nötiger, aber es würde schon irgendwann regnen.
Im
Tuch des Segels aufgefangen, sammelte sich schnell viel trinkbares Wasser.
Den
Anker aus dem Sand gerissen, das Boot
mit letzter Kraft zum Wasser gezogen, Mast und Segel gesetzt, in Sekunden war
er unterwegs bei einer leichten Brise, die ihn schnell vom Ufer entfernte.
Nach
einer Stunde war er außer Sichtweite und änderte dann den Kurs nach Osten.
Nach
einiger Zeit steuerte er wieder näher ans Land – so konnte er leichter sein
Ziel, Marsilia, ansteuern.
Der
Zigeuner hatte seinen Plan geändert.
Nicht
nur fliehen wollte er, nein, der Plan war nun erst viel Geld zu verdienen, dann
die Mutter und das Mädchen zu holen, und mit ihnen in ein Land zu reisen, wo
sie für immer sicher sein würden.
Denn
das Mädchen liebte er – wollte immer mit ihr zusammen sein – und die Mutter
sollte endlich ohne Sorgen und Schrecken altern dürfen.
In
dem alten – von Griechen vor 17 Jahrhunderten gebauten - Hafen, fand er schnell Platz für sein Boot.
Später
hatten die Römer in die Kaimauern dicke Eisenringe eingelassen, an denen er nun
das Boot festmachte.
Als
er da so müde und erschöpft im Boot saß, sprach ihn ein Fischer vom
benachbarten Boot an.
„
He, komm rüber, du siehst völlig fertig aus“.
Er
kletterte in das andere Boot.
Der
Fischer gab ihm einen Krug.
„Trink
erstmal einen Schluck Wein, dann gibt’s auch was zu essen“.
Der
rote Wein tat gut.
Er
entspannte sich.
Dann
ein Kanten Brot und gebratener Thunfisch.
„Danke
– ich musste plötzlich von zu Hause fliehen, da blieb keine Zeit für Proviant“.
„Und
was willst du jetzt machen“?
„Ich
muss Geld verdienen – um mit Mutter und Frau fort reisen zu können.
Weit
fort.
In
ein Land, wo mein Stamm das sagen hat und wir für immer sicher sind.
Kannst
du helfen? Als Fischer Geld zu verdienen ist das hier wohl nicht möglich, wenn
ich all die Boote sehe“.
„Es
wird ständig viel gebaut hier – der Handel blüht, und die Händler mit ihren
Waren aus allen Städten des Mittelmeers brauchen neue Häuser und Lagerhallen.
Versuchs
doch mal dort als Handlanger. Du siehst kräftig aus. Ziegel hoch schleppen. Das
klappt bestimmt“.
Der
Zigeuner kletterte auf den in die Steine eingelassenen Eisenstäben hoch,
schaute kurz, ob er irgendwo Häuser im Rohbau sah, ging dann nach rechts und
kam in das alte Griechenviertel von
Marsilia Le Panier.
Auch
hier wurden wegen des zunehmenden Handels über das Mittelmeer ständig neue
Kontore gebraucht.
Vierstöckige
Wohnhäuser, oben wohnte die Familie, darunter Küche und Personal, Köche,
Dienstmädchen, Angelernte – oft aus fremden Ländern und wie Sklaven gehalten,
darunter im zweiten Stock das große Kontor mit vielen Schreibern an Stehpulten,
und endlich Parterre das Lager voll Spezereien, Stoffen, Seide Ballen, Gewürzen
aus Indien, Bernstein von der Ostsee.
Er
sah mehrere Rohbauten und ging zum Größten.
Ein
großer, dicker Herr, der einen Knüppel trug, sah wie der Aufseher aus.
Er
ging zu ihm, verbeugte sich höflich.
„Habt
ihr Arbeit für mich“ fragte er den Aufseher.
Der
betrachtete ihn von oben bis unten, besonders die breiten, starken Schultern
und die Größe der Armmuskeln.
„Gut
– du kannst gleich anfangen“, und wies ihn an einen schmächtigen Mann mit
verschmitztem Grinsen und einem Pnüppel in der Hand.
„Der
Aufseher schickt mich. Ich soll mich bei dir melden“
„Gut
– hier ist eine Trage für den Rücken um Ziegel zu laden. Die müssen in den
vierten Stock. Nimm dort die Leitern“.
Das
wog zusammen etwa 90 Pfund – im dritten Stock musste er stark keuchen – aber er
schaffte es doch.
So
ging das viele Tage lang.
Zu essen gab es trockenes Brot und Fisch.
Fisch, der am Hafen wohl gerade der billigste war.
Die
Arbeiter schliefen auf dem nackten Boden.
Sobald die Dämmerung kam, und man etwas sehen
konnte, schrie der Antreiber laut, wer nicht sofort aufstand bekam einen Hieb
mit dem Prügel, dann wieder Fisch und Brot.
Und
dann die Ziegel hoch tragen.
Jetzt
war er als fleißig und willig bekannt.
Es
gab sicher besser bezahlte Arbeit.
Er
brauchte für seine Pläne viel Geld.
Er
ging zum Aufseher.
„Herr,
ihr kennt mich jetzt als fleißig und sorgsam. Ich bitte nun um eine andere
Arbeit – mit besserem Lohn.“
„Sprich
– sag was du meinst“.
„Herr,
ich bin Fischer. Und das Boot habe ich selbst gebaut. Ich habe viele Jahre
gelernt gute, schnelle und schöne Boote zu bauen.
Wenn
es euch gefällt, setzt mich als Zimmermann ein – beim Hausbau und mit mehr
Lohn“.
Der
Aufseher überlegte kurz und meinte, „gut, zeig mal was du kannst. Mein Herr
lässt nicht nur dieses Haus bauen, sondern oben auf dem Berg eine Windmühle.
Die
wachsende Stadt Marsilia braucht immer mehr Nahrung.
Der
ganze Dachstuhl muss ausgebaut werden. Leider gibt es wenig Holz. Das ist ein
großes Problem.
Deswegen
ist die Mühle noch nicht fertig.
Der
runde Turm steht, aber das Holz fehlt für das Dach.
Wenn
du dieses Problem lösen kannst, hast du den Auftrag und wirst fürstlich
entlohnt“.
„Gut,
ich werde mal alles prüfen, ich bin in zwei Tagen wieder hier“.
Erst
ging er ans Meer, um zu sehen, ob es Treibholz gäbe.
Was
er bei langem Wandern am Strand sah, wäre niemals genug für das Dach.
Am
nächsten Tag ging er zum Hafen. Dabei kam er zu einer versteckten Seite des
Hafens.
Dort
wurden Segelschiffe abgewrackt.
Sie
hatten Jahrzehnte ihren Dienst getan – in Stürmen und Flauten, in eisiger Kälte
und glühender Hitze, das bekommt keinem Holz und sei es auch aus Eichenbohlen.
Das
war‘s! Der Zigeuner sprang fast in die Luft vor Freude.
Jetzt
war alles gerettet.
Er
rannte um den ganzen Hafen herum um wieder nach Westen zu kommen wo er den
Aufseher fand.
„Ich
kann das Holz liefern“ sagte er. „Holz von
abgewrackten
Schiffen. Eiche und anderes Holz, das noch gut viele Jahrhunderte übersteht.
Hab‘ ich das Geschäft?“
Der
Antreiber wurde informiert, und der Zigeuner fing am nächsten Morgen an, das
Dach der Windwühle auszubauen.
Von
dem ersten Verdienst beschaffte er sich das notwendige Werkzeug.
Ein
guter Hammer, geschmiedete Nägel in allen Längen, eine scharfe Säge, dicke
Bohrer für Zapflöcher bei Verbindungen und große Schnitzmesser.
Nun
war er fast selbständiger Unternehmer.
Er
brauchte Handwerker, Arbeiter und einen Koch.
Unten
in dem Turm gab es einen großen hohen
Raum, der später als Lager für die Mehlsäcke und auch für das Reparaturmaterial
dienten sollte.
Hier
sollten alle schlafen, essen, wohnen.
Einige
Tage suchte er die Mannschaft zusammen. Zigeuner seines Stammes.
Damit
hatte er eine Familie – eine Familie,
die zu ihm stände, ihn nicht verraten würde, und weil er guten Lohn gab,
fleißig sein würde. Nicht wie die bedauernswerten Sklaven des Antreibers.
Bald
hatte er 10 Leute, auch Zimmerleute und Steinmetzen waren dabei. Die Mühlsteine
mussten behauen werden, Löcher für die tragenden Balken ausgestemmt, Treppen
angelegt und vieles mehr.
Als
alle endlich beisammen waren in dem großen Raum, trat er vor sie hin und
sprach:
„Gut,
dass ihr da seid. Wir sind von einer Gesinnung. Je schneller wir fertig werden,
so schneller können wir etwas Neues anfangen.
Und
das wird dann unser eigener Bau sein.
Alle
sind beteiligt. Wie in einer Familie.
Die
Kranken werden versorgt, die Kinder lernen Lesen, Schreiben und Rechnen, die
Alten haben Wohnung und Brot.
Bei
Dämmerung stehen wir auf, unser Koch hat ein Mahl zubereitet, so auch mittags
und abends.
Auch
schon hier werden die Kranken versorgt. Wie es sich für eine Familie gehört.
Danke.
Hier sind Heu und Stroh für das Nachtlager.“
„Chef,
was ist das mit dem Lesen und Schreiben?
Kannst du es? Und wieso?“
„Ja,
ich kann`s, mein Vater war Fischer und ist eines Nachts bei einem riesigen
Sturm wohl ertrunken.
So
war ich mit 6 Jahren Halbwaise.
Es
war die Zeit der Gutmenschen – die Weisen der Katharer.
Eines
Tages kam wieder einer in die Gegend.
Er
schwätzte mit mir, fragte dies und das, fragte endlich ob ich lesen und
schreiben lernen wolle.
Klar,
wollte ich!
Wir
gingen zur Mutter, die sofort zustimmte. Ich sollte lernen, viel lernen, so
würde ich es später besser haben.
Er
nahm mich mit zu einem Grafen von Carcassonne
Raimund II. Trencavel der den Gutmenschen wohl gesonnen war, und den
Minnesang pflegte und für die Kinder eine Schule organisiert hatte.
Später
kam ich in ein Kloster, zu Mönchen, die mir Mathematik, Algebra und manch viel
Gescheites und nützliches beibrachten.
Diese
Wissenschaften kamen von den ungläubigen Arabern, aber das störte niemanden.
Selbst
die Zahlen von 1 bis 10 waren arabisch.“
Während
die anderen noch alles bequatschten, ging der Zigeuner nach draußen.
Die
nächsten Schritte bedenken.
Der
Ausbau würde sicher jetzt schnell voran gehen – das entnahm er den fröhlichen
Stimmen nach seiner Rede.
Als
nächstes das Getriebe, welches die Kraft der Windflügel auf die Mahlsteine
führte.
Eiche
für die Zahnräder, Eiche für die Achse, Steine für das Mahlwerk.
Es
war Abend geworden – die beste Zeit um sich zu sammeln, zu meditieren – wie er
es von den Gutmenschen gelernt hatte, und beim Blick nach oben zu der
Milchstraße nach zu denken, Einfälle zu erhaschen.
Am
nächsten Morgen, als er die Arbeit verteilt hatte, und sah, dass es gut voran
ging, verließ er seine Mannschaft oder besser Familie.
Erst
das Eichenholz.
Hier
im Süden nicht zu finden. Das wuchs nur im Norden.
Er
ging zum Hafen und weiter an die Mündung der Rhone, und sah schon von weitem
was er suchte. Lange Holzflöße. Bestimmt gab es auch Eiche.
Mit
kräftigen Flaschenzügen und Stangen zum Hebeln hievten Arbeiter die Baumstämme
auf das Land. Andere sägten mit großen Baumsägen je zu zweit Stücke ab.
Oder
standen auf einem Gerüst, einer oben,
der andere unten, und sägten dicke Bohlen für Schiffs– oder Hausbau.
Das
hat ja gut geklappt.
Er
suchte sich aus was er brauchte, und rief ein paar Fuhrleute, die das Holz zur
Mühle fahren sollten. Dann bezahlte er das Holz mit Goldmünzen und gab auch den
Fuhrleuten eine Anzahlung.
