Freitag, 23. Januar 2015

1. Der Tugeuner



Der Zigeuner

Roman





















Inhalt:
3 Der Zigeuner
89 Das Mädchen Lijia
100 Einführung
102 Bilder
















1
Der Zigeuner



Man schrieb das Jahr 1231.

Das Meer war aufgewühlt, und auf den Wellen tanzte ein kleines Boot.


Es kämpfte ums Überleben. Alle Segel waren gerefft. Und dennoch hatte der Steuermann alle Mühe, das Boot auf Kurs zu halten – nach Westen.
Ein schlanker, hochgewachsener Mann, mit stählernen Muskeln, dunklem Teint – Der Zigeuner.
Das Ziel war St. Marie de la Mer. Seine Heimat. Denn dort war er geboren,  aufgewachsen – und dorthin wollte er wieder.
Die Stadt der Zigeuner. Der Schwarzen Madonna – die über das Meer gekommen war und dort ein Heiligtum gegründet hatte.

Die Wolken hasteten über den Himmel und Gicht flog so dicht über den Wellen, dass man kaum etwas erkennen konnte. Und doch tauchte plötzlich ein zweites Boot – das sich durch Sturm und Wellen kämpfte, auf.
Es kam näher und versuchte sein Boot zu rammen offensichtlich in der Absicht es zu versenken. Erfolglos.
Beide Boote waren aus starken Eichenbohlen gebaut. Die brachen nicht.
Also zog der Ankömmling sein Messer. Der Zigeuner zog das Seine. Während die Kämpfer versuchten den Anderen zu verletzen, waren die Boote führerlos, da niemand sie durch diesen Sturm steuerte.
Die Großbäume schlugen im Sturm heftig hin und her – beide mussten sich ständig ducken – mühsam im schwankenden Boot die Balance haltend.
Endlich zeigte es sich, dass der Zigeuner der Kräftigere, der Schnellere und der Erfahrenere war.
Der Großbaum schlug gegen den Kopf des Anderen, schmetterte ihn zu Brei, und der Zigeuner konnte endlich seine Fahrt fortsetzen.

Es begann zu regnen. Der Wind flaute plötzlich ab, das gereffte Segel flatterte wild und musste geborgen werden. Keine Fahrt im Kahn – endlich konnte er das Tuch bergen. Er setzte sich an die Ruder und brachte mit kräftigen Stößen das Boot wieder in Fahrt.
Es war noch ein langer und mühsamer Weg durch die klatschenden Wellen.
Aber seine Muskeln waren stählern, und er ruderte und ruderte, und ruderte, und ruderte – sechs Stunden lang, bis er endlich den schützenden Hafen erreichte.

Es war Abend geworden.
Einige Fischer, die noch müßig herum standen, halfen ihm das Boot mühsam die Düne hoch zu ziehen, so dass es außer Reichweite der Fluten und Wellen kam.
Er takelte das Segel ab, verstaute es in einer Kiste und ging dann nach Hause – nach Hause zu seiner Mutter.
Es war ein kleines ärmliches Haus – eher eine Hütte, mit geringem Raum und einem halb vermoderten Schilfdach.
Als er durch die Tür trat begrüßte ihn die Mutter – überglücklich, dass er noch lebte.
Während sie ein kleines Feuer anfachte, um ihm einen Fisch zu braten, den der Bruder im Meer gefangen hatte, das Holz für das Feuer hatte sie am Vortag am Strand gesammelt, angeschwemmtes Strandgut aus kleinen und größeren Stücken, begann der Zigeuner vor sich hin zu summen, dann verwandelte sich der Ton, es wurde ein Gesang daraus, mit gutturalen Tönen, Krächzern, der Cante Jondo, dem Flamenco.
Der Fisch, den er mit immer fettigen Händen von den Gräten ab gepult hatte, und glücklich in den Mund geschoben, lag ihm nun wohlig im Magen.

Endlich konnte er ausruhen nach dem Kampf auf dem Meer, dem Kraftverlust durch stundenlanges Rudern – und er legte sich zufrieden rücklings auf den Boden.
Im Dämmern, kurz vor dem Einschlafen, beruhigte ihn das friedliche Rauschen des Regens auf dem dünnen, löchrigen Dach.
Er fiel in ein tiefes Loch, immer schneller, und mit letzter Kraft stemmte er sich dagegen und kam langsam wieder ans Licht.
Der Mond schien, ein dunkelblauer Himmel, übersäht mit Sternen, die Milchstraße blendete ihm fast die Augen.
Die Milchstraße, la Voie lactée, die den Sternenweg von St. Maries de la Mer bis Cantiago  de la Compostela zeigte.
Jahrhunderte später, so sah er, würde ein Pilgerweg nach Compostela sehr besucht werden, weil die katholische Kirche einen Ablass gewährte, das heißt, wenn man diesen Weg zu Fuß erwanderte, eine Jacobs-Muschel umgehängt, so wären alle Sünden schon im Diesseits vergeben.
In Compostela angekommen, man brauchte für den erfolgreichen Abschluss des Weges, bestätigt durch viele Stempel von allen Stationen des Weges, zeigte sich die Kathedrale in herrlicher Gotik, und Besonderheit dieser Kirche war ein riesiges Weihrauchgefäß, das  von Novizen durch gemeinsames Ziehen an langen Stricken in Bewegung gesetzt wurde.
Langsam begann es hin und her zu schwingen, immer stärker, bis es endlich durch die ganze Weite des Kirchenschiffs den hohen Raum mit Weihrauch erfüllend, alle Pilger betäubend, die Andächtigen in Trance versetzte und glücklich machte.