Das
wäre erledigt.
Am
Hafen des Port St. Louis de Rhone suchte er etwas zu Essen.
Ein
Schilfdach, verschiedene Sitzgelegenheiten, ein Holzfeuer mit darüber hängendem
großen Kessel, noch ein Feuer zum Braten
und grillen, dunkle schöne Gesichter – das waren sicher Landsleute.
Der
Zigeuner ging hin und setzte sich.
„Rotwein
und was zu essen“.
Der
Wirt nickte bejahend und seine langen schwarzen Haare unterstrichen die Zusage.
Bald
kam der Wein und schmeckte köstlich. Guter roter Wein aus dem Langedoc.
Jetzt
konnte er entspannen, den Wellen des Mittelmeers und den Möwen lauschen.
Man
nannte es wohl Kreischen, aber in seinem Ohr klang es wie die schönste Melodie,
der Gesang der Möwen.
Zigeuner
waren wohl die ersten, heute auch als
Kesselflicker bekannt, die schon vor vielen Jahrtausenden sich auf
Kupferverarbeitung verstanden.
Der
Wirt brachte eine große Kupferschale und einen Löffel aus Holz.
„Eintopf
der Provence“, sagte er, „Rind, Kartoffeln, Bohnen und Kichererbsen.“
Hmm
– das schmeckt und bringt Kraft.
Als
der Wirt auf sein Winken hin noch Wein brachte, fragte er:
„Und
die Gewürze? - was tust du rein, damit es so gut schmeckt?“
„na
ja, Salz, Thymian, Majoran, Salbei,
Pfeffer, etwas Emmer Mehl – das war‘s wohl, und das köchelt dann schon seit
heute Morgen“.
Zufrieden
holte er ein paar Münzen aus dem Beutel, der am Hals unterm Hemd hing, zahlte und ging in Gedanken
versunken wieder zur Mühle.
Bis
auf den Pfeffer gab es alles hier für gute Gerichte. Die Kräuter musste man nur
sammeln, das Salz kam von den Salzgärten an der Küste.
Die
Salzgärten werden mit Meerwasser gefüllt, das Wasser verdampft, wieder Füllen,
bis dicke Schichten entstehen. Zusammenschaufeln, Verkaufen.
Ja,
dachte er, das mit dem Pfeffer – warum sagte man Pfeffersäcke – und meinte nicht
die Säcke, sondern reiche Händler.
Da
war doch was dran. Großer Reichtum kam vom Handel und Import von Spezereien aus
Ländern im Südosten wie Indien, Länder die schon Alexander der Große erobert
hatte.
Auch
der Handel mit Geld brachte Reichtum. Darum waren die Händler im Tempel, die
Jesus vertrieben hatte, auch so erbost, dass Christus dafür sterben musste.
Doch
das musste warten.
Obwohl
es ihn juckte, selbst Handel mit Spezereien
zu betreiben.
In
der Mühle ging alles gut. Alle arbeiteten
schnell
und exakt.
Seine
`Familie`. Das Herz wurde ihm warm.
Doch
die Sorge um die Mutter ergriff ihn plötzlich. Ob alles gut war? Die anderen
ihr geglaubt hätten? Und sie nicht erneut bedroht hatten, als sie ihn nicht
fanden?
Er
musste unbedingt einen sicheren Ort für sie schaffen.
Aber
wo?
In
der alten Heimat, aus der sie vor zwei
Generationen ausgewandert waren – Afghanistan, konnte er die Mutter
nicht bringen. Noch brauchte er viel mehr Geld dafür.
Geld,
ja das nächste Problem. Wo aufbewahren. Die ersten Münzen hatte er am Hafen in
einem Loch der Kaimauer versteckt. Da passten jetzt keine mehr rein. Er wurde
gut bezahlt und es wurden immer mehr Münzen.
Wenn
er Besorgungen machte, neues Material bestellte, Handwerker für knifflige
Aufgaben, wie etwa die genaue Herstellung der Zahnräder für das Mahlwerk, hörte
er sich um, wie andere das mit dem Geld machten.
Nach
einigen Wochen gab jemand auch den Tipp.
Versuchs
mal bei den Tempelrittern. Genaues wusste er aber auch nicht.
Der
Zigeuner fragte sich durch, und so fand er den Weg zur Komturei von Marsilia.
Er
wurde freundlich aufgenommen und trug sein Anliegen vor. Man hätte ihm gesagt,
sein Geld wäre bei ihnen sicher.
Er
wurde freundlich empfangen, und zuerst herum geführt, wobei einer der
Tempelritter in weißem Gewand und Mantel mit dem roten Andreaskreuz darauf
ihm die Aufgaben der Ritter erläuterte.
Sein
Geld wäre hier sicher. Er könne die Münzen hier abgeben und als Quittung gäbe
es ein Papier mit der Summe und dem Abdruck seines Daumens. Die Linien auf dem
Daumen sind bei jedem Menschen anders – so anders, dass es keine Verwechslung
geben könne.
Diese
Quittung könne er später überall in einer anderen Komturei – etwa in
Frankreich, Deutschland, England, Österreich einlösen – er erhielte dort das
Geld zurück.
Jetzt
begriff er, warum der Handel überall so aufblühte.
Ohne
Raubritter und Wegelagerer, ohne marodierende Söldner gediehen die Städte, die Landwirtschaft, der Fischfang, die Künste
und Universitäten.
„Doch
ehe wir das Geschäftliche regeln, sollst du sehen, wes Geistes Kind wir sind.
In unserer Kirche findet alle Stunden eine Messe statt. Ich möchte, dass du das
miterlebst.“
Der
Templer nahm ihn bei der Hand und sie gingen zur kleinen Kirche der Komturei.
Die
kurze Predigt handelte von der Ehrfurcht vor dem Schönen, dem Wahren und dem
Guten.
Dann
gingen sie in ein Gewölbe aus schweren, festen Steinen. Die Schatzkammer.
Seine
Goldmünzen wurden gezählt und er erhielt die Quittung mit seinem
Daumenaufdruck.
Das
war gut so.
Keine
Angst mehr vor Überfällen.
Plötzlich
dachte er an seine Mutter.
Er
hatte doch Angst.
Ob
die Feinde sie wohl in Ruhe gelassen hatten?
Könnte
er doch etwas tun.
Der
Templer bemerkte seine Verzweiflung und fragte, ob er helfen könnte.
Der
Zigeuner erzählte von der Verzweiflung, dass seine Mutter nicht sicher sei, und auch besonders, weil er
dieses Mädchen vom anderen Stamm liebte.
„Ja
schon, es gibt Dörfer der Templer die zum Schutz aller Verfolgten gebaut worden
waren, -in unwirtlichen Gegenden, und von Tempelrittern bewacht.“
„Dort
wären deine Lieben sicher.“
„La
Couvertoirade ist nicht weit – in den Bergen von Larzac – geh‘ dorthin“
Ein
Stein fiel ihm vom Herzen. So könnte er beruhigt seine Ideen verwirklichen, der
Wunsch, soviel Geld zu verdienen, bis alle in der ursprünglichen Heimat seines
Stammes, nach Afghanistan gehen konnten
und sicher und zu Hause bei Verwandten leben könnten.
Nun
überlegte er, wie er die Mutter dorthin bringen könnte.
Aber
dazu musste er erstmal nach St. Maries de la Mer gehen, und dann sie unbemerkt
holen.
Nicht
so einfach.
Erst
dachte er, einer der Jungen seiner Baufamilie, ein kleiner, so 11 Jahre alt,
würde keinen Verdacht schöpfen – die Feinde des anderen Stammes wären so leicht
getäuscht.
Doch
dann kam ihm ein viel besserer Gedanke.
Ein
Mönch in einer Mönchskutte, etwas abgerissen, die Kapuze über dem geneigten
Haupt – niemand würde ihn erkennen oder anhalten.
Er
besuchte die Templer wieder, und dort bekam er was er wollte. Denn die
Tempelritter waren dafür bekannt, alte Kleider zu sammeln aus denen ihre Schützlinge
sich Neues nähen konnten.
Die
Kutte fand sich bald und der Zigeuner regelte noch alles für die nächsten
Arbeiten auf der Turmmühle und ging sein Boot klar zu machen.
Etwas
Proviant, Wasser, und am nächsten Morgen segelte er gen Norden.
Nach
zwei Tagen erreichte er St. Maries de la Mer.
Außer
Sichtweite hinter einem zerklüfteten Felsen zog er das Boot an Land.
Gegen
Mittag, als viel Volk unterwegs war, schlüpfte er in die Kutte und ging
gemessenen Schrittes, den Kopf gesenkt zur Hütte der Mutter.
Zu
erkennen gab er sich erst, als er sie mit ruhigen Worten und einem kurzen Segen
gefasst sah.
Die
stille Freude der Mutter überzog ihr Lächeln mit seligem Glanz.
Selige
Tränen stürmten ihr aus den Augen.
Bald
kam auch der Bruder.
Bisher
hatte sein Plan geklappt. Die Feinde hatten sie in Ruhe gelassen, waren wohl
zufrieden mit den Nachrichten vom Fluchtweg des Zigeuners.
Er
fragte, ob man von dem Mädchen etwas gehört hätte, wenig genaues war die
Antwort, man erzählte sich allerdings,
dass wohl eine Hochzeit bevor stünde.
Wie
Eisenklammern zog es sich um sein Herz.
Und
er konnte nichts machen.
Noch
nicht.
Nur
der Gedanke, dass er bald mit dem Mädchen, der Mutter und dem Bruder in ein
sicheres Land ziehen würde, tröstete ihn.
Schnell
suchte die Mutter das Wichtigste zusammen – nur das Nötigste wie der Kessel zum
Kochen, Brot und Fisch – denn es durfte nicht so aussehen, als ob sie fliehen
würde.
Sie
gingen einzeln zum Meer – der Zigeuner und die Mutter zu seinem Boot, der
Bruder zu dem eigenen.
Er
half der Mutter ins Boot, verstaute den Kessel und die wenigen
Habseligkeiten unter der Luke unter dem
Vorderdeck.
Dort lagerten auch schon die Netze,
Angelschnüre und Angeln, etwas Werkzeug, der Anker, ein kleineres Sturmsegel –
es war rot weil es mit Ochsenblut getränkt dichter und haltbarer wurde, sowie
sonstige Taue im Trockenen.
Im
Heck war eine Kiste für Fische eingebaut. Sie war dicht mit dem Bootsboden
verbunden und unten seitlich mit Löchern versehen. So war in der Kiste immer
frisches Wasser für gefangene Fische, die dort atmen konnten und so frisch an
Land verkauft wurden. Auf dem Deckel
konnte die Mutter bequem auf einem Kissen sitzen.
Das
Wetter war schön. Ein tiefblauer Himmel mit wenigen weißen Wolken, die ziemlich
schnell gen Westen zogen, getrieben von einem
Wind zwischen vier bis fünf Stärken, versprach eine gute Reise.
Der
Bruder hatte ihm geholfen, das Boot ins Wasser zu schieben und hielt es fest
während er auftakelte. Das Segel war schnell hoch gezogen, das Ruder
eingesteckt – der Bruder schob es noch gegen die Windrichtung.
Das
große Segel flatterte hin und her bis der Zigeuner mit der Pinne nach Lee
steuerte und das Boot schnell Fahrt aufnahm.
Der
Wind aus Süden, und so konnten sie mit einem Schlag nach Westen kreuzen.
Sie
nahmen schnell Fahrt auf. In Böen krängte das Boot so stark, dass die Mutter
etwas ängstlich blickte.
Doch
sie vertraute ihrem Sohn. Setzte sich dann aber doch lieber auf den Boden statt
auf der Fischkiste hin und her zu schaukeln oder herunter zu rutschen.
Da
der Wind nicht stärker wurde, hielt der Zigeuner diese wilde Fahrt bei ohne zu
reffen oder ein kleineres Segel an zu schlagen.
In
dem offenen Boot wurde leider auch die Mutter völlig durchnässt, aber sie
wusste ja wie wichtig die Eile war, die Eile, so schnell vor den jetzt
feindlichen Zigeunern des anderen Stammes zu fliehen.
Bei
der Abfahrt sah es noch besser aus sonst hätte der Sohn aus der Vorschiffsluke
ihr eine geölte Jacke rausgesucht.
Gegen
Abend waren sie schon so weit entfernt von St. Maries de la Mer, dass es sicher
war an Land zu gehen. Der Zigeuner fand eine geschützte Bucht wo sich ein
kleiner Sandstrand hinter einigen Felsen verbarg.
„Halt
mal die Pinne, und steure gerade aufs Land zu“. Die Mutter wusste ja worum es
ging von langen Fischfang Reisen mit dem Vater als noch keine Kinder geboren
worden waren, und steuerte geschickt auf den Strand zu.
Blitzschnell
löste er die Fallen, barg das Segel und sprang auf den Sand um das Boot höher
zu ziehen.
Dann
half er dem Bruder mit seinem Boot.
In
der letzten Stunde hatte die Dämmerung eingesetzt und der Himmel verfärbte
sich.
Im
Süden vergoldete die Sonne die Wolkenränder, weißgraue Streifen über immer
tiefer blauem Himmel, der schon erste Sterne zeigte – Venus links und der Orion
höher rechts, auch eine zarte Sichel des Mondes war zu erahnen.
Jetzt
war es Nacht, der Sternhimmel prächtig und strahlend, die Milchstraße zog ihr
Band durch das All.
Die
Brüder sammelten genug Treibholz für ein Feuer. Erst sollte sich die Mutter
wärmen und trocknen, gleichzeitig wartete der große Kupferkessel darauf mit
Fleisch, Bohnen und Kichererbsen gefüllt zu werden.
Beim
Schein des Feuers, das so angelegt war, dass es hinter den Klippen weder vom
Meer noch dem Land gesehen werden konnte, setzten alle sich um endlich zu essen
und sich zu entspannen.
Die
Aufregung, ob die Flucht auch gelingen würde, legte sich.
Der
Zigeuner kramte einen Beutel Rotwein aus der Bootskiste, die Mutter summte
sanfte Weisen - jetzt war die Familie endlich wieder zusammen, der eigene Puls
pochte nicht mehr so laut in den Ohren und hinter den Felsen war die laute
Brandung nur noch ein leichtes Plätschern im Sand.
Es
dämmerte erst, als die Mutter im Morgengrauen die ersten Schreie der Möwen hörte und aufwachte. Wie alle älteren
Menschen hatte sie einen leichten Schlaf
und dachte nun an ihren toten Mann.
Auch
wenn er oft beim Heimkommen von großer Gefahr in den Stürmen draußen erzählte,
manches Mal mit leckem Boot und ohne Fang wiederkehrte, so war sie doch
zufrieden mit dem Leben gewesen – sie hatten sich früh verliebt und geheiratet.
Noch
heute schwankte ihr Herz zwischen höchstem Glück des ersten verliebt Seins –
die Zeiten wo sie gemeinsam auf dem schnellen Boot gesegelt und gefischt hatten
und sie gemeinsam den Fang im Hafen von St. Maries de la Mer verkauften, wo sie
sich auf dem heißen Sand geliebt hatten, und nun das Gefühl der Trauer, und der
Schmerz, als eines Tages nach einem Sturm wohl sein Boot halb zertrümmert aber
nicht der Mann an den Strand geschwemmt wurde.
Sie
dachte oft an ihn. Irgendwie ahnte sie, dass er von den Sternen zu ihr herab
schaute, er ihr Kraft gab, das Gedeihen
der Söhne begleitete.
Und
jetzt auch in dieser Gefahr eine schützende Hand über die Familie hielt.
Kurz
darauf – der Himmel wurde heller, kaum konnte man die Sterne noch erahnen,
weckte sie die Söhne.
„
Es ist Zeit. Wir müssen los. Wer weiß wie lange das Wetter hält.“
Ihr
verstorbener Mann hatte bei jeder Ausfahrt sie ständig darauf hingewiesen auf
alles zu achten. Der Himmel, die Wolken, die Wellen, die Brandung, die
Himmelsrichtung des Windes, auch die Richtung der Wellen, die Farben von
Himmel, Meer und Brandung. Zu jedem Wechsel, und aus der Gesamtheit all dieser
Merkmale konnte man spüren wie sich das Wetter auf dem Meer ändern würde, mehr
oder weniger Wind, bleibende oder sich ändernde Windrichtung, war Segeln mit
oder gegen den Wind möglich und wie lange würde man segeln um ein Ziel zu
erreichen.
Ihre
Erfahrung sagte ihr, dass die Weiterreise mühsamer werden würde.
Auf
einem kleinen Feuer hatte sie schon den Rest des Eintopfs von gestern
aufgewärmt. Ein kurzer Morgendank, und alle begannen zu essen.
Bei
Menschen, die oft gefahrvoll leben – wie es besonders Fischer tun – ist
Frömmigkeit mit Fürbitten und Danksagungen ein wichtiger Teil ihres Lebens. Nur
so können sie in allen Situationen den Mut und die Gelassenheit aufbringen
diese zu Meistern.
Jetzt
war es hell genug um die Reise fort zusetzen. Die Mutter wusch den Kessel in
Meerwasser, der Bruder verwischte mit einem Zweig alle ihre Spuren im Sand,
damit auch niemand zufällig die Richtung ihrer Fahrt erkennen könnte und ihnen
folgte.
Der
Zigeuner hatte schon alles wieder im Boot verstaut, sie zogen die Boote ins
Wasser, die Mutter zog die Schuhe aus und watete zum Boot, hielt es dann fest,
wie sie es auch immer für ihren Mann getan hatte, damit der Zigeuner das Ruder
einstecken und die Segel hochziehen konnte.
Dann
halfen sie auch dem Bruder sein Boot segelklar zu machen.
Jetzt
war die Sonne im Osten aufgegangen, die Sterne verschwunden, der Wind wehte
kräftig aus der richtigen Richtung, so dass der Kurs mit leichtem Kreuzen
gehalten werden konnte.
Heute
war der Zigeuner besser vorbereitet auf das überkommende Wasser und er hatte
für sich und die Mutter eine dichte geölte Plane aus dem Vorschiff gekramt und
über ihre Beine gelegt. Beim Segeln störte es ein wenig, bei plötzlichen Böen,
die das Boot so weit krängten, dass schnelle Manöver erforderlich waren um
nicht zu Halsen oder in Lee Wasser zu
übernehmen – das barg die akute Gefahr
ganz um zu kippen.
Aber
lang geübt in allen Wetterlagen, hatte er sich daran gewöhnt blitzschnell zu
handeln, besonders weil ihm ein sechster Sinn eine Warnung vor den Problemen
von Wind und Wetter blitzschnell in den Bauch schoss.
Erst
fuhren sie wie gestern weit aufs Meer hinaus – weg vom Land – um nicht entdeckt
zu werden.
Der
Horizont versank bald, doch die Sturmmöwen begleiteten sie mit ihren
melodischen Schreien weit hinaus.
Wieder
gab es nur wenige Wolken am blauen Himmel, das Wasser plätscherte und gurgelte
an der Bordwand.
Nach
zwei Tagen ständigem Wehen aus derselben Richtung waren die Wellen noch größer
geworden, die Fahrt war so schnell, dass es schien als würden sie mit leichtem
Boot gleiten können.
Auch
die Mutter saß jetzt weit hinten, der Bug hob sich aus dem Wasser und bei
starken Böen zogen die Segel das Boot so schnell, dass ein halbes Gleiten
entstand.
Nach
zwei Stunden tauchte in der Ferne ein großes Frachtschiff auf. Ein Dreimaster
voll getakelt, sehr schnell – er musste wohl vollgeladen sein - so konnte er ohne zu reffen schnelle Fahrt
machen.
Die
Flagge im Top zeigte die Farben von Venedig.
Der
Zigeuner änderte den Kurs um näher an das Schiff zu kommen.
Der
Dreimaster kam ihm bekannt vor.
Jetzt
konnte er auch ein Winken erkennen.
Ja,
er hatte das Schiff in Marsilia im Hafen gesehen, sich mit dem zweiten Offizier
angefreundet und oft mit ihm Backgammon gespielt, was beide von den Griechen in
der Stadt gelernt hatten.
Der
zweite Offizier hatte wohl sein Boot an
den roten Segeln erkannt.
Bald
war das Schiff außer Sicht, mit einer viel größeren Länge konnte er auch
erheblich schneller segeln.
Der
Zigeuner änderte den Kurs in Richtung Küste näher zum Land, denn der Wind
schien an Kraft zu zunehmen und würde sich bald zu einem Sturm entwickeln.
Alle
Anzeichen sprachen dafür. Die Wolken wurden dichter, die Wellen hatten immer
öfter Schaumkronen, Gischt flog zu weilen durch die Luft, die Möwen kamen nicht
mehr gegen den Wind an und ließen sich treiben.
Der
neue Kurs war trotz halbem Wind aus Lee mit dieser Beseglung zu halten. Er
fierte die Großschot soweit, dass das Segel nur halbvoll stand. Dennoch rasten
sie mit hoher Geschwindigkeit dahin.
Das
war immer eine tückische Entscheidung.
Aussitzen
und schnell an Land gelangen, oder die Segel reffen und riskieren in einen
gefährlichen Sturm zu kommen.
Vorher
konnte auch der Erfahrenste nicht wissen, welche Entscheidung besser wäre.
Auch
sein Vater – der als einer der
erfahrensten
Bootsführer
bekannt gewesen war, hatte wohl die falsche Entscheidung getroffen und die
Mutter einsam gemacht.
Der
Bruder hatte längst ein Reff eingedreht, war aber wegen des geringeren Gewichts
des Bootes gleichschnell.
Der
Himmel wurde immer düsterer.
Er
blickte kurz zur Mutter, aber sie zeigte keine Furcht.
Wildes
Segeln war sie aus der Zeit mit ihrem Mann gewohnt, und wusste um die
Notwendigkeit einem Sturm zu entkommen.
Endlich
kam die Küste in Sicht.
Und
der schützende Hafen von Marseillan im Etang de Thau.
Sie
waren wohl schneller gen Westen gekreuzt mit besserem hoch am Wind liegendem
Kurs als er vermutet hatte.
Sie
rasten mit voller Geschwindigkeit durch den schmalen Einlass zwischen hohen
Kaimauern in das ruhige Wasser des Hafens, und fanden auch schnell eine Boje
zum fest machen wo sie in Ruhe abtakeln konnten.
Das
rote Segel musste schnell geborgen und verstaut werden – das Rot war zu bekannt
an der ganzen Küste und konnte ihre Anwesenheit leicht verraten.
Der
Bruder ließ sein Boot an der Boje, stieg zu ihnen über und sie ruderten an
Land.
Der
Zigeuner fragte sich nach der Kompturei der Templer durch und bald sahen sie
auch die stolze Burg.
Eine
mächtige Festung und sicherer Ort, wo die Ritter dem Umland, den Reisenden, den
Verfolgten Schutz boten.
Der
Torwächter grüßte sie freundlich, fragte nach dem Begehr, und rief dann einen
Novizen, der sie zur Verwaltung brachte.
Da
sie vom Wind und dem harten Segeln ermattet schienen, bot man ihnen zuerst
etwas zu Essen und Trinken an. Doch der Zigeuner zeigte schnell sein Papier als
Ausweis und bat, um einen sicheren Anlegeplatz für die Boote.
Während
die Mutter in die Küche geführt wurde, wurde ein anderer Knappe angewiesen ihnen
einen sicheren Platz im Hafen für beide Boote zu zeigen. Ein Platz, der den
Templern gehörte, und wo niemand es wagen würde etwas zu Stehlen oder zu
beschädigen.
Der
Abend dämmerte und es wurde finsterer, doch sie kamen noch gut zum Hafen,
verlegten ihre Boote und gingen dann zur Mutter.
Inzwischen
war es Nacht geworden, überall beleuchteten Kienspanfackeln und Kerzen die
Flure, Säle und Zimmer. Im flackernden Schein führte sie der Knappe zum Zimmer
der Mutter und dann zum Refektorium.