Er wachte auf. Durch das löchrige Dach schienen erste Strahlen einer goldenen Sonne. Seine schmerzenden Glieder hatten sich erholt, er stand auf, begrüßte seine Mutter, gab ihr einen Kuss und eine Umarmung, setzte sich und aß ein wenig. Eine Hand voll Grütze in einer hölzernen Schale, genügte ihm.
Er ging nach draußen.
Seine Kleider, zerrissen und lumpig, schlotterten ihm um die Beine.
Das erste Ziel war die Kirche von St.  Maries de la Mer. Er wollte in die Kirche gehen und der Schwarzen Madonna danken für die glückliche Heimkehr.
So früh am Morgen war die Kirche noch leer. Später würde sie sich füllen, denn es war der Tag des Festes der Schwarzen Madonna.
Und von überall her weit gereist kamen die Roma und Sinti um ihr zu  huldigen.
Dort in der Kirche, so früh am Morgen, sah er sie zum ersten Mal.
Eine große, zarte Gestalt, mit dunklen, tiefen, liebevollen Augen.
Der bunte Stoff des faltenreichen Rockes schmiegte sich sanft an ihre Beine wenn sie ging.
Während sie zum Altar ging, um zu beten, und Fürbitte für Jemanden zu sprechen, er wusste nicht für wen, flogen Ihre Haare liebevoll um ihren schlanken Hals.
Während er noch in ihren Anblick versunken war, hatte sie ihr Gebet schon beendet, und war im Nu verschwunden.
Lange saß er noch dort in der hölzernen Bank und träumte von ihr.
Dann sprach er sein Dankgebet, ließ seine Augen über die Säulen und Bögen des Seitenschiffs der geliebten Kirche wandern und ging dann langsam wieder hinaus.
Ein zartes Sehnen, Kribbeln im Bauch konnte man es noch nicht nennen, erfasste ihn.
Er wanderte ziellos durch die Straßen als jemand ihn rief.
„He Zigeuner, du bist wieder da?
Komm mit – ich habe gerade neue Pferde gekauft. Lass uns ausreiten“.
Er ging mit zu den Ställen, es waren die weißen
Camargue Pferde. Sie zogen sie aus dem Stall und sattelten sie.
Wie üblich waren die Sättel vorn und hinten hoch gebaut.  Das gab Reitern Halt genug um mit einer Hand die Zügel zu halten und mit der Anderen ein Lasso zu schwingen, wenn Kälber ein zu fangen waren,  um ihnen das Brandzeichen des Besitzers einzubrennen.
„Komm“ sagte der Freund.
„Nach diesem langen, einsamen Segeln wirst zu sicher gerne wieder durch das Land reiten, wie unsere wunderschöne Camargue sich dir zeigt“.
Sie ritten über grüne Wiesen, die sich durch die Landschaft zogen, umgeben von wasserarmen Flussläufen, Seen - ein buntgescheckter Teppich, zwischen Grün und Blau, den Wiesen und dem Wasser.
In den seichten Gewässern stolzierten Flamingos, auf einem Bein stehend,  das Wasser scharf beobachtend, um mit blitzschneller Bewegung mit dem langen, spitzen Schnabel Fische zu erhaschen – und auf den Wiesen grasten große Herden von weißen Pferden, Kühen und schwarzen Stieren.
Während sie gemütlich im Schritt ritten, galoppierte plötzlich  mit wehenden schwarzen Haaren ein junges liebreizendes Wesen vorbei.
Das war das zweite Mal, dass er sie sah.
Sein Herz begann wild zu pochen.
Trotz der weiten Röcke saß sie nicht im Damensitz. Normal im Sattel sitzend, breitbeinig männlich, schoben sich die Röcke hoch und ihre weißen, sanften Schenkel reizten ihn.
Sein Glied, sich aufrichten wollend, aber doch nicht könnend wegen der engen Reithosen fing an zu schmerzen.
Gott sei Dank ritt sie so schnell, dass sie bald  ihren Blicken entschwand.
Um sich ab zu lenken richtete er sein Augenmerk auf die vielfältigen Gräser und Pflanzen auf den Wiesen.
Nein, es war nicht nur borstiges Gras das hier wuchs.
Auf der heißen trockenen Erde wuchsen auch vielerlei Kräuter, die der Provence eigen sind.
Thymian, Majoran, Salbei, Oregano, Minze.
Er hielt den Gaul an, beugte sich hinunter, soweit er konnte, und roch den Duft dieser wilden Landschaft.
Er konnte fast das Aroma eines Gerichtes, zubereitet mit diesen Kräutern in der Nase, auf der Zunge spüren.
Lammkeule, die von Schafen oder Lämmern stammte, die auf diesen Wiesen, duftenden Wiesen, Kräuterwiesen  gefressen hatten.
Seine Mutter war so arm, dass sie diese Gerichte nicht kochen konnte.
Er nahm sich vor, viel und schnell zu arbeiten um ihr das zu ermöglichen.
Die arme Mutter.
Abgehärmt, allein, der Vater war mit seinem Boot nach der letzten Fangreise nicht mehr zurückgekehrt.

Es war Mittag geworden. Der Freund – Django  – lud ihn zu sich nach Hause ein. Dort bürsteten sie sich den Staub von den Kleidern, wuschen  Gesicht und Hände.
 Sie gingen aus dem Haus.
Django meinte dann „komm  - ich weiß ein Lokal das heute gerade aufregend sein wird, wo das Essen gut schmeckt und die Musik wild ist“.
Sie schlenderten durch den Ort.
An jeder Ecke hörte man Musik, Musik der Zigeuner mit gezupften Instrumenten und Gesang. Fetzen von Cante Jondo wehten herüber.
Ihre Beinkleider wurden unten staubig und dreckig durch das Wandern auf den matschigen Wegen, nur an wenigen Stellen mit Pflastersteinen befestigt.
 Bald kamen sie zu dem vom Freund ausgesuchten Lokal.
Ein riesiger Raum, die Tische, Klötze aus dicken, durchgesägten Baumstämmen, die Bänke aus Treibholz zusammen gezimmert.
Der Raum war fast voll Besucher, die das Fest der Schwarzen Madonna feiern wollten. Überall rannten kleine und größere Kinder, und manchmal, wenn ein  Viluelaspieler (Vorläufer der Gitarre) angefangen hatte – ganz spontan – eine Flamenco Melodie zu zupfen – fielen sie ein mit ihren hohen Kinderstimmen und versuchten mühsam das Dunkle  der Cante Jondo  mit zu machen.
Es gab Fisch – Schwertfisch. Ein Raubfisch mit wenig Gräten und äußerst geschmackvollem Fleisch.
Plötzlich sah er sie wieder.
 Ganz hinten, in der Ecke des Lokals war sie aufgestanden – offensichtlich hindern die Klänge der Musik sie daran sitzen zu bleiben.
Sie stand auf und tanzte.
Sie schien schon vor längerer Zeit gekommen zu sein.
Der Wein hatte ihr Gesicht erglühen lassen und machte sie noch schöner als er sie in Erinnerung hatte.
Ein Mädchen brachte ihnen Literkrüge mit Rotwein. Das Bewusstsein gedämpft, spürte er wieder heiße Wallungen durch seinen Körper beim Anblick dieser Frau.
In einer Ecke des großen Raumes sang und spielte ein Zigeuner mit rauer Stimme.
Immer wieder kamen andere Männer dazu um ihn zu begleiten.
Plötzlich beugte sich der Sänger, winkte einen Jungen zu sich und flüsterte ihm ins Ohr.
Nach einer Viertelstunde kam der Junge wieder und führte einen Blinden mit sich.
Er half ihm liebevoll sich auf einen Hocker in der Nähe des Sängers hin zu setzen.
Dann begann der Blinde auch zu singen. Dem Zigeuner wurde heiß und die Tränen tropften aus seinen Augen, weil das ein so wunderbarer Gesang war.
Inzwischen war der zweite Liter Rotwein geleert. Die Seele löste sich von den Alltagssorgen und der Zigeuner war glücklich.
Links spielte der Blinde, im Saal hinten tanzte das Mädchen.
Endlich fasste er sich Mut, um aufzustehen, zu ihr zu gehen um mit ihr zu sprechen, vielleicht auch um ihre Hand nehmen zu dürfen -  aber da war sie schon verschwunden.

Der Zigeuner ging zum Strand, legte sich in den heißen Sand auf den Rücken, schaute in den Himmel, klar blau – tiefer und noch tiefer – je tiefer er schaute, so dunkelblauer wurde der Himmel – ab und an zogen Wolken silberweiß vorüber – und dann schlief er ein.