Ein
großer und hoher Saal, ein riesiger Tisch in der Mitte, vorne ein erhöhtes Pult
wo während des Essens ein Ritter aus der Bibel las oder christliche Legenden
von Heiligen erzählte. Auch die
Tagesereignisse, etwa Berichte von Reisenden aus aller Welt wurden hier besprochen
und diskutiert.
Knappen
trugen die Speisen und Getränke auf, Wein gab es und dicke Suppe mit Bohnen und Hammelfleisch.
Der
Knappe fand einen Platz für sie zwischen Mönchen auf der einen Seite und
Reisenden auf der anderen.
Vorne
erzählte der Vorleser gerade von den Leiden der Thebäischen Legion in Köln,
eine römische Legion, die alle zusammen den Märtyrertod erlitten hatten.
Dann
machte er eine Pause, setzte sich auch an den Tisch um zu essen.
Der
Zigeuner fing bald ein Gespräch mit den Reisenden an. Es waren Händler, die mit
Maultieren Waren aus Spanien brachten. Die Güter waren für Marsilia bestimmt.
Diese große Stadt hatte so viel Hunger, dass man dort alles zu guten Preisen
loswurde.
Sehr
interessiert hörte der Zigeuner zu. Das wollte er ja auch machen. Handel mit
kostbaren Waren.
Gewürze,
Seide, Goldschmuck, Geräte aus Bronze.
Er
fragte immer weiter, und endlich sah er das ganze Bild vor sich.
Rings
um das Mittelmeer, an allen Küsten, auf allen Inseln handelte man.
Transport
mit Schiffen oder Galeeren, zu Land mit Maultieren, Pferden oder Ochsenkarren.
Das
ganze Mittelmeer war nur ein gigantischer Basar!
Und
er brauchte nur zuzulangen!
Die
Freude lief ihm durch die Glieder und er küsste die Mutter und den Bruder
glücklich lächelnd.
Der
Bruder stupste ihn an und meinte, die Mutter wäre von der Reise im Sturm
ermattet und müsste schlafen.
Sofort
stand er auf und führte sie liebevoll zu ihrem Zimmer.
Mutter
und Bruder kuschelten sich in warme Decken. Das Licht der Kerzen war erloschen.
Durch das obere Fenster schien ein silberner Mond, der zunahm.
Trotz
Müdigkeit, lag er noch lange wach. Dachte über alles nach was die Kaufleute
erzählt hatten. Den Handel rings um das Mittelmeer, und auf dem Mittelmeer.
Gut,
dass er als Kind in der Schule bei den Mönchen aufgepasst hatte.
Alles
was mit Handel zu tun hatte, kam ihm in den Sinn. Besonders der Transport über
Wasser.
Erst
die Ägypter, die schon vor 5 tausend Jahren mit großen Schiffen den Nil hoch
und runter segelten.
Dann
die Phönizier, die Jahrhunderte lang das Mittelmeer beherrschten. Mit großartig
gebauten Triremen. Handels- und Kriegsschiffe. Besonders nachdem sie sich in
Karthago festgesetzt hatten. Von dort eroberten sie alle Länder rings um das
Mittelmeer und schickten sogar Elefanten zum Schrecken der Römer. Gewaltig.
Bald
träumte er von mächtigen Schiffen und klobigen Ochsenkarren, alles kam
durcheinander, die Schiffe hatten Räder und fuhren die Berge hoch und schnell
wieder hinunter, bei den Karren waren viele Segel aufgezogen und die Ochsen
tanzten hinterher.
Zwischendurch
lächelte das Mädchen und schwebte dann auf den Mond. Sie hatte den Mond so
gedreht, dass er zur Hängematte diente und schaukelte dann leicht hin und her.
Einmal
winkte sie auch.
Nach
tiefem Schlaf wachte er vom Gesang der Möwen auf.
Die
Träume stellten Bilder vor seine Gedanken – noch im Halbschlaf wusste er
plötzlich, dass es dem Mädchen gut ging. Das sah er in dem Traum.
Er
weckte den Bruder und die Mutter und sie gingen zum Refektorium.
Um
punkt sieben begann der Vorleser in vollem Templer Ornat mit der Morgenandacht.
Die
Novizen begannen mit einem Gregorianischen Choral, und alle Anwesenden fielen
so gut sie konnten ein.
Denn
nicht alle Anwesenden waren Christen, die Templer machten keine Unterschiede und
empfingen in ihrem sicheren Schutz alle ohne Ansehen der Herkunft oder
Religion.
Man
sah auch Türken, Berber und Wikinger –
wie
auch Mongolen und Araber.
Die
Kompturei lag an einem wichtigen Hafen, einem Schnittpunkt der Handelswege.
Nachdem
der Vorleser die Andacht mit dem üblichen Gleichnis – heute dem Bild von den
Vögeln, die nicht sähen oder ernten und doch Nahrung haben – beendet hatte,
begrüßte er alle Gäste, und bat Platz zu nehmen.
Auf
dem großen Tisch standen viele Kessel mit warmer Grütze und Krüge mit Milch.
Zur
Kompturei gehörte natürlich auch ein großes Landgut für die Nahrung der
Templer, der Reisenden und der Kranken im angeschlossenen Hospiz. Genauso wie
in der ersten Kompturei in Jerusalem.
Unsere
kleine Familie ging auch zu dem Tisch und fand Platz bei zwei Arabern in weißen
langen Gewändern.
Der
Bruder holte drei Holzschalen, füllte sie mit Grütze und Milch und brachte sie
der Mutter und dem Zigeuner.
Dann
noch Krüge mit Milch. Auf dem Tisch stand kein Wein. Den würde es wohl erst am
Abend geben.
Dieses
einfache Gericht, die Grütze mit Milch kannten sie nicht, denn Milch war selten
in der Heimat St. Maries de la Mer. Stiere gab es und Pferde, aber Kühe nur für
die Stierzucht.
Nach
den ersten Bissen wendete sich der Zigeuner zu den Arabern und fragte höflich
woher sie wohl kämen. Hier sähe man diese schöne weiße Kleidung nur selten.
Die
Männer schauten hoch, sprachen kurz miteinander auf Arabisch, und dann sagte
der Jüngere in gebrochenem Dialekt der Provence
„wir
kommen weither aus dem Süden. Aus Sinai. Kommt noch Frage? Handel mit
Elfenbein. Kommt aus Afrika. Elfenbein geschnitzt. Schachfiguren. Teuer in
Paris.“
„Das
ist ja sehr aufregend. Und was macht ihr gegen die Räuber?“ – das war in diesen
Zeiten die erste Frage an reisende Händler.
„Hilft
uns Garde von Mamluken“.
„Und
wo sind diese? Warum nicht hier zum
Essen“?.
„Essen
draußen. Wenn arbeiten, kein Dach wollen. Gefährlich, Feind oder Räuber von
oben kommen“.
Dann
fragten sie nach seiner Familie und hörten von dem Problem wegen des Mädchens
vom anderen Stamm.
„Kennen
wir. Bei uns gleich. Falsche Heirat, manchmal umbringen“.
Der
Zigeuner dachte an seine Probleme – die Angst stieg plötzlich wieder hoch bis
zum Hals. Doch die Familie war ja sicher hier.
„
Wo ist Sinai genau? Am Mittelmeer? Hab` ich noch nie gehört“.
„Nein“
antwortete der andere, „weiter im Süden – Meer ist arabisch. Segeln nach
Indien“.
„Segeln?“
fragte er zurück, „Segelboote“?
„Ja,
nennt man Dhau“.
Jetzt
wusste der Zigeuner plötzlich woher der Vater diese Boote kannte, und bauen
konnte, und es ihm gezeigt hatte. Der Vater musste dort gewesen sein. Der Vater
hatte ihm aber nie Zeichnungen gezeigt. Nur erklärt, wie man solch ein Boot
baut.
Er
fragte weiter: „Ich habe solch ein Boot. Aber nie Pläne gesehen. Mein Vater hat
mir nur gezeigt wie es geht“.
„Keine
Zeichnungen gibt. Plan im Kopf bei Bootsbauern. Hab‘ oft als Kind gesehen wie
machen. Erst Blanken zusammen genäht mit Schnur bis fertig, dann geformte
Spanten eingesetzt – heißt geschnürter Bootsbau.“
Als
der Zigeuner endlich fragte, wo man diesen Bootsbau lernen könne und ob es auch
große Frachtsegler gäbe, antwortete plötzlich der Ältere: „Komm zu uns. Du bist
herzlich eingeladen. Bring auch deine Familie mit. Hier sind sie sicher. Der
Gast ist bei uns heilig. Auch als Christ, wie ich an der goldenen Kette mit dem
Kreuz an deinem Hals sehe.
Da
du die Technik schon kennst wirst du nicht lange brauchen um zu lernen wie man
auch große Lastschiffe baut. Im südlichen Meer kennt man solche Schiffe mit 200
Tonnen Frachtladung.“
Der
Zigeuner dankte ihm gerührt.
„Ich
muss vorher meine Mutter in Sicherheit bringen. In den Bergen des Larzac gibt
es ein Templerdorf – fast so groß wie eine Stadt, das von den Rittern beschützt
wird. Dort sind alle Verfolgten sicher. Wir sind eingeladen. Ich bringe die
Mutter dorthin, und mein Bruder wird bei ihr bleiben bis ich sie und auch mein
Mädchen in ein fernes Land zu unserem Stamm bringen kann“.
„Die
Einladung steht – komm wann immer du kannst“.
Der
Bruder ging mit der Mutter zu ihrem Zimmer damit sie sich ausruhe und der
Zigeuner zur Administration.
Er
nannte seinen Namen, bezahlte zwei Nächte und tauschte etwas Geld mit seinem
Papier, das er für die weitere Reise zum Dorf brauchen würde.
Der
Verwalter sprach ihn gleich an:“ Der Eleve, der dich hierher geführt hat
erzählte von deinem Boot mit Bewunderung. So etwas hätte er noch nie gesehen.
Er meinte, das Boot wäre sicher sehr schnell und seetüchtig. Kannst Du es mir
zeigen? Auch eine kurze Tour aufs Meer mit mir machen?
Wir
Templer suchen immer Möglichkeiten um das Reisen besser und sicherer zu machen.
Deshalb das Papiergeld, deshalb die sicheren Wegstationen, deshalb haben wir
auch leichtere Räder für die Wagen entwickelt, wobei wie bei einem Fass
Eisenringe auf fragile Räder heiß aufgeschlagen werden. Das ist weit besser als
die schweren Ochsenkarren wo die Räder aus Vollholz sind.
Und
bei Postkutschen wird jetzt der ganze Wagen mit Lederriemen aufgehängt. Das
macht das Reisen viel bequemer“.
„Es
ist gerade schönes Wetter“ antwortete der Zigeuner „wir können gleich gehen“.
Der
Verwalter stimmte zu, übergab den Empfang einem anderen Templer, zog einfache
Kleidung an, warf noch schnell Ölzeug über den Arm und ging mit dem Zigeuner
zum Hafen.
Der
Verwalter fragte ständig, wollte alles Wissen, über das Segeln. Über das Meer,
über Schiffsbau, über die Erfahrungen, und dann als er hörte, woher der
Zigeuner stammte, über dessen Heimat St. Maries de la Mer.
Der
Verwalter war in jungen Jahren selbst dort gewesen, im Studium hatte er sich
lange mit den Reisen beschäftigt, durch welche das Christentum verbreitet
wurde.
Besonders
alle Reisen des Paulus – auch mit den Überlieferungen wie aus Saulus der Paulus
wurde, aber dann auch ganz besonders mit dem Ursprung von St. Maries de la Mer.
Sie
tauschten sich über ihr Wissen aus, und so entstand für beide ein neues
Bild, der Geschehnisse vom Ursprung der
Stadt.
Im
Jahre 40 nach Christi Geburt, die Christen waren aus Palästina vertrieben.
Joseph
von Arimatia – ein weitgereister Kaufmann, suchte einen Ort, wo die wichtigsten
Christen sicher vor der Verfolgung durch die Römer sein konnten. Denn Augustus
konnte natürlich mit Christus keinen Weltherrscher dulden.
Die
unwirtliche Küste der Camarque mit Sümpfen und Mückenschwärmen war für römische
Soldaten zu unwirtlich.
Ein
Boot ohne Segel trieb übers Meer von Palästina aus und brachte dann alle
dorthin.
Es
waren Maria Jacobäa, die Tante Jesu, Maria
Salome,
die Mutter der Apostel Johannes
und
Jacobus, auch Lazarus, den
Jesus
von den Toten auferweckte, mit
seinen
beiden Schwestern Martha und
Maria
Magdalena. Weiter waren dabei Maximin, Sidonius, der geheilte Blinde
und
Sarah, die schwarze Dienerin.
Sie
erreichten den Strand.
Zum Dank errichteten sie an dieser Stelle eine
einfache Gebetskapelle zu Ehren Maria,
der
Mutter Jesu.
Maria
Salome und ihre schwarze Dienerin Sarah blieben in der Camarque und wurden dort
auch beerdigt.
Ihre
Gräber wurden bald angebetet.
Im
9. Jahrhundert kam statt der Kapelle eine Kirche, die später zur Festungskirche
ausgebaut wurde.
So
kannten beide sie.
In
der Krypta der Kirche liegen die Reliquien der heiligen Sarah, der
Schutzpatronin der
Roma
und Sinti.
Jetzt
waren sie am Hafen. Ein Knappe setzte sie über zum Boot des Zigeuners.
Der
Zigeuner steckte Pinne und Ruder ein, zog das Segel hoch, und machte das Tau
von der Boje los.
Kurz
riss er das Ruder hin und her um etwas Fahrt zu machen, dann fing sich eine Böe
im Segel und sie konnten mit zwei Schlägen die Hafenausfahrt erreichen.
Die
große Mole blieb bald hinter ihnen, der Seegang nahm zu, größere Wellen
klatschten gegen den Bug.
Der
Zigeuner dachte bei sich, das war wohl eine gute Einleitung um dem Mitsegler
all die Schönheit des Segelns, die Geschwindigkeit eines Bootes auch bei
mittlerem Wind und die Ruhe, die jeden Menschen ruhig und gelassen sein kann,
zu zeigen.
Seine
Überzeugung nach vielen Jahren auf dem Wasser war es, das alles was man tut im
Leben mit Gelassenheit besser gelingen würde.
Das
Segeln, besonders das Segeln in Einsamkeit kommt dem Meditieren im Kloster
gleich, Leben und Meditieren in der Stille.
Ihm
jedenfalls waren immer dort die wichtigen Dinge eingefallen, die Einfälle, wie
der Name sagt, waren Gedanken, die fallen, von oben herab fallen, aus der
anderen Welt, einer Welt wo vielleicht auch sein Vater jetzt war, er brauchte
nur mit seinen Gedanken einen Trichter aus Augen, Atem, den Gefühlen in allen
Gliedern zu formen, und auf die Einfälle, die guten Gedanken, die Lösung eines
Problems zu warten während der Wind über alle sensitiven Zellen seines Körpers
strich, die Ohren das Rauschen und Plätschern der Wellen und die Schreie der
Möwen, die sich zu Melodien formten, hörten.
Eine
Stunde lang segelten sie auf das offene Meer hinaus. Er wollte seinem Begleiter
erst das Gefühl dieses Segelns, die friedliche Gelassenheit, das meditative der
Gedanken, und die Weite des Meeres vermitteln.
Zwischendurch
kreuzten sie hoch am Wind und der Templer wurde zum Ausreiten immer nach Luv
beordert, mit schnellen Bewegungen, die viel Aufmerksamkeit erforderten. Bald
ging das auch ohne Kommando.
Nach
etwa einer Stunde segelte der Zigeuner bei leichtem Wind mit etwa drei
Windstärken aus Süden wieder in Richtung Hafen.
Jetzt
konnte man sich gut unterhalten, und der Zigeuner begann das Gespräch.
„Vor
dem Abend gestern hätte ich nicht gewusst, ob und wie man größere Frachtsegler
bauen könne. Doch beim Abendessen saßen wir neben Arabern aus Sinai.
An
den Küsten dieser Halbinsel werden Frachtsegler mit bis zu dreißig Tonnen
Zuladung gebaut. Der Schiffstyp heißt Dhau.
Wie
das Boot in dem du jetzt sitzt.
Als
ich nach Plänen fragte, hieß es: die gibt es nicht. Der Bootsbauer lernt lange
Jahre lang bei einem Meister. Dann hat er den Bau der Boote im Kopf.
Kurz
– mich hat mein Boot immer schnell und sicher überall durch gebracht. Ich muss
wohl als Kind meinem Vater beim Bootsbau geholfen haben.
Jetzt
weiß ich auch, nach den Gesprächen mit den Arabern, dass mein Vater aus dieser
Gegend stammen muss. Der Sinai Halbinsel.
Die
Händler haben mich zu sich eingeladen. Dort könnte ich alles lernen. Auch den
Bau größerer Segler.“
Eine
Weile hörte man nur das Rauschen und Plätschern der Wellen.
Er
fand im Bug noch etwas Fladenbrot vom Proviant von gestern und warf den Möwen
kleine Bröckchen zu.
Im
Flug noch haschten sie die Bissen.
Der
Zigeuner sprach wieder.
„Lange
Zeit wollte ich mit Handel das Geld für meine Familie und mein geliebtes
Mädchen verdienen, damit wir in die sichere Urheimat unseres Stammes ziehen
könnten, aber nun, denke ich immer mehr an den Bau von großen Seglern.
Alles
was du mir erzählt hast, die Sicherheit der Reisenden und Kaufleute, die
blühenden Städte, die Hospize, sagt meinem Herz, dass es gut ist, den Templern
zu dienen und deren Belange zu fördern.“
Sie
schwiegen eine Weile.
Das
Boot zog ruhig segelnd nach Norden, zum Hafen.
Plötzlich
gab es einen riesen Krach und das Boot flog in die Höhe, fiel wieder ins
Wasser, dann zur Seite gedrückt bis in Lee Wasser überkam, das Wasser brodelte
und zischte, Gischt wehte fort.
„Am
Boot festhalten“ schrie der Zigeuner, er wusste gleich was passiert war, ein riesiger Fisch hatte
sie gerammt.
Und
wieder krachte es, jetzt kam der Stoß von der anderen Seite, dann von Luv
hinten, und immer kochte die See, und die Gischt nahm alle Sicht.
Endlich
nach Augenblicken, die ihnen ewig lang vorkamen, eine Pause und rechts tauchte
der große Fisch an der Oberfläche auf.
Es
war ein Blauhai. Ein alter Blauhai. Die Haut war schrundig und voller Narben. Er musste wohl schon früher
den Fischern entkommen sein. Im Rücken steckte eine abgebrochene Harpune. An
einem metallenen Widerhaken hingen Fetzen eines groben Netzes.
Das
linke Auge blickte den Zigeuner böse an, oder jedenfalls sah das so aus.
Der
würde nie aufgeben. Er hatte in seinem langen Leben so viel Unbill erlitten.
War wohl oft den Netzen der Fischer entkommen. Und jedes Mal schlauer geworden.
Und nun nur noch voll Hass. Hass gegen alles Menschliche.
Nein,
der würde nie aufhören bis das Boot zertrümmert wäre und die Gegner ertrunken.
Das
Auge zeigte diesen Willen zur Zerstörung, einer Zerstörung, die erst mit dem
Tod des Gegners enden würde oder einen Schwimmer unter Wasser drücken würde bis
der Atem ausging.
Blitzschnell
rasten diese Gedanken dem Zigeuner durch den Kopf.
Eine
Möglichkeit blieb ihm. Kämpfen und den Gegner töten.
Und
das so schnell wie möglich, bevor irgendwelches Blut weitere Haie anlocken
würde.
„Halt
dich fest“ schrie er den Templer an, „auch an einer letzten Planke, wenn das
Boot zertrümmert ist“.
Dann
riss er sein Messer aus dem Gürtel und tauchte in das Wasser.
Es
gab nur zwei Möglichkeiten zu überleben.
Die
erste und einfachste war, tiefer zu tauchen, unter den Fisch zu schwimmen und
mit dem Messer den Bauch auf zu schlitzen.
Das
Messer war aufgeklappt recht lang, in Toledo geschmiedet und wahnsinnig scharf.
Doch
da gab es ein Problem.
Das
Blut des Haies würde sofort andere anlocken und da konnten sie nicht mehr
entkommen. Zum Schwimmen war die Küste zu weit, auch mit Boot ging es nicht, es
schwamm wohl noch, aber Segeln war nach diesem Krachen und Splittern nicht mehr
möglich.
Also
blieb nur die zweite Möglichkeit.
Dem
Blauhai das Messer direkt in das Gehirn zu stoßen!
Sofort
und genau gezielt.
Der
Augenblick war vorbei.
Der
Hai tauchte und fing wieder an das Boot in die Luft zu schleudern.
Wieder
krachte es auf das Wasser.
Wieder
brachen noch mehr Holzteile.
Wenn
das Boot als Dhau nicht so flexibel geknotet gebaut worden wäre, hätte dieser
Aufprall das Ende bedeutet.
Der
Zigeuner beobachtete den Fisch.
Der
wälzte sich bei jedem Angriff auf die Seite, um auch mit seiner Schwanzflosse
das Boot zu zerschlagen.
Nach
drei Versuchen kam plötzlich das Hirn des Fisches genau vor sein Messer.
Ein
Stoß mit aller Kraft, die dem Zigeuner nach dem Tauchen blieb, stieß er zu und
alle Muskeln des großen Fisches erschlafften.
Sie
waren gerettet.
Der
Fisch war tot.
Das
Boot war halb zertrümmert und Segeln konnten sie nun nicht mehr.
Der
Zigeuner war auf die Trümmer geklettert und versuchte wieder zu Atem zu kommen.
Der andere hielt ihn derweil fest, damit er mit dem Wellengang nicht wieder ins
Wasser rutschte.
Dann
banden sie ein großes Teil des zerrissenen Segels an den zerbrochenen Mast und
setzten ihn wieder in den Mastfuß.
So
würden sie leichter von anderen Boote gesehen werden.
Der
Nachmittag kam, niemand bemerkte sie, die Dämmerung kam und immer noch waren
sie allein.
Eine
Hoffnung hatten sie, der Wind blies gen Norden, und langsam trieben die Wellen sie in die
richtige Richtung. Richtung Land und Hafen.
Endlich,
kurz ehe es dunkle Nacht wurde, entdeckte sie ein Segler.
Der
Fischer näherte sich, ließ sein Segel flattern, kam längsseits und sie konnten
in das andere Boot klettern.
Sie
waren gerettet.
Nun
war es Nacht. Der Himmel war wolkenlos, alle Sterne funkelten im tiefen Blau.
Der
Mond war halbvoll und so schien genug Licht für den Fischer um zu sehen wohin
er segeln wollte und bald war auch die Einfahrt des Hafens und die große Mole
zu sehen.
Als
er sie am Kai absetzte bat der Zigeuner, er möge doch am nächsten Tag in die
Kompturei kommen damit er ihn belohnen könne.
Das
versprach der Fischer, grüßte und wünschte gute Nacht.
Müde
schlichen die Beiden mehr als sie gingen zur Kompturei.
Der
Zigeuner ging zu seiner Familie.
Keiner
fragte etwas. Sie kannten das. Wie ein
Mensch aussieht, der auf dem Meer gekämpft hatte.
Die
Mutter hatte eine Schüssel mit Eintopf in einer Decke warm gestellt und der
Bruder goss ihm einen großen Krug Wein ein.
Als
endlich die Anspannung des Kampfes von
ihm wich, füllten sich seine Augen mit Tränen.
Einzelne
große Tränen tropften auf seine Wangen.
Erst
ein großer Zug aus dem Rotweinkrug, warten, tief atmen, jetzt konnte er essen.
Das
warme Bohnengericht verschwand Löffel für Löffel in seinem Magen.
Je
mehr der Eintopf sein Inneres füllte, desto wohler wurde ihm. Die ersten klaren
Gedanken wurden sichtbar.
Alles,
was er geplant hatte, würde auch weitergehen. Auch ohne sein geliebtes Boot.