Um ungestört zu sein, hatte er sich entfernt von der Stadt und eine Düne gefunden, wo er bequem im Sand lag.
Wachträumend, kurz bevor er tief einschlief, spürte er plötzlich eine sanfte Berührung am Körper. Es war das Mädchen.
Statt der weiten, vielfältigen Röcke, hatte sie sich ein leichtes Hemd übergeworfen.
Er hatte nur einen leichten Schurz angelassen, um auf seiner nackten Brust die wärmenden Strahlen zu spüren.
Sie schmiegte sich an ihn.
Sie streichelte mit den  Fingern seine Wange.
Er wurde wacher, es wurde ihm heißer.
Er beugte sich über sie, und berührte mit seinen Lippen ihre Stirn,  ihre Augenbrauen, ihre Wangen, ihre Nase, und endlich streifte er ganz sanft ihren Mund, der weich und warm und wie fast geschwollen wirkte.
Seine Männlichkeit, stramm und größer werdend, fühlte sich eingezwängt von dem Stoff.
Beide streiften alles von sich, rutschten zu einander, berührten sich, mit ganzen Leibern, rollten hin und her im Sand, immer wilder, bis sie endlich zu einander fanden.
Die Erfüllung war so wunderbar, dass sie beide das Bewusstsein fast verloren, und so vereint noch lange bei einander lagen, bis langsam die Erregung abflaute, und beide sich heiß umschlingend einschliefen.
Plötzlich wurden sie aus einander gerissen.
Es waren ihre Brüder.
Einer der Brüder hatte bemerkt, dass sie mit dem Zigeuner gegangen war, dem Zigeuner, der aus einem anderen Stamm stammte.
Die Stämme waren tödlich verfeindet.
Die Brüder suchten das Paar. Einer sah sie am Strand, und holte die anderen.
Sie zerrten das Mädchen fort.
Das durfte nicht sein!
Und dann schlugen sie mit Knüppeln auf den Zigeuner ein – auf die Beine, den Bauch, die Arme, zuletzt schlug einer ihm mit Wucht auf den Kopf.
Dann gingen sie.
Der Zigeuner war nun sicher tot.
Doch er lebte.
Nach Stunden wachte er langsam auf.
Seine Muskeln waren so gut gestählt und hart, dass sie alle Schläge überstanden, und den Kopf hatte die dichte Wolle der Haare geschützt und den Schlag gedämpft.
Er musste fliehen.
Die Brüder des Mädchens hatten ihn für  tot liegen lassen.
Das verschaffte ihm ein wenig Zeit.
Er lief zur Mutter um sich zu verabschieden, und machte sich auf den Weg.
Er wusste, dass Familien seines Stammes an der Algarve wohnten.
Kurz überlegte er, ob er zu Fuß, oder über das Meer mit seinem Boot dorthin fliehen sollte.
Auf dem Meer konnten ihn die Verfolger nie finden.
Denn die Brüder, die einen Totengräber zu seiner Leiche geschickt hatten, hörten bald, dass er noch lebte und verschwunden war.
 Plötzlich fiel ihm ein, dass die Brüder sicher auch versuchen würden, den Fluchtweg von der Mutter zu erfahren – wenn nötig mit Gewalt.
Das durfte nicht sein.
Er rannte also nach Hause, schlich sich vorsichtig, falls die Brüder schon da waren, zur Mutter.
Sie war allein.
Er umarmte sie, und sagte, dass er in die Algarve segeln würde zu den Verwandten – sie könne das ruhig allen erzählen, denn auf dem Meer könnte ihn niemand finden.
Nun die letzte Hürde – das Boot zu erreichen und los zu segeln.
Für Proviant war keine Zeit mehr – er konnte immer angeln, und den Fisch roh zu essen war er gewohnt.
Trinkwasser war nötiger, aber es würde schon irgendwann regnen.
Im Tuch des Segels aufgefangen, sammelte sich schnell viel trinkbares Wasser.
Den Anker aus dem Sand  gerissen, das Boot mit letzter Kraft zum Wasser gezogen, Mast und Segel gesetzt, in Sekunden war er unterwegs bei einer leichten Brise, die ihn schnell vom Ufer entfernte.
Nach einer Stunde war er außer Sichtweite und änderte dann den Kurs nach Osten.

Nach einiger Zeit steuerte er wieder näher ans Land – so konnte er leichter sein Ziel, Marsilia, ansteuern.
Der Zigeuner hatte seinen Plan geändert.
Nicht nur fliehen wollte er, nein, der Plan war nun erst viel Geld zu verdienen, dann die Mutter und das Mädchen zu holen, und mit ihnen in ein Land zu reisen, wo sie für immer sicher sein würden. 
Denn das Mädchen liebte er – wollte immer mit ihr zusammen sein – und die Mutter sollte endlich ohne Sorgen und Schrecken altern dürfen.
In dem alten – von Griechen vor 17 Jahrhunderten gebauten -  Hafen, fand er schnell Platz für sein Boot.
Später hatten die Römer in die Kaimauern dicke Eisenringe eingelassen, an denen er nun das Boot festmachte.
Als er da so müde und erschöpft im Boot saß, sprach ihn ein Fischer vom benachbarten Boot an.
„ He, komm rüber, du siehst völlig fertig aus“.
Er kletterte in das andere Boot.
Der Fischer gab ihm einen Krug.
„Trink erstmal einen Schluck Wein, dann gibt’s auch was zu essen“.
Der rote Wein tat gut.
Er entspannte sich.
Dann ein Kanten Brot und gebratener Thunfisch.
„Danke – ich musste plötzlich von zu Hause fliehen, da blieb keine  Zeit für Proviant“.
„Und was willst du jetzt machen“?
„Ich muss Geld verdienen – um mit Mutter und Frau fort reisen zu können.
Weit fort.
In ein Land, wo mein Stamm das sagen hat und wir für immer sicher sind.
Kannst du helfen? Als Fischer Geld zu verdienen ist das hier wohl nicht möglich, wenn ich all die Boote sehe“.
„Es wird ständig viel gebaut hier – der Handel blüht, und die Händler mit ihren Waren aus allen Städten des Mittelmeers brauchen neue Häuser und Lagerhallen.
Versuchs doch mal dort als Handlanger. Du siehst kräftig aus. Ziegel hoch schleppen. Das klappt bestimmt“.
Der Zigeuner kletterte auf den in die Steine eingelassenen Eisenstäben hoch, schaute kurz, ob er irgendwo Häuser im Rohbau sah, ging dann nach rechts und kam in das alte  Griechenviertel von Marsilia Le Panier.
Auch hier wurden wegen des zunehmenden Handels über das Mittelmeer ständig neue Kontore gebraucht.
Vierstöckige Wohnhäuser, oben wohnte die Familie, darunter Küche und Personal, Köche, Dienstmädchen, Angelernte – oft aus fremden Ländern und wie Sklaven gehalten, darunter im zweiten Stock das große Kontor mit vielen Schreibern an Stehpulten, und endlich Parterre das Lager voll Spezereien, Stoffen, Seide Ballen, Gewürzen aus Indien, Bernstein von der Ostsee.
Er sah mehrere Rohbauten und ging zum Größten.
Ein großer, dicker Herr, der einen Knüppel trug, sah wie der Aufseher aus.
Er ging zu ihm, verbeugte sich höflich.
„Habt ihr Arbeit für mich“ fragte er den Aufseher.
Der betrachtete ihn von oben bis unten, besonders die breiten, starken Schultern und die Größe der Armmuskeln.
„Gut – du kannst gleich anfangen“, und wies ihn an einen schmächtigen Mann mit verschmitztem Grinsen und einem Pnüppel in der Hand.
„Der Aufseher schickt mich. Ich soll mich bei dir melden“
„Gut – hier ist eine Trage für den Rücken um Ziegel zu laden. Die müssen in den vierten Stock. Nimm dort die Leitern“.
Das wog zusammen etwa 90 Pfund – im dritten Stock musste er stark keuchen – aber er schaffte es doch.
So ging das viele Tage lang.
 Zu essen gab es trockenes Brot und Fisch. Fisch, der am Hafen wohl gerade der billigste war.
Die Arbeiter schliefen auf dem nackten Boden.
Sobald  die Dämmerung kam, und man etwas sehen konnte, schrie der Antreiber laut, wer nicht sofort aufstand bekam einen Hieb mit dem Prügel, dann wieder Fisch und Brot.
Und dann die Ziegel hoch tragen.
Jetzt war er als fleißig und willig bekannt.
Es gab sicher besser bezahlte Arbeit.
Er brauchte für seine Pläne viel Geld.
Er ging zum Aufseher.
„Herr, ihr kennt mich jetzt als fleißig und sorgsam. Ich bitte nun um eine andere Arbeit – mit besserem Lohn.“
„Sprich – sag was du meinst“.
„Herr, ich bin Fischer. Und das Boot habe ich selbst gebaut. Ich habe viele Jahre gelernt gute, schnelle und schöne Boote zu bauen.
Wenn es euch gefällt, setzt mich als Zimmermann ein – beim Hausbau und mit mehr Lohn“.
Der Aufseher überlegte kurz und meinte, „gut, zeig mal was du kannst. Mein Herr lässt nicht nur dieses Haus bauen, sondern oben auf dem Berg eine Windmühle.
Die wachsende Stadt Marsilia braucht immer mehr Nahrung.
Der ganze Dachstuhl muss ausgebaut werden. Leider gibt es wenig Holz. Das ist ein großes Problem.
Deswegen ist die Mühle noch nicht fertig.
Der runde Turm steht, aber das Holz fehlt für das Dach.
Wenn du dieses Problem lösen kannst, hast du den Auftrag und wirst fürstlich entlohnt“.
„Gut, ich werde mal alles prüfen, ich bin in zwei Tagen wieder hier“.
Erst ging er ans Meer, um zu sehen, ob es Treibholz gäbe.
Was er bei langem Wandern am Strand sah, wäre niemals genug für das Dach.
Am nächsten Tag ging er zum Hafen. Dabei kam er zu einer versteckten Seite des Hafens.
Dort wurden Segelschiffe abgewrackt.
Sie hatten Jahrzehnte ihren Dienst getan – in Stürmen und Flauten, in eisiger Kälte und glühender Hitze, das bekommt keinem Holz und sei es auch aus Eichenbohlen.
Das war‘s! Der Zigeuner sprang fast in die Luft vor Freude.
Jetzt war alles gerettet.
Er rannte um den ganzen Hafen herum um wieder nach Westen zu kommen wo er den Aufseher fand.
„Ich kann das Holz liefern“ sagte er. „Holz von
abgewrackten Schiffen. Eiche und anderes Holz, das noch gut viele Jahrhunderte übersteht. Hab‘ ich das Geschäft?“
Der Antreiber wurde informiert, und der Zigeuner fing am nächsten Morgen an, das Dach der Windwühle auszubauen.
Von dem ersten Verdienst beschaffte er sich das notwendige Werkzeug.
Ein guter Hammer, geschmiedete Nägel in allen Längen, eine scharfe Säge, dicke Bohrer für Zapflöcher bei Verbindungen und große Schnitzmesser.