Das
Krachen und Splittern des Bootes fuhr ihm wieder als verzweifelter Schmerz in
die Glieder, seine Gedanken und das Herz.
Ein
großer Schluck Wein beruhigte ihn.
Er
wusste ja, wie man Boote baut. Die Technik des Nähens der Bretter.
Es
wird alles gut beruhigte er sich.
Als
er den ersten Hunger gestillt hatte, begann er zu berichten.
Keiner
hatte bisher etwas gefragt, aber die Sorge und die Fragen standen in beider
Augen.
Er
berichtete von dem Wunsch des Vorstehers das Boot kennen zu lernen, ihr Segeln
und Kreuzen nach Süden aufs offene Meer hinaus, die Gespräche über St. Maries
de la Mer, den Bootsbau.
Dann
die Umkehr, die schnelle Fahrt mit vollem Segel und zuletzt der Kampf mit dem
riesigen Fisch, einem alten erfahrenen Blauhai.
Obwohl
er versuchte, nur die mageren Geschehnisse zu berichten, wusste er doch, und in
den Augen und an der Mimik sah er, dass beide wussten wovon er sprach.
Die
Mutter zitterte bei dem Gedanken an diesen Kampf der beinahe sein letzter
geworden wäre, wenn der Fisch ihn unter Wasser gedrückt und dort festgehalten
hätte, und stand dann auf um den Sohn fest zu umarmen und beider Herzen klopften
im Gleichtakt laut.
Nun
waren alle erleichtert, sie waren wieder zusammen und der Zigeuner konnte
wieder scherzen und neue Überlegungen und Ideen mit ihnen besprechen.
Ohne
Boot konnte er nicht bleiben.
Aber
die Reise zu dem sicheren Templerdorf stand auch an.
Die
Mutter meinte, dass die Reise ja nicht so dringend war. Sie könnten sicher hier
in der Kompturei bleiben bis das neue Boot fertig wäre.
Der
Bruder meinte, sein Boot wäre ja auch noch da, und er fände es besser,
aufzubrechen und die Mutter in dem Dorf zu wissen, wo sie ein eigenes kleines
Haus haben würde, ein richtiges neues Haus mit verschiedenen Zimmern, Küche mit
einem großen Kamin, der das Haus wärmte und Feuer zum Kochen bot, Schlafraum,
Vorratsraum und so weiter, vielleicht gar ein Garten für Hühner und Gemüse
Anbau.
Die
Mutter strahlte bei den Gedanken an diese neue Heimat.
Das
gab den Ausschlag.
Sie
beschlossen auf die Reise zu gehen.
Am
nächsten Morgen ging der Zigeuner zum Vorsteher, um alles zu besprechen und
besonders zu fragen, wie es ihm ginge, ob er sich erholt hatte, und keine
Schmerzen ihn plagten. Denn er hatte erst nach dem Tod des Fisches bemerkt,
dass der Freund stark an mehreren Stellen blutete, und durch den Blutverlust
ermattet wirkte.
Da
er am Abend bevor der Fischer sie rettete nichts tun konnte, hatte er auch
nicht gefragt. Nun gestand der Freund, dass er auch noch bei dem hin und her
des Bootes mehrmals heftig gegen die Bordwand geschleudert worden war und das
Knie verletzt und den linken Fuß verstaucht hatte.
Aber
die Versorgung seiner Wunden im Hospiz – wo er dann auch zuerst mal gegessen
hatte, hätte ihn wieder hergestellt.
Der
Zigeuner war sehr erleichtert und froh darüber.
Dann
sprach er von dem Familienbeschluss, dass alle zuerst die Mutter in das sichere
Templerdorf bringen würden, und er selbst dann den Bau größerer Segelschiffe
für die Aufgaben der Templer in Angriff nehmen würde.
Die
Reiseroute, so erklärte der Freund ihm, beginnt westlich von hier an der Küste
wo ein Fluss ins Meer mündet. Der nächste Treck beginnt übermorgen um acht Uhr
nach dem Frühstück.
Leichte
und bequeme gefederte Reisewagen von ausdauernden Pferden gezogen für die Flüchtlinge
und begleitet von den üblichen Tempelrittern zu zweit würden sie bald dorthin
bringen.
Der
Weg führte auf einer alten Römerstraße nach Norden in die Berge.
Der
Zigeuner zahlte für sie drei mit seinem Daumendruckpapier.
Jetzt
war alles für die Sicherheit der Mutter geregelt. Gegen die Tempelritter kam in
dieser Zeit niemand an.
Da fiel ihm plötzlich das Mädchen ein.
Die
Liebe zu ihr, der Wunsch sie zu beschützen, das musste jetzt das erste Ziel
sein.
Noch
vor dem Wunsch mit seinen Fähigkeiten, besonders auch der Fähigkeit Boote zu
bauen, wollte er alle Gedanken, jede Überlegung darauf verwenden sie zu
schützen und zu sich in eine sichere Heimat zu holen. Und dann eine glückliche
Familie zu gründen.
Mit
großer Willenskraft versuchte er seine Gedanken zu ordnen, kaum machbar, denn
jedes Mal tauchten ihre Lippen vor ihm auf, die Empfindung ihrer zarten Haut schlich sich unter seine
Finger, das Herz schlug höher.
Ein
tiefer Atemzug und er hatte sich gefangen.
Der
Zigeuner fragte sich nach der Schmiede durch. Nach den Reden des Freundes war
der Schmied dieser Kompturei einer der besten die es in ganz Frankreich gab. Er
hatte wohl in Toledo sein Handwerk gelernt. Toledo – so erzählte man – war seit
vielen Jahrhunderten das Zentrum der Schmiedekunst. Dorther kamen die besten
Messer und Schwerter.
Auch
sein Messer, das Messer, das den Fisch getötet hatte kam aus Toledo. Ein Messer
aus Damaszener Stahl. Der Stahl, bei dem das Eisen immer wieder glühend gemacht
wird, dann zusammen gefaltet, dann mit Hämmern glühend geschmiedet, wieder
geglüht, wieder zusammen geschmiedet und das so oft, bis der Kohlenstoff des
Eisens fast völlig verschwindet und der härteste Stahl entsteht. Endlich hat
der Stahl die bekannte Maserung des Damaszener Stahls.
Dort
war die Schmiede direkt neben der Kirche.
Diese
Nähe schien dem Zigeuner plötzlich eine Bedeutung zu haben.
Waren
die Schmiede nicht die ältesten Handwerker der Welt?
Vom
Göttersohn Hephaistos begonnen?
Hephaistos
den Zeus aus Unwillen etwas verkrüppelt hatte? Oder hinkte er?
Er
musste den Schmied fragen.
Hoffentlich
waren nicht nur die Gesellen da.
Ein
festgefügtes Steinhaus mit großem Tor. Natürlich, die Wagen, Reisewagen,
Leiterwagen und Kutschen wurden hier repariert, mit Federn versehen, den Rädern
neue Metallreifen aufgezogen.
Rechts
fand er eine kleine Tür und ging hinein.
Ein
melodischer lauter Krach empfing ihn.
Links
hinten war eine riesige Esse, zwei Lehrlinge sprangen auf Blasebälgen auf und ab
um das Kohlefeuer heiß zu halten. Andere hielten mit langen Zangen Eisenstücke
ins Feuer bis sie rotglühend in der richtigen Temperatur geschmiedet werden
konnten. Ständig kamen andere mit neuen Teilen, Nägel, Bolzen, Federn, Messer
und Schwerter, Rollen für Flaschenzüge, die Hufeisen der Pferde nicht zu
vergessen.
Rechts
standen sieben große Ambosse, an denen je zwei Gesellen schmiedeten.
Es war
wohl laut, ohrenbetäubend sogar, aber erträglich durch den Rhythmus des
Hämmerns und die Melodie der unterschiedlichen Töne, je nachdem ob große oder
kleine Metallstücke bearbeitet wurden.
Der
Zigeuner setzte sich auf einen alten Wagen und schaute zu. Das Geräusch, die
Melodie, der Rhythmus begeisterten ihn immer mehr.
Nach
einer Weile konnte er am Klang unterscheiden, ob es ein Hufeisen, ein Messer,
eine Stahlfeder oder nur kleine Nägel waren.
Plötzlich
fühlte er sich heimatlich, so zu Hause, wie er es auf dem Meer war. Ding pling,
deng pleng, dong plong, ding pling, deng pleng, dong plong. Ein Lied mit
wechselndem Ton und Rhythmus.
Plötzlich
ein anderer Ton. Neben der Tür hingen zwei unterschiedlich lange Metallstäbe.
Ein Lehrling nahm einen dritten Stab in die
Hand und klopfte hin und her auf die Anderen. Kling, Klong, Kling, Klong – die
Frühstückspause.
In der
Schmiede wurde es still – ein Stück Speck, Brot und Wein standen jedem zu.
Jetzt
tauchte auch der Schmied auf. Ein großer stattlicher Mann. Kräftig gebaut,
schwarzes wildes Haar, eine imposante Erscheinung.
Der
Zigeuner stellte sich vor, erwähnte auch den Freund, der ihm den Kontakt zum
Schmied empfohlen hatte.
Der
Schmied lud ihn zu seiner Vesper in einer Ecke der Schmiede ein. Dort war ein
erhöhter Platz wo man alles überblicken konnte, wo aber auch die Gesellen ihn
schnell fanden wenn Fragen zu einem geschmiedeten Teil beantwortet werden
mussten.
Der
Schmied stellte zwei Becher mit Rotwein auf den Tisch und holte aus einer Kiste
Brot, Speck, Oliven, Räucherfleisch und gesalzene Heringe.
Kein
Wunder, dachte der Zigeuner, dass der Schmied so kräftig, ja fast dick aussah.
Der
Zigeuner erzählte kurz aus seinem Leben, über das Fischen, das Segelboot und die aktuellen Probleme mit der
Flucht. Er wusste, dass er nach solch einer Einleitung andere schneller
ausfragen konnte, ohne zu viel Neugier zu zeigen.
Denn neugierig
war er, besonders als er den Schmied genauer ansah, die Gesichtszüge, die
wilden Haare, die sonnengebräunte Haut. Er fühlte sich zu ihm hingezogen, so
hingezogen als ob eine Seelenverwandtschaft
bestünde.
Sie
tranken Wein und langten beide kräftig zu. Pause.
Dann
sagte der Schmied „ich sehe die große Frage in deinen Augen. Du hast Recht. Ich
bin auch Roma. Und nicht nur das, sondern offensichtlich auch vom gleichen
Stamm. Meine Eltern kamen aus einer Sippe, die – so geht die Überlieferung –
ihren Ursprung vor etwa dreitausend Jahren in Persien hat.“
Der
Zigeuner fragte „aber was hat das mit der griechischen Sage vom missgestalteten
Sohn des Zeus Hephaistos zu tun? Dem Begründer der Schmiede Kunst? „
„Denk‘
doch mal nach“ antwortete der Schmied.
„Die
Schmiede braucht jeder, aber sie sind den Menschen unheimlich. Da entsteht
plötzlich aus Feuer, schwarzer Kohle und Steinen pures Gold. Das müssen doch
Zauberer sein. Besser sie wohnen vor dem Dorf.
Die
Griechen verpackten Wahrheiten oft in Sagen. Die Wahrheit ist jedenfalls, dass
oft heute noch alle Schmiede Roma oder Sinti sind. Die hier und die draußen als
wandernde Kesselflicker.
Was du
hier machst, weiß ich nicht, aber was ich weiß ist, ich fühle mich wie ein
Bruder zu dir. Salve! Die Pause war zu Ende. Geh‘ einfach überall rum und sieh
dir an, was wir hier schmieden.“
Der
melodische Lärm begann und hallte aus allen Ecken wieder.
Erst
wusste der Zigeuner nicht, wo er zuerst zuschauen sollte, Seilzugrollen mit
Kerbe für das Seil, Wagenräder, Fassreifen, Hufeisen – dann suchte er jedoch
was ihm am Herzen lag, Damaszener Stahl.
Er fand
den Platz nahe der großen Esse. Denn öfter als beim Schmieden anderer
Werkstücke musste dieser Stahl ständig erhitzt, gefaltet, zusammen gehämmert,
und immer wieder und wieder, bis die Kohle fast völlig aus dem Metall getrieben
war.
Er sah
lange zu, wie ein Schwert entstand. Erst der geschmiedete Rohling mit dem
typischen Damaszener Muster, dann die Form schleifen, dann der Knauf und
zuletzt die Inschrift darauf, die jedes Templerschwert zierte:
Non Nobis, Domine, Non Nobis, Sed Nomini Tuo Da
Glorium
Nichts für uns, Herr, nichts für uns, sondern für die Ehre deines Namens.
Nichts für uns, Herr, nichts für uns, sondern für die Ehre deines Namens.
Als alles fertig war, hielt ein Geselle das
Schwert waagerecht mit der Schneide nach oben.
Der Schmied wurde gerufen. Er nahm eine
Daunenfeder und ließ sie auf die Klinge fallen. Zwei Hälften segelten herab.
Das Schwert war fertig und konnte den Tempelrittern übergeben werden.
Der Zigeuner folgte mit den Augen den beiden langsam zu Boden segelnden Federteilen.
Klar, dass die Tempelritter alle Schlachten
gewönnen. Klar, dass sie alle Reisenden beschützen könnten. Auch die Reise
seiner Familie.
Über die Schärfe dieser Schwerter gab es
unzählige Geschichten: etwa wie ein Feind es nicht merkte, dass sein Bein
abgeschlagen war, er war einfach weiter gerannt bis er hinfiel. Oder einer ohne
Kopf lief, wie es Hühner beim Schlachten oft tun.
Der Zigeuner blieb den ganzen Tag lang und fragte
pausenlos den Schmied und alle Gesellen über alle Techniken des Schmiedens.
Am nächsten Morgen ging der Zigeuner in die
Schreinerei. Der Meister begrüßte ihn. Sein Templer Freund hatte ihn
angekündigt, weil dort ja irgendwann große Lastsegler gebaut werden sollten.
Eine große Halle, das Kreischen von Kreissägen,
das Rattern der auf und ab sägenden Gitter einer Brettersäge, Bohren,
Schnitzen, Hämmern, überall Haufen von Sägemehl, Hobelspänen, lange schwingende
Ledertreibriemen, die Kraft kam von einer Wassermühle vor dem Sägewerk.
Ja, das sah gut aus dachte der Zigeuner. Hier war
alles da. Maschinen, Handwerker, Holz, ja hier könnte man große Segler bauen.
In der Frühstückspause fragte der
Schreinermeister was denn besonders Interessant wäre, und war voll begeistert, als
er vom Schiffsbau hörte.
Klar, dachte der Zigeuner, Schiffe sind für jeden
Menschen etwas geheimnisvolles, der Sehnsucht Nahes, fast alle Menschen
verbinden mit der Schifffahrt Träume und Glück.
Mit einem Stück Holzkohle zeichnete der Zigeuner
die Einzelheiten seines Bootes auf ein Brett, dann die Einzelheiten, wie die
Rumpfbretter ausgeschnitten werden, wie das Nähen mit Schnüren das Boot
flexibel und sicher macht, wie Mast und Maststuhl aussehen, und besonders
sprach er von den verschiedenen Hölzern, die man verwenden könne.
Im Nu war die Pause zu Ende, der Meister
strahlte, klopfte dem Zigeuner auf die Schulter und sagte: “ ja, das machen
wir. Ich besorge alles nötige Holz. Wenn du dir wieder ein Boot bauen willst,
werden alle Schreinergesellen dir helfen.“
Kurz überlegte der Zigeuner, aber ohne Boot wäre
er nur ein halber Mensch. Wenn die
Familie sicher im Templerdorf war, könnte er doch den Anfang des Bootes hier
noch überwachen bis er wieder zur Turmwindmühle musste.
Mit dem Schreiner besprach er also alles, was
schon vorbereitet werden konnte. Welches Holz, welche Stärken, welche Nägel aus
der Schmiede und so fort.
Er verabschiedete sich und ging sinnend zum
Zimmer der Mutter.
Am nächsten Morgen standen zwei Reisewagen vor
dem Eingang der Komturei. Die kleine Familie kletterte zusammen mit den anderen
Flüchtlingen – insgesamt sechzehn Personen – in die vierspännigen Kutschen,
vorne zwei Tempelritter, hinten zwei Tempelritter und los ging es.
Erst ging es eine Weile nach Westen bis man auf
die alte Römerstraße traf. Schnurgerade und mit starken Steinen gepflastert bog
sie ab in die Berge und folgte dem Fluss, der seine Quelle dort oben in den
Bergen des Templerdorfes hatte.
Die Ebene des Tales am Meer stieg langsam an, der
Weg wurde steiler, rechts sah man den Fluss sich durch sein Tal schlängelnd,
das Gespann musste kräftiger ziehen.
Wegen der Gefahr von Überfällen fuhren die Wagen
ohne Rast zügig weiter.
Mit der Zeit legte sich die Aufregung des
Aufbruchs, und das klirren und singen der Hufeisen wurde zum beruhigenden
Rhythmus.
Bald näherte sich die Straße einem Wald aus
Korkeichen, Pinien, Zypressen und Aleppo-Kiefern.
Gegen Mittag packten die Reisenden ihre Beutel
mit Essen aus, die Sonne stand nun hoch am Himmel und wärmte alles, besonders
der Duft der Bäume war berauschend.
Trotz der guten Federung aus breiten Lederriemen
schaukelten die Wagen doch beträchtlich.
Die Mutter reichte den Beutel den Söhnen ohne
alles schön und appetitlich aus zu breiten.
Dann reichte der Zigeuner einen großen
Lederbeutel mit Wein herum. Das reichte für alle in diesem Wagen. Man bedankte
sich, doch niemand vergaß dabei aufmerksam die Umgebung zu beobachten. Je
früher man Überfälle durch Wegelagerer bemerkte, desto schneller konnte man
reagieren und kämpfen. Denn es gab zuweilen Räuberbanden, die so groß waren,
manchmal bis zu fünfzehn Mann stark, die auch Tempelritter angriffen.
Beim ersten Anzeichen bließ der Kutscher ein
spezielles Signal. Die Ritter zogen ihre Schwerter und die Reisenden Messer –
auch die Frauen hatten natürlich große Messer zum Schneiden von Fleisch, Fisch
oder Gemüse.
Die Reisenden im Wagen unterhielten sich gerade
über die Überfälle als plötzlich der Kutscher des ersten Wagens sein Hornsignal
der Gefahr ausstieß.
Schon tauchten die ersten zerlumpten Gestalten
aus dem Dickicht des Waldes auf, die Templer zückten ihre Schwerter, jeder
bewaffnete sich so gut er konnte, doch die in der Sonne blitzenden Schwerter
und Messer funkelten so stark in der Sonne, dass die Zahl der Verteidiger größer
schien als gedacht und die Räuber aufgaben.
Als auch die Pferde gefüttert und getränkt waren,
formierte sich die Reisegesellschaft wieder und es ging weiter den Berg hoch.
Am späten Nachmittag war man endlich am Ziel.
Die Wächter des Burgdorfes öffneten das mächtige
Tor, und die Reisegesellschaft zog ein.
Das Tor wurde wieder geschlossen, ein Templer
begrüßte alle, fragte nach den Namen und wies einen anderen Ritter an, die
Wohnungen zu zeigen.
Mutter
und Bruder waren in Sicherheit.
Sie
sprachen ein Dankgebet in der Kirche.
Dem
Zigeuner fiel ein Stein vom Herzen.
Der
Tempelritter führte sie zu einem zweistöckigen kleinen Haus, wo sie Platz im
unteren Geschoss fanden.
Mit
Tränen in den Augen dankte die Mutter dem Führer.
Schnell
war alles ausgepackt, und die Mutter machte ein Feuer in der Kochstelle.
Erst
gab es heißen Kräutertee, dann buk sie Fladen und dazu gekochte Bohnen und
Kichererbsen.
Am
nächsten Morgen fanden sie den Markt, wo man alles kaufen konnte.
Salz
und Mehl, Gewürze und Bohnen, etwas Fleisch und Milch und Käse von den Ziegen,
die dort oben in den Felsen kletterten, und starke, wohlschmeckende Bachforellen
aus dem schnellen Fluss.
Wieder
in der neuen Heimat – ihrer Wohnung, besprachen sie alles Weitere.
Der
Bruder würde bei den Templern arbeiten, als Dank, und um genug zu verdienen für
ihr Auskommen.
Den
Abend verbrachten sie noch zusammen, und am nächsten Morgen ging der Zigeuner
wieder fort.
Zu
seiner `Baufamilie`.
Einige
Tage folgte er dem Fluss, der von den Bergen talwärts rauschte. Er wollte nicht
auf der Straße wandern, zu gefährlich für einen einzelnen Wanderer. Am Fluss
entlang dauerte es zwar länger, aber er
wollte schauen, ab wann Holzflöße möglich wären.
Mehrmals
rastete er an besonders schönen Stellen und probierte auch aus, ob er mit
bloßen Händen Forellen fangen könnte.
Ein
Versuch wäre es wert.
Er
stieg zum Flussbett hinunter, krempelte die Hosenbeine hoch und watete in das
Wasser.
Nun
tauchte er die geöffnete Hand an einer
Stelle ein, wo Forellen im Strom fast reglos standen.
Man musste nur warten. Nicht nach den Fischen
haschen. Nein warten. Dann schwammen sie gegen den Strom in eine Höhle. Wie sie
dachten. Es war aber die Hand.
Jetzt
zugreifen und eine Forelle zappelte in seiner Hand.
Der
Zigeuner war glücklich darüber, dass er noch schnell genug war.
Als
der Fluss in ruhige Wasser der Ebene kam, konnte er mit einem der Frachtkähne
bis ans Mittelmeer mitfahren.
Von
dort nahm ihn ein Segler bis Marsilia mit.
Die
Turmmühle war fast fertig ausgebaut, das Dach mit gebrannten Rundziegeln
gedeckt, und man war gerade dabei die Zahnräder mit den Mühlsteinen zu
verbinden.
Die
Arbeiter erzählten, dass es sehr kompliziert gewesen war, die Steine mit
mächtigen Flaschenzügen hoch zu hieven.
Einem
war dabei der kleine Finger zerquetscht worden, Gott sei Dank nicht der
Knochen.
Sie
schickten nach einem Arzt – einem Heiler aus dem gleichen Stamm.
Der
badete den Finger in einem Sud aus Kräutern, die er teils selber gesammelt,
teils von einem Händler gekauft hatte, bei dem er geheimnisvolle Heilpflanzen
fand, wie es sie nur in fernen Ländern
gab.
Danach
kam ein Verband mit einer Salbe, die geheimnisvoll roch.
Dem
Zigeuner war die Heilwirkung bekannt – auch wusste er, dass zu den
Ingredienzien kostbare Metalle wie Gold Silber, Kupfer und Zink gehörten.
Wie
immer bei wichtigem Tun, betete der Arzt für das gute Gelingen.
Der
Verband wurde alle zwei Stunden erneuert. Nach drei Tagen war der Finger
geheilt.
Das
war gut so, dachte er, auf seine Familie konnte er sich verlassen, alle - die Arbeiter, die Gesellen, die Schreiner und
andere Handwerker.
Den
Koch nicht vergessen und die Lehrer für das ABC der Kinder.
Heute
war Mittwoch, am Sonntag sollte die Einweihung der Mühle sein.
Jetzt
im Herbst würde sicher auch genug Wind wehen, um die Mühle zum ersten Mal
anzutreiben.
Es
gab viel zu tun. Noch mussten die Segel am Windrad befestigt werden, ein kurzer
Probelauf zeigte, dass alles gut war.
Schwere
Leiterwagen mit Ochsengespannen brachten viele Säcke mit Korn, Stapel leerer
Mehlsäcke aus dichtem Tuch standen bereit, der Koch bereitete mehrere große
Kupferkessel mit Gulaschsuppe vor, Fässer mit Rotwein lagerten im Keller.
Der
Sonntag konnte kommen.
Da
es die erste große Mühle im Stadtzentrum
der Stadt war, wurden alle wichtigen Leute der Stadt eingeladen.