Nun war er fast selbständiger Unternehmer.
Er brauchte Handwerker, Arbeiter und einen Koch.
Unten in dem Turm gab es einen großen  hohen Raum, der später als Lager für die Mehlsäcke und auch für das Reparaturmaterial dienten sollte.
Hier sollten alle schlafen, essen, wohnen.

Einige Tage suchte er die Mannschaft zusammen. Zigeuner seines Stammes.
Damit hatte er  eine Familie – eine Familie, die zu ihm stände, ihn nicht verraten würde, und weil er guten Lohn gab, fleißig sein würde. Nicht wie die bedauernswerten Sklaven des Antreibers.
Bald hatte er 10 Leute, auch Zimmerleute und Steinmetzen waren dabei. Die Mühlsteine mussten behauen werden, Löcher für die tragenden Balken ausgestemmt, Treppen angelegt und vieles mehr.

Als alle endlich beisammen waren in dem großen Raum, trat er vor sie hin und sprach:
„Gut, dass ihr da seid. Wir sind von einer Gesinnung. Je schneller wir fertig werden, so schneller können wir etwas Neues anfangen.
Und das wird dann unser eigener Bau sein.
Alle sind beteiligt. Wie in einer Familie.
Die Kranken werden versorgt, die Kinder lernen Lesen, Schreiben und Rechnen, die Alten haben Wohnung und Brot.
Bei Dämmerung stehen wir auf, unser Koch hat ein Mahl zubereitet, so auch mittags und abends.
Auch schon hier werden die Kranken versorgt. Wie es sich für eine Familie gehört.
Danke.
Hier  sind Heu und Stroh für das Nachtlager.“
„Chef, was ist  das mit dem Lesen und Schreiben? Kannst du es? Und wieso?“
„Ja, ich kann`s, mein Vater war Fischer und ist eines Nachts bei einem riesigen Sturm wohl ertrunken.
So war ich mit 6 Jahren Halbwaise.
Es war die Zeit der Gutmenschen – die Weisen der Katharer.
Eines Tages kam wieder einer in die Gegend.
Er schwätzte mit mir, fragte dies und das, fragte endlich ob ich lesen und schreiben lernen wolle.
Klar, wollte ich!
Wir gingen zur Mutter, die sofort zustimmte. Ich sollte lernen, viel lernen, so würde ich es später besser haben.
Er nahm mich mit zu einem Grafen von Carcassonne  Raimund II. Trencavel der den Gutmenschen wohl gesonnen war, und den Minnesang pflegte und für die Kinder eine Schule organisiert hatte.
Später kam ich in ein Kloster, zu Mönchen, die mir Mathematik, Algebra und manch viel Gescheites und nützliches beibrachten.
Diese Wissenschaften kamen von den ungläubigen Arabern, aber das störte niemanden.
Selbst die Zahlen von 1 bis 10 waren arabisch.“
Während die anderen noch alles bequatschten, ging der Zigeuner nach draußen.
Die nächsten Schritte bedenken.
Der Ausbau würde sicher jetzt schnell voran gehen – das entnahm er den fröhlichen Stimmen nach seiner Rede.
Als nächstes das Getriebe, welches die Kraft der Windflügel auf die Mahlsteine führte.
Eiche für die Zahnräder, Eiche für die Achse, Steine für das Mahlwerk.

Es war Abend geworden – die beste Zeit um sich zu sammeln, zu meditieren – wie er es von den Gutmenschen gelernt hatte, und beim Blick nach oben zu der Milchstraße nach zu denken, Einfälle zu erhaschen.
Am nächsten Morgen, als er die Arbeit verteilt hatte, und sah, dass es gut voran ging, verließ er seine Mannschaft oder besser Familie.
Erst das Eichenholz.
Hier im Süden nicht zu finden. Das wuchs nur im Norden.
Er ging zum Hafen und weiter an die Mündung der Rhone, und sah schon von weitem was er suchte. Lange Holzflöße. Bestimmt gab es auch Eiche.
Mit kräftigen Flaschenzügen und Stangen zum Hebeln hievten Arbeiter die Baumstämme auf das Land. Andere sägten mit großen Baumsägen je zu zweit Stücke ab.
Oder standen auf einem Gerüst,  einer oben, der andere unten, und sägten dicke Bohlen für Schiffs– oder Hausbau.
Das hat ja gut geklappt.
Er suchte sich aus was er brauchte, und rief ein paar Fuhrleute, die das Holz zur Mühle fahren sollten. Dann bezahlte er das Holz mit Goldmünzen und gab auch den Fuhrleuten eine Anzahlung.
Das wäre erledigt.
Am Hafen des Port St. Louis de Rhone suchte er etwas zu Essen.
Ein Schilfdach, verschiedene Sitzgelegenheiten, ein Holzfeuer mit darüber hängendem großen  Kessel, noch ein Feuer zum Braten und grillen, dunkle schöne Gesichter – das waren sicher Landsleute.
Der Zigeuner ging hin und setzte sich.
„Rotwein und was zu essen“.
Der Wirt nickte bejahend und seine langen schwarzen Haare unterstrichen die Zusage.
Bald kam der Wein und schmeckte köstlich. Guter roter Wein aus dem Langedoc.
Jetzt konnte er entspannen, den Wellen des Mittelmeers und den Möwen lauschen.
Man nannte es wohl Kreischen, aber in seinem Ohr klang es wie die schönste Melodie, der Gesang der Möwen.

Zigeuner waren  wohl die ersten, heute auch als Kesselflicker bekannt, die schon vor vielen Jahrtausenden sich auf Kupferverarbeitung verstanden.
Der Wirt brachte eine große Kupferschale und einen Löffel aus Holz.
„Eintopf der Provence“, sagte er, „Rind, Kartoffeln, Bohnen und Kichererbsen.“
Hmm – das schmeckt und bringt Kraft.
Als der Wirt auf sein Winken hin noch Wein brachte, fragte er:
„Und die Gewürze? - was tust du rein, damit es so gut schmeckt?“
„na ja, Salz, Thymian,  Majoran, Salbei, Pfeffer, etwas Emmer Mehl – das war‘s wohl, und das köchelt dann schon seit heute Morgen“.

Zufrieden holte er ein paar Münzen aus dem Beutel, der am Hals unterm  Hemd hing, zahlte und ging in Gedanken versunken wieder zur Mühle.
Bis auf den Pfeffer gab es alles hier für gute Gerichte. Die Kräuter musste man nur sammeln, das Salz kam von den Salzgärten an der Küste.
Die Salzgärten werden mit Meerwasser gefüllt, das Wasser verdampft, wieder Füllen, bis dicke Schichten entstehen. Zusammenschaufeln, Verkaufen.
Ja, dachte er, das mit dem Pfeffer – warum sagte man Pfeffersäcke – und meinte nicht die Säcke, sondern reiche Händler.
Da war doch was dran. Großer Reichtum kam vom Handel und Import von Spezereien aus Ländern im Südosten wie Indien, Länder die schon Alexander der Große erobert hatte.
Auch der Handel mit Geld brachte Reichtum. Darum waren die Händler im Tempel, die Jesus vertrieben hatte, auch so erbost, dass Christus dafür sterben musste.
Doch das musste warten.
Obwohl es ihn juckte, selbst Handel mit Spezereien  zu betreiben.
In der Mühle ging alles gut. Alle arbeiteten
schnell und exakt.
Seine `Familie`. Das Herz wurde ihm warm.
Doch die Sorge um die Mutter ergriff ihn plötzlich. Ob alles gut war? Die anderen ihr geglaubt hätten? Und sie nicht erneut bedroht hatten, als sie ihn nicht fanden?
Er musste unbedingt einen sicheren Ort für sie schaffen.
Aber wo?
In der alten Heimat, aus der sie vor zwei  Generationen ausgewandert waren – Afghanistan, konnte er die Mutter nicht bringen. Noch brauchte er viel mehr Geld dafür.
Geld, ja das nächste Problem. Wo aufbewahren. Die ersten Münzen hatte er am Hafen in einem Loch der Kaimauer versteckt. Da passten jetzt keine mehr rein. Er wurde gut bezahlt und es wurden immer mehr Münzen.
Wenn er Besorgungen machte, neues Material bestellte, Handwerker für knifflige Aufgaben, wie etwa die genaue Herstellung der Zahnräder für das Mahlwerk, hörte er sich um, wie andere das mit dem Geld machten.
Nach einigen Wochen gab jemand auch den Tipp.
Versuchs mal bei den Tempelrittern. Genaues wusste er aber auch nicht.

Der Zigeuner fragte sich durch, und so fand er den Weg zur Komturei von Marsilia.
Er wurde freundlich aufgenommen und trug sein Anliegen vor. Man hätte ihm gesagt, sein Geld wäre bei ihnen sicher.

Er wurde freundlich empfangen, und zuerst herum geführt, wobei einer der Tempelritter in weißem Gewand und Mantel mit dem roten Andreaskreuz darauf ihm  die Aufgaben der Ritter erläuterte.

Sein Geld wäre hier sicher. Er könne die Münzen hier abgeben und als Quittung gäbe es ein Papier mit der Summe und dem Abdruck seines Daumens. Die Linien auf dem Daumen sind bei jedem Menschen anders – so anders, dass es keine Verwechslung geben könne.
Diese Quittung könne er später überall in einer anderen Komturei – etwa in Frankreich, Deutschland, England, Österreich einlösen – er erhielte dort das Geld zurück.
Jetzt begriff er, warum der Handel überall so aufblühte.
Ohne Raubritter und Wegelagerer, ohne marodierende Söldner gediehen die Städte,  die Landwirtschaft, der Fischfang, die Künste und Universitäten.
„Doch ehe wir das Geschäftliche regeln, sollst du sehen, wes Geistes Kind wir sind. In unserer Kirche findet alle Stunden eine Messe statt. Ich möchte, dass du das miterlebst.“
Der Templer nahm ihn bei der Hand und sie gingen zur kleinen Kirche der Komturei.
Die kurze Predigt handelte von der Ehrfurcht vor dem Schönen, dem Wahren und dem Guten.
Dann gingen sie in ein Gewölbe aus schweren, festen Steinen. Die Schatzkammer.
Seine Goldmünzen wurden gezählt und er erhielt die Quittung mit seinem Daumenaufdruck.
Das war gut so.
Keine Angst mehr vor Überfällen.
Plötzlich dachte er an seine Mutter.
Er hatte doch Angst.
Ob die Feinde sie wohl in Ruhe gelassen hatten?
Könnte er doch etwas tun.
Der Templer bemerkte seine Verzweiflung und fragte, ob er helfen könnte.
Der Zigeuner erzählte von der Verzweiflung, dass seine Mutter nicht  sicher sei, und auch besonders, weil er dieses Mädchen vom anderen Stamm liebte.
„Ja schon, es gibt Dörfer der Templer die zum Schutz aller Verfolgten gebaut worden waren, -in unwirtlichen Gegenden, und von Tempelrittern bewacht.“
„Dort wären deine Lieben sicher.“
„La Couvertoirade ist nicht weit – in den Bergen von Larzac – geh‘ dorthin“
Ein Stein fiel ihm vom Herzen. So könnte er beruhigt seine Ideen verwirklichen, der Wunsch, soviel Geld zu verdienen, bis alle in der ursprünglichen Heimat seines Stammes, nach Afghanistan  gehen konnten und sicher und zu Hause bei Verwandten leben könnten.

Nun überlegte er, wie er die Mutter dorthin bringen könnte.
Aber dazu musste er erstmal nach St. Maries de la Mer gehen, und dann sie unbemerkt holen.
Nicht so einfach.
Erst dachte er, einer der Jungen seiner Baufamilie, ein kleiner, so 11 Jahre alt, würde keinen Verdacht schöpfen – die Feinde des anderen Stammes wären so leicht getäuscht.
Doch dann kam ihm ein viel besserer Gedanke.
Ein Mönch in einer Mönchskutte, etwas abgerissen, die Kapuze über dem geneigten Haupt – niemand würde ihn erkennen oder anhalten.
Er besuchte die Templer wieder, und dort bekam er was er wollte. Denn die Tempelritter waren dafür bekannt, alte Kleider zu sammeln aus denen ihre Schützlinge sich Neues nähen konnten.
Die Kutte fand sich bald und der Zigeuner regelte noch alles für die nächsten Arbeiten auf der Turmmühle und ging sein Boot klar zu machen.
Etwas Proviant, Wasser, und am nächsten Morgen segelte er gen Norden.
Nach zwei Tagen erreichte er St. Maries de la Mer.
Außer Sichtweite hinter einem zerklüfteten Felsen zog er das Boot an Land.
Gegen Mittag, als viel Volk unterwegs war, schlüpfte er in die Kutte und ging gemessenen Schrittes, den Kopf gesenkt zur Hütte der Mutter.
Zu erkennen gab er sich erst, als er sie mit ruhigen Worten und einem kurzen Segen gefasst sah.
Die stille Freude der Mutter überzog ihr Lächeln mit seligem Glanz.
Selige Tränen stürmten ihr aus den Augen.
Bald kam auch der Bruder.
Bisher hatte sein Plan geklappt. Die Feinde hatten sie in Ruhe gelassen, waren wohl zufrieden mit den Nachrichten vom Fluchtweg des Zigeuners.
Er fragte, ob man von dem Mädchen etwas gehört hätte, wenig genaues war die Antwort,  man erzählte sich allerdings, dass wohl eine Hochzeit bevor stünde.
Wie Eisenklammern zog es sich um sein Herz.
Und er konnte nichts machen.
Noch nicht.
Nur der Gedanke, dass er bald mit dem Mädchen, der Mutter und dem Bruder in ein sicheres Land ziehen würde, tröstete ihn.
Schnell suchte die Mutter das Wichtigste zusammen – nur das Nötigste wie der Kessel zum Kochen, Brot und Fisch – denn es durfte nicht so aussehen, als ob sie fliehen würde.
Sie gingen einzeln zum Meer – der Zigeuner und die Mutter zu seinem Boot, der Bruder zu dem eigenen.
Er half der Mutter ins Boot, verstaute den Kessel und die wenigen Habseligkeiten  unter der Luke unter dem Vorderdeck.
 Dort lagerten auch schon die Netze, Angelschnüre und Angeln, etwas Werkzeug, der Anker, ein kleineres Sturmsegel – es war rot weil es mit Ochsenblut getränkt dichter und haltbarer wurde, sowie sonstige Taue im Trockenen.
Im Heck war eine Kiste für Fische eingebaut. Sie war dicht mit dem Bootsboden verbunden und unten seitlich mit Löchern versehen. So war in der Kiste immer frisches Wasser für gefangene Fische, die dort atmen konnten und so frisch an Land verkauft wurden. Auf dem  Deckel konnte die Mutter bequem auf einem Kissen sitzen.
Das Wetter war schön. Ein tiefblauer Himmel mit wenigen weißen Wolken, die ziemlich schnell gen Westen zogen, getrieben von einem  Wind zwischen vier bis fünf Stärken, versprach eine gute Reise.
Der Bruder hatte ihm geholfen, das Boot ins Wasser zu schieben und hielt es fest während er auftakelte. Das Segel war schnell hoch gezogen, das Ruder eingesteckt – der Bruder schob es noch gegen die Windrichtung.
Das große Segel flatterte hin und her bis der Zigeuner mit der Pinne nach Lee steuerte und das Boot schnell Fahrt aufnahm.
Der Wind aus Süden, und so konnten sie mit einem Schlag nach Westen kreuzen.
Sie nahmen schnell Fahrt auf. In Böen krängte das Boot so stark, dass die Mutter etwas ängstlich blickte.
Doch sie vertraute ihrem Sohn. Setzte sich dann aber doch lieber auf den Boden statt auf der Fischkiste hin und her zu schaukeln oder herunter zu rutschen.
Da der Wind nicht stärker wurde, hielt der Zigeuner diese wilde Fahrt bei ohne zu reffen oder ein kleineres Segel an zu schlagen.
In dem offenen Boot wurde leider auch die Mutter völlig durchnässt, aber sie wusste ja wie wichtig die Eile war, die Eile, so schnell vor den jetzt feindlichen Zigeunern des anderen Stammes zu fliehen.
Bei der Abfahrt sah es noch besser aus sonst hätte der Sohn aus der Vorschiffsluke ihr eine geölte Jacke rausgesucht.
Gegen Abend waren sie schon so weit entfernt von St. Maries de la Mer, dass es sicher war an Land zu gehen. Der Zigeuner fand eine geschützte Bucht wo sich ein kleiner Sandstrand hinter einigen Felsen verbarg.
„Halt mal die Pinne, und steure gerade aufs Land zu“. Die Mutter wusste ja worum es ging von langen Fischfang Reisen mit dem Vater als noch keine Kinder geboren worden waren, und steuerte geschickt auf den Strand zu.
Blitzschnell löste er die Fallen, barg das Segel und sprang auf den Sand um das Boot höher zu ziehen.
Dann half er dem Bruder mit seinem Boot.
In der letzten Stunde hatte die Dämmerung eingesetzt und der Himmel verfärbte sich.
Im Süden vergoldete die Sonne die Wolkenränder, weißgraue Streifen über immer tiefer blauem Himmel, der schon erste Sterne zeigte – Venus links und der Orion höher rechts, auch eine zarte Sichel des Mondes war zu erahnen.
Jetzt war es Nacht, der Sternhimmel prächtig und strahlend, die Milchstraße zog ihr Band durch das All.
Die Brüder sammelten genug Treibholz für ein Feuer. Erst sollte sich die Mutter wärmen und trocknen, gleichzeitig wartete der große Kupferkessel darauf mit Fleisch, Bohnen und Kichererbsen gefüllt zu werden.
Beim Schein des Feuers, das so angelegt war, dass es hinter den Klippen weder vom Meer noch dem Land gesehen werden konnte, setzten alle sich um endlich zu essen und sich zu entspannen.
Die Aufregung, ob die Flucht auch gelingen würde, legte sich.
Der Zigeuner kramte einen Beutel Rotwein aus der Bootskiste, die Mutter summte sanfte Weisen - jetzt war die Familie endlich wieder zusammen, der eigene Puls pochte nicht mehr so laut in den Ohren und hinter den Felsen war die laute Brandung nur noch ein leichtes Plätschern im Sand.
Es dämmerte erst, als die Mutter im Morgengrauen die ersten Schreie der Möwen  hörte und aufwachte. Wie alle älteren Menschen hatte sie einen  leichten Schlaf und dachte nun an ihren toten Mann.
Auch wenn er oft beim Heimkommen von großer Gefahr in den Stürmen draußen erzählte, manches Mal mit leckem Boot und ohne Fang wiederkehrte, so war sie doch zufrieden mit dem Leben gewesen – sie hatten sich früh verliebt und geheiratet.
Noch heute schwankte ihr Herz zwischen höchstem Glück des ersten verliebt Seins – die Zeiten wo sie gemeinsam auf dem schnellen Boot gesegelt und gefischt hatten und sie gemeinsam den Fang im Hafen von St. Maries de la Mer verkauften, wo sie sich auf dem heißen Sand geliebt hatten, und nun das Gefühl der Trauer, und der Schmerz, als eines Tages nach einem Sturm wohl sein Boot halb zertrümmert aber nicht der Mann an den Strand geschwemmt wurde.
Sie dachte oft an ihn. Irgendwie ahnte sie, dass er von den Sternen zu ihr herab schaute, er  ihr Kraft gab, das Gedeihen der Söhne begleitete.
Und jetzt auch in dieser Gefahr eine schützende Hand über die Familie hielt.
Kurz darauf – der Himmel wurde heller, kaum konnte man die Sterne noch erahnen, weckte sie die Söhne.
„ Es ist Zeit. Wir müssen los. Wer weiß wie lange das Wetter hält.“
Ihr verstorbener Mann hatte bei jeder Ausfahrt sie ständig darauf hingewiesen auf alles zu achten. Der Himmel, die Wolken, die Wellen, die Brandung, die Himmelsrichtung des Windes, auch die Richtung der Wellen, die Farben von Himmel, Meer und Brandung. Zu jedem Wechsel, und aus der Gesamtheit all dieser Merkmale konnte man spüren wie sich das Wetter auf dem Meer ändern würde, mehr oder weniger Wind, bleibende oder sich ändernde Windrichtung, war Segeln mit oder gegen den Wind möglich und wie lange würde man segeln um ein Ziel zu erreichen.
Ihre Erfahrung sagte ihr, dass die Weiterreise mühsamer werden würde.
Auf einem kleinen Feuer hatte sie schon den Rest des Eintopfs von gestern aufgewärmt. Ein kurzer Morgendank, und alle begannen zu essen.
Bei Menschen, die oft gefahrvoll leben – wie es besonders Fischer tun – ist Frömmigkeit mit Fürbitten und Danksagungen ein wichtiger Teil ihres Lebens. Nur so können sie in allen Situationen den Mut und die Gelassenheit aufbringen diese zu Meistern.
Jetzt war es hell genug um die Reise fort zusetzen. Die Mutter wusch den Kessel in Meerwasser, der Bruder verwischte mit einem Zweig alle ihre Spuren im Sand, damit auch niemand zufällig die Richtung ihrer Fahrt erkennen könnte und ihnen folgte.
Der Zigeuner hatte schon alles wieder im Boot verstaut, sie zogen die Boote ins Wasser, die Mutter zog die Schuhe aus und watete zum Boot, hielt es dann fest, wie sie es auch immer für ihren Mann getan hatte, damit der Zigeuner das Ruder einstecken und die Segel hochziehen konnte.
Dann halfen sie auch dem Bruder sein Boot segelklar zu machen.
Jetzt war die Sonne im Osten aufgegangen, die Sterne verschwunden, der Wind wehte kräftig aus der richtigen Richtung, so dass der Kurs mit leichtem Kreuzen gehalten werden konnte.
Heute war der Zigeuner besser vorbereitet auf das überkommende Wasser und er hatte für sich und die Mutter eine dichte geölte Plane aus dem Vorschiff gekramt und über ihre Beine gelegt. Beim Segeln störte es ein wenig, bei plötzlichen Böen, die das Boot so weit krängten, dass schnelle Manöver erforderlich waren um nicht zu Halsen oder in Lee Wasser  zu übernehmen – das barg  die akute Gefahr ganz um zu kippen.
Aber lang geübt in allen Wetterlagen, hatte er sich daran gewöhnt blitzschnell zu handeln, besonders weil ihm ein sechster Sinn eine Warnung vor den Problemen von Wind und Wetter blitzschnell in den Bauch schoss.
Erst fuhren sie wie gestern weit aufs Meer hinaus – weg vom Land – um nicht entdeckt zu werden.
Der Horizont versank bald, doch die Sturmmöwen begleiteten sie mit ihren melodischen Schreien weit hinaus.
Wieder gab es nur wenige Wolken am blauen Himmel, das Wasser plätscherte und gurgelte an der Bordwand.
Nach zwei Tagen ständigem Wehen aus derselben Richtung waren die Wellen noch größer geworden, die Fahrt war so schnell, dass es schien als würden sie mit leichtem Boot gleiten können.
Auch die Mutter saß jetzt weit hinten, der Bug hob sich aus dem Wasser und bei starken Böen zogen die Segel das Boot so schnell, dass ein halbes Gleiten entstand.
Nach zwei Stunden tauchte in der Ferne ein großes Frachtschiff auf. Ein Dreimaster voll getakelt, sehr schnell – er musste wohl vollgeladen sein  - so konnte er ohne zu reffen schnelle Fahrt machen. 
Die Flagge im Top zeigte die Farben von Venedig.
Der Zigeuner änderte den Kurs um näher an das Schiff zu kommen.
Der Dreimaster kam ihm bekannt vor.
Jetzt konnte er auch ein Winken erkennen.
Ja, er hatte das Schiff in Marsilia im Hafen gesehen, sich mit dem zweiten Offizier angefreundet und oft mit ihm Backgammon gespielt, was beide von den Griechen in der Stadt gelernt hatten.
Der zweite Offizier  hatte wohl sein Boot an den roten Segeln erkannt.
Bald war das Schiff außer Sicht, mit einer viel größeren Länge konnte er auch erheblich schneller segeln.
Der Zigeuner änderte den Kurs in Richtung Küste näher zum Land, denn der Wind schien an Kraft zu zunehmen und würde sich bald zu einem Sturm entwickeln.
Alle Anzeichen sprachen dafür. Die Wolken wurden dichter, die Wellen hatten immer öfter Schaumkronen, Gischt flog zu weilen durch die Luft, die Möwen kamen nicht mehr gegen den Wind an und ließen sich treiben.
Der neue Kurs war trotz halbem Wind aus Lee mit dieser Beseglung zu halten. Er fierte die Großschot soweit, dass das Segel nur halbvoll stand. Dennoch rasten sie mit hoher Geschwindigkeit dahin.
Das war immer eine tückische Entscheidung.
Aussitzen und schnell an Land gelangen, oder die Segel reffen und riskieren in einen gefährlichen Sturm zu kommen.
Vorher konnte auch der Erfahrenste nicht wissen, welche Entscheidung besser wäre.
Auch sein Vater – der als einer der  erfahrensten
Bootsführer bekannt gewesen war, hatte wohl die falsche Entscheidung getroffen und die Mutter einsam gemacht.
Der Bruder hatte längst ein Reff eingedreht, war aber wegen des geringeren Gewichts des Bootes gleichschnell.
Der Himmel wurde immer düsterer.
Er blickte kurz zur Mutter, aber sie zeigte keine Furcht.
Wildes Segeln war sie aus der Zeit mit ihrem Mann gewohnt, und wusste um die Notwendigkeit einem Sturm zu entkommen.
Endlich kam die Küste in Sicht.
Und der schützende Hafen von Marseillan im Etang de Thau.
Sie waren wohl schneller gen Westen gekreuzt mit besserem hoch am Wind liegendem Kurs als er vermutet hatte.
Sie rasten mit voller Geschwindigkeit durch den schmalen Einlass zwischen hohen Kaimauern in das ruhige Wasser des Hafens, und fanden auch schnell eine Boje zum fest machen wo sie in Ruhe abtakeln konnten.
Das rote Segel musste schnell geborgen und verstaut werden – das Rot war zu bekannt an der ganzen Küste und konnte ihre Anwesenheit leicht verraten.
Der Bruder ließ sein Boot an der Boje, stieg zu ihnen über und sie ruderten an Land.
Der Zigeuner fragte sich nach der Kompturei der Templer durch und bald sahen sie auch die stolze Burg.
Eine mächtige Festung und sicherer Ort, wo die Ritter dem Umland, den Reisenden, den Verfolgten Schutz boten.
Der Torwächter grüßte sie freundlich, fragte nach dem Begehr, und rief dann einen Novizen, der sie zur Verwaltung brachte.
Da sie vom Wind und dem harten Segeln ermattet schienen, bot man ihnen zuerst etwas zu Essen und Trinken an. Doch der Zigeuner zeigte schnell sein Papier als Ausweis und bat, um einen sicheren Anlegeplatz für die Boote.
Während die Mutter in die Küche geführt wurde, wurde ein anderer Knappe angewiesen ihnen einen sicheren Platz im Hafen für beide Boote zu zeigen. Ein Platz, der den Templern gehörte, und wo niemand es wagen würde etwas zu Stehlen oder zu beschädigen.
Der Abend dämmerte und es wurde finsterer, doch sie kamen noch gut zum Hafen, verlegten ihre Boote und gingen dann zur Mutter.
Inzwischen war es Nacht geworden, überall beleuchteten Kienspanfackeln und Kerzen die Flure, Säle und Zimmer. Im flackernden Schein führte sie der Knappe zum Zimmer der Mutter und dann zum Refektorium.
Ein großer und hoher Saal, ein riesiger Tisch in der Mitte, vorne ein erhöhtes Pult wo während des Essens ein Ritter aus der Bibel las oder christliche Legenden von Heiligen erzählte.  Auch die Tagesereignisse, etwa Berichte von Reisenden aus aller Welt wurden hier besprochen und diskutiert.
Knappen trugen die Speisen und Getränke auf, Wein gab es und  dicke Suppe mit Bohnen und Hammelfleisch.
Der Knappe fand einen Platz für sie zwischen Mönchen auf der einen Seite und Reisenden auf der anderen.
Vorne erzählte der Vorleser gerade von den Leiden der Thebäischen Legion in Köln, eine römische Legion, die alle zusammen den Märtyrertod erlitten hatten.
Dann machte er eine Pause, setzte sich auch an den Tisch um zu essen.
Der Zigeuner fing bald ein Gespräch mit den Reisenden an. Es waren Händler, die mit Maultieren Waren aus Spanien brachten. Die Güter waren für Marsilia bestimmt. Diese große Stadt hatte so viel Hunger, dass man dort alles zu guten Preisen loswurde.
Sehr interessiert hörte der Zigeuner zu. Das wollte er ja auch machen. Handel mit kostbaren Waren.
Gewürze, Seide, Goldschmuck, Geräte aus Bronze.
Er fragte immer weiter, und endlich sah er das ganze Bild vor sich.
Rings um das Mittelmeer, an allen Küsten, auf allen Inseln handelte man.
Transport mit Schiffen oder Galeeren, zu Land mit Maultieren, Pferden oder Ochsenkarren.
Das ganze Mittelmeer war nur ein gigantischer Basar!
Und er brauchte nur zuzulangen!
Die Freude lief ihm durch die Glieder und er küsste die Mutter und den Bruder glücklich lächelnd.
Der Bruder stupste ihn an und meinte, die Mutter wäre von der Reise im Sturm ermattet und müsste schlafen.
Sofort stand er auf und führte sie liebevoll zu ihrem Zimmer.
Mutter und Bruder kuschelten sich in warme Decken. Das Licht der Kerzen war erloschen. Durch das obere Fenster schien ein silberner Mond, der zunahm.
Trotz Müdigkeit, lag er noch lange wach. Dachte über alles nach was die Kaufleute erzählt hatten. Den Handel rings um das Mittelmeer, und auf dem Mittelmeer.
Gut, dass er als Kind in der Schule bei den Mönchen aufgepasst hatte.
Alles was mit Handel zu tun hatte, kam ihm in den Sinn. Besonders der Transport über Wasser.
Erst die Ägypter, die schon vor 5 tausend Jahren mit großen Schiffen den Nil hoch und runter segelten.
Dann die Phönizier, die Jahrhunderte lang das Mittelmeer beherrschten. Mit großartig gebauten Triremen. Handels- und Kriegsschiffe. Besonders nachdem sie sich in Karthago festgesetzt hatten. Von dort eroberten sie alle Länder rings um das Mittelmeer und schickten sogar Elefanten zum Schrecken der Römer. Gewaltig.
Bald träumte er von mächtigen Schiffen und klobigen Ochsenkarren, alles kam durcheinander, die Schiffe hatten Räder und fuhren die Berge hoch und schnell wieder hinunter, bei den Karren waren viele Segel aufgezogen und die Ochsen tanzten  hinterher.
Zwischendurch lächelte das Mädchen und schwebte dann auf den Mond. Sie hatte den Mond so gedreht, dass er zur Hängematte diente und schaukelte dann leicht hin und her.
Einmal winkte sie auch.
Nach tiefem Schlaf wachte er vom Gesang der Möwen auf.
Die Träume stellten Bilder vor seine Gedanken – noch im Halbschlaf wusste er plötzlich, dass es dem Mädchen gut ging. Das sah er in dem Traum.
Er weckte den Bruder und die Mutter und sie gingen zum Refektorium.
Um punkt sieben begann der Vorleser in vollem Templer Ornat mit der Morgenandacht.
Die Novizen begannen mit einem Gregorianischen Choral, und alle Anwesenden fielen so gut sie konnten ein.
Denn nicht alle Anwesenden waren Christen, die Templer machten keine Unterschiede und empfingen in ihrem sicheren Schutz alle ohne Ansehen der Herkunft oder Religion.
Man sah auch Türken, Berber und Wikinger –
wie auch Mongolen und Araber.
Die Kompturei lag an einem wichtigen Hafen, einem Schnittpunkt der Handelswege.
Nachdem der Vorleser die Andacht mit dem üblichen Gleichnis – heute dem Bild von den Vögeln, die nicht sähen oder ernten und doch Nahrung haben – beendet hatte, begrüßte er alle Gäste, und bat Platz zu nehmen.
Auf dem großen Tisch standen viele Kessel mit warmer Grütze und Krüge mit Milch.
Zur Kompturei gehörte natürlich auch ein großes Landgut für die Nahrung der Templer, der Reisenden und der Kranken im angeschlossenen Hospiz. Genauso wie in der  ersten Kompturei in Jerusalem.
Unsere kleine Familie ging auch zu dem Tisch und fand Platz bei zwei Arabern in weißen langen Gewändern.
Der Bruder holte drei Holzschalen, füllte sie mit Grütze und Milch und brachte sie der Mutter und dem Zigeuner.
Dann noch Krüge mit Milch. Auf dem Tisch stand kein Wein. Den würde es wohl erst am Abend geben.
Dieses einfache Gericht, die Grütze mit Milch kannten sie nicht, denn Milch war selten in der Heimat St. Maries de la Mer. Stiere gab es und Pferde, aber Kühe nur für die Stierzucht.
Nach den ersten Bissen wendete sich der Zigeuner zu den Arabern und fragte höflich woher sie wohl kämen. Hier sähe man diese schöne weiße Kleidung nur selten.
Die Männer schauten hoch, sprachen kurz miteinander auf Arabisch, und dann sagte der Jüngere in gebrochenem Dialekt der Provence
„wir kommen weither aus dem Süden. Aus Sinai. Kommt noch Frage? Handel mit Elfenbein. Kommt aus Afrika. Elfenbein geschnitzt. Schachfiguren. Teuer in Paris.“
„Das ist ja sehr aufregend. Und was macht ihr gegen die Räuber?“ – das war in diesen Zeiten die erste Frage an reisende Händler.
„Hilft uns Garde von Mamluken“.
„Und wo sind  diese? Warum nicht hier zum Essen“?.
„Essen draußen. Wenn arbeiten, kein Dach wollen. Gefährlich, Feind oder Räuber von oben kommen“.
Dann fragten sie nach seiner Familie und hörten von dem Problem wegen des Mädchens vom anderen Stamm.
„Kennen wir. Bei uns gleich. Falsche Heirat, manchmal umbringen“.
Der Zigeuner dachte an seine Probleme – die Angst stieg plötzlich wieder hoch bis zum Hals. Doch die Familie war ja sicher hier.
„ Wo ist Sinai genau? Am Mittelmeer? Hab` ich noch nie gehört“.
„Nein“ antwortete der andere, „weiter im Süden – Meer ist arabisch. Segeln nach Indien“.
„Segeln?“ fragte er zurück, „Segelboote“?
„Ja, nennt man Dhau“.
Jetzt wusste der Zigeuner plötzlich woher der Vater diese Boote kannte, und bauen konnte, und es ihm gezeigt hatte. Der Vater musste dort gewesen sein. Der Vater hatte ihm aber nie Zeichnungen gezeigt. Nur erklärt, wie man solch ein Boot baut.
Er fragte weiter: „Ich habe solch ein Boot. Aber nie Pläne gesehen. Mein Vater hat mir nur gezeigt wie es geht“.
„Keine Zeichnungen gibt. Plan im Kopf bei Bootsbauern. Hab‘ oft als Kind gesehen wie machen. Erst Blanken zusammen genäht mit Schnur bis fertig, dann geformte Spanten eingesetzt – heißt geschnürter Bootsbau.“
Als der Zigeuner endlich fragte, wo man diesen Bootsbau lernen könne und ob es auch große Frachtsegler gäbe, antwortete plötzlich der Ältere: „Komm zu uns. Du bist herzlich eingeladen. Bring auch deine Familie mit. Hier sind sie sicher. Der Gast ist bei uns heilig. Auch als Christ, wie ich an der goldenen Kette mit dem Kreuz an deinem Hals sehe.
Da du die Technik schon kennst wirst du nicht lange brauchen um zu lernen wie man auch große Lastschiffe baut. Im südlichen Meer kennt man solche Schiffe mit 200 Tonnen Frachtladung.“
Der Zigeuner dankte ihm gerührt.
„Ich muss vorher meine Mutter in Sicherheit bringen. In den Bergen des Larzac gibt es ein Templerdorf – fast so groß wie eine Stadt, das von den Rittern beschützt wird. Dort sind alle Verfolgten sicher. Wir sind eingeladen. Ich bringe die Mutter dorthin, und mein Bruder wird bei ihr bleiben bis ich sie und auch mein Mädchen in ein fernes Land zu unserem Stamm bringen kann“.
„Die Einladung steht – komm wann immer du kannst“.
Der Bruder ging mit der Mutter zu ihrem Zimmer damit sie sich ausruhe und der Zigeuner zur Administration.
Er nannte seinen Namen, bezahlte zwei Nächte und tauschte etwas Geld mit seinem Papier, das er für die weitere Reise zum Dorf brauchen würde.
Der Verwalter sprach ihn gleich an:“ Der Eleve, der dich hierher geführt hat erzählte von deinem Boot mit Bewunderung. So etwas hätte er noch nie gesehen. Er meinte, das Boot wäre sicher sehr schnell und seetüchtig. Kannst Du es mir zeigen? Auch eine kurze Tour aufs Meer mit mir machen?
Wir Templer suchen immer Möglichkeiten um das Reisen besser und sicherer zu machen. Deshalb das Papiergeld, deshalb die sicheren Wegstationen, deshalb haben wir auch leichtere Räder für die Wagen entwickelt, wobei wie bei einem Fass Eisenringe auf fragile Räder heiß aufgeschlagen werden. Das ist weit besser als die schweren Ochsenkarren wo die Räder aus Vollholz sind.
Und bei Postkutschen wird jetzt der ganze Wagen mit Lederriemen aufgehängt. Das macht das Reisen viel bequemer“.
„Es ist gerade schönes Wetter“ antwortete der Zigeuner „wir können gleich gehen“.
Der Verwalter stimmte zu, übergab den Empfang einem anderen Templer, zog einfache Kleidung an, warf noch schnell Ölzeug über den Arm und ging mit dem Zigeuner zum Hafen.
Der Verwalter