Schon
früh am Morgen trudelten die ersten Gäste ein.
Eingeladen
waren natürlich die Honoratioren, der Bürgermeister von Marsilia, die Stadträte,
Oberarzt der Kranken- und Siechenheime, die Kirche mit Kardinal und die Mönche
und die Templer mit ihrem Ordensgeneral.
Wenn
all die Gewerke und auch die Gitane seines Stammes und alle, die arm waren und
sich eine Mahlzeit erhofften auch kamen, könnten es leicht zwei bis drei hundert
Menschen werden.
Um
11 Uhr, als die Menge sich auf der Wiese hinter der Mühle versammelt hatte,
ging plötzlich ein Raunen durch die Wartenden.
Ein
feierlicher Zug mit dem Erzbischof in vollem Ornat kam aus dem Tal hoch,
Weihrauch schwenkende Messdiener, Priester, Benediktinermönche in Schwarz, die
Templer in Weiß mit dem roten Andreaskreuz auf der Brust, die Zünfte, Maurer,
Schmiede, Tischler, - die katholischen Zigeuner mit flatternden Fahnen und
Wimpeln und Musik.
Den
Chor nicht zu vergessen.
Auf
dem vorbereiteten Platz angekommen, und nachdem der Chor einen Choral beendet
hatte, begann der Erzbischof mit dem Hochamt zur Segnung der Turmmühle.
So
viele Menschen waren gekommen, dass es zwei Stunden dauerte bis alle das Abendmahl
bekommen hatten.
„Dies
heute ist ein bedeutendes Ereignis für unsere Stadt Marsilia“, sprach der Erzbischof.
„Unsere
Stadt wird immer größer, unsere Stadt wird immer reicher und unsere Stadt wird
damit auch immer stärker.
Wohlgenährt
können wir allen Sturmfluten standhalten – Sturmfluten aller Ungläubigen wo
immer sie auch her kämen. Wikinger aus dem Norden, Tartaren und Hunnen aus dem
Osten, Söhne Allahs aus dem Süden.
Egal
ob zu Fuß, zu Pferd oder per Schiff.
Hiermit
sei diese Mühle geweiht und gesegnet damit sie immer genug Mehl für das Brot
der Menschen mahlen werde. Und nun sind alle eingeladen zum Fest dieser Feier.
Lasst es euch schmecken!“
Nachdem
die Prozession des Erzbischofs außer Sicht war, begann die Menge der Zuschauer
sich auf zu lösen und die Tische mit dem Essen zu suchen.
So
viele Menschen auch kamen, es reichte doch.
Der Koch hatte sich mit dem Zigeuner
besprochen und die großen Mengen gekocht.
Um
am Festtag alles zubereiten zu können, hatte er fünf Helfer aus den Reihen der
Familie.
Mit
weißen Schürzen und blauen Schifferkappen bot es ein prächtiges Bild.
Riesige
Kessel mit Eintopf aus Rind, Bohnen und Gewürzen dampften.
Ein Holzkohlengrill mit vielerlei Fisch,
Rotbarsch, Thunfisch, Seezunge, Zander, Kabeljau, Tintenfisch und Stockfisch.
Auf
einem zweiten Grill briet allerlei Fleisch und Speck. Rind, Hammel und Schwein
zur Auswahl. Sogar die köstlichen schwarzen Schweine aus den Korkeichenwäldern
schmorten vor sich hin garend.
Dann
Fässer voll Salzheringen von der Ostsee, Fässer saftig eingelegter Oliven, und noch
viel mehr - kaum konnte man es zählen.
Alle
waren zufrieden und lagerten essend, trinkend und quatschend auf den Wiesen an
dem Hügel der Mühle.
Ein
buntes Volk mit all ihren Farben der Zünfte, der Geistlichen in schwarzen
Sutanen, der Zigeuner, der Armen in geflickten Lumpen und der Zugereisten.
Juden mit langen schwarzen Gewändern, runterhängenden Schläfenlocken und Hut,
Wüstensöhne in weis und Turban, Türken mit weiten Hosen, dunkle Inder und
schwarze Händler aus Afrika.
Man
sah, das Marsilia eine Weltstadt geworden war. Alles war vertreten wie man an
der Kleidung sehen konnte.
Normannen,
Wikinger, Deutsche, Schwaben, Russen, Byzantiner, Araber, Berger, Ägypter,
Perser, Mohren und Marokkaner.
Der
sanft von der Mühle abfallende Hügel bot eine gute Sicht.
Der
Zigeuner war glücklich – jetzt hatte er erreicht, dass er in der Gesellschaft
anerkannt wurde.
Jetzt
waren auch alle satt und zufrieden – leicht trunken, und man rief nach Musik.
Die
Zigeuner hatten natürlich schon begonnen ihre Lieder zu singen und zu spielen –
und auch zu tanzen.
Die weiten bunten Röcke wogten sanft um die
Hüften – bald waren es über 30 Mädchen die so ein verwirrendes
Farbenkaleidoskop erzeugten.
Daneben
tanzten die Griechen in Reihen den Sirtaki, Berberfrauen trillerten die hohen
schrillen Schreie, in einer stillen Ecke sangen Minnesänger Liebeslieder.
Das
Fest war aus.
Am
nächsten Morgen wurden die Segel aus
weißem Leinen an den Flügeln festgeschürt, in die richtige Stellung
gebracht, und dann drehten sich die Windflügel immer schneller, und das
Mahlwerk knirschte ächzend.
Die
Mühle begann zu arbeiten.
Der
Wind wehte stetig aus der richtigen Richtung.
Als
die ersten Körner zwischen die Malsteine gerieten wurde das Geräusch lauter.
Die
ersten unter das Mahlwerk gehängten Säcke füllten sich mit
Dinkelmehl – weiß und sehr fein – das würde gutes Brot geben.
Der
Mühlenbesitzer dankte dem Zigeuner noch mal, besonders für die schnelle
Fertigstellung.
Das
sparte viel Geld.
Das
freute den Mühlenbesitzer und er gab dem Zigeuner als Dank eine große Summe
Dukaten.
Das
würde seine Pläne sehr beschleunigen.
Und
jetzt konnte er daran gehen selbst ein Haus zu bauen. Ein Kontor, wie sie mehr
und mehr für die Händler gebraucht wurden.
Im
Panierviertel fand er eine geeignete
Baulücke, die nahe am Hafen lag.
Der
Platz war groß genug für zwei Häuser.
Eines
wollte er dann verkaufen, das andere für seine `Baufamilie` behalten.
Mit
dem Eigentümer war er sich schnell handelseinig. Beim Notar wies er das Papier
mit dem Daumenabdruck vor und Zug um Zug wurde er Eigentümer.
Unheimlich,
dachte er, mit welch großen Schritten sein Ziel näher kam.
Rechts
auf dem Grundstück zimmerten sie schnell eine Hütte zum Schlafen, Essen und für
die Werkzeuge, links sollte das erste Kontor gebaut werden.
Am
nächsten Morgen machte er sich auf, einen guten Baumeister zu suchen.
Die
Besten kamen aus der Ausbildung der Tempelherren.
Die
Templer hatten damals in Jerusalem ihre Burg auf dem Platz gebaut, wo einst der
Bau Salomons mit der Bundeslade stand.
So
konnten sie unbemerkt danach graben in der Hoffnung noch Heiliges zu finden.
Was
sie auch taten.
Das
Wissen über die rechten Maße, göttliche Maße, die nicht der irdischen
Geometrie, sondern dem goldenen Schnitt entsprachen.
Bald
fand er auch einen Landsmann, der ihm helfen würde, zwei Kontore zu bauen, die festgefügt, stabil und mit den
besten Eigenschaften wie Hypokausten Heizung,
fließendem Wasser und Entsorgung versehen waren.
Nach
einem Besuch in der Schatzkammer der Kompturei erhielt der Baumeister Johann
der Ältere auch ein Zahlungsavis mit seinem Daumenaufdruck und der Bau der
neuen Kontore konnte beginnen.
Er
war erschöpft.
Besonders
die letzten Tage – die Mühle, das Fest, die neuen Grundstücke – und alles
musste bestens organisiert sein – dann die Gedanken an die Mutter – ihre
Sicherheit – Tränen kamen ihm vor Erschöpfung.
Er
nahm seinen schwarzen Hut mit der
breiten Krempe[christoph1] und ging einen Platz suchen, wo er unter Zigeunern
friedlich Wein trinken konnte.
Vorne
am Hafen, man sah das Meer, Schiffe segelten draußen vorbei, Fischerboote
tanzten in den Wellen mit ausgebrachten Schleppnetzen, auch pullten Matrosen
eifrig um zu ihren Schiffen, die auf Reede lagen, zu kommen.
Die
Weinstube war eigentlich nur ein lockeres Dach gegen Sonne und Regen, dort nahm
er Platz.
Inzwischen
sah er so wild aus, dass er lange allein blieb und in Ruhe den ersten Liter
Rotwein trinken konnte.
Die
in den letzten Wochen unerträgliche Spannung löste sich allmählich.
Beim
zweiten Liter setzte sich eine blutjunge[christoph2] Roma zu ihm, bat um einen Schluck Wein, trank und
schmiegte sich an ihn.
Ein
angenehmes Gefühl, das er lange vermisst hatte. Es war ihm jetzt schon egal, ob
sie nur Wein wollte, oder einsam war, oder sie seine Muskeln gerne streicheln
würde, oder Geld brauchte.
Jedenfalls
war es schön.
Und
auch erregend.
Besonders
als sie ihn berührte.
Die
Stelle wurde heiß.
Erregung.
Musik
erklang – Flamenco.
„Komm“
sagte sie, und zog ihn hoch.
Bald
waren sie eng umschlungen und wiegten sich in den fröhlichen Rhythmen.
Mehr
Wein.
Mehr
Tanzen.
Mehr
Erregung.
Als
sie mal wieder saßen um sich zu erholen, fühlte er plötzlich ihre linke Hand,
die langsam und vorsichtig sich an seinem linken Bein hochschob.
Als
die Hand dort war, wo sie hinwollte, konnte er die Erregung seiner Sinne kaum
mehr aushalten.
Er
winkte dem Wirt, das Handzeichen bedeutete, er würde später zahlen.
Hand
in Hand rannten sie an den Strand und liebten sich.
Wieder
zurück, mehr Wein, mehr Tanz, und wieder
der Strand.
Währen
er sich noch den Sand von den Kleidern schüttelte, war sie schon verschwunden.
Ohne
ein Wort oder auch nur ein Winken.
Nur
ein glückliches Lächeln spiegelte sich
in ihren Augen.
Es
war Nacht geworden und am Himmel funkelten die Sterne.
Die
Spannung ließ langsam nach.
Da,
eine Sternschnuppe zog über den Himmel – von rechts oben nach links unten –
fast zielte sie auf sein eigenes Herz.
Als
wollte sie ihm etwas sagen.
Sprechen
von dem Mädchen, seiner Liebe, die vielleicht in Nöten war, in Nöten ob der
Zwangsheirat. Denn das konnte es nur sein, wenn sie nicht mit ihm – wo sie sich
doch so sehnte bei ihm zu sein.
Der
Abend heute, bekam einen schalen Beigeschmack.
Was
so unschuldig begonnen hatte, Wein, Essen, Tanz, Musik – die flüchtige Begegnung,
sah plötzlich gar nicht mehr so unschuldig aus.
War
es aber doch.
Sympathie,
unschuldiges Begehren – mit der Liebe zu dem Mädchen hatte das nichts zu tun.
Er
stand auf, ging zum Wirt, zahlte und ging heim.
Das
durfte nicht sein, dass sein Mädchen litt, unglücklich war, vielleicht sogar
mit Zwang verheiratet wurde.
Er
beschloss, sie zu entführen. Alles andere musste warten.
Mit
dem Baumeister war ja schon alles geregelt. Er konnte ihm vertrauen, sein
Leumund durch die Templer war gut.
Er
verabschiedete sich um nun die Holzfrage am Oberlauf der Rhone zu klären und
ein Floß mit besten Hölzern zu bestellen.
Jedenfalls
würden alle, die nach ihm fragten diese Auskunft erhalten. Während er zu den beiden
Marien segelte.
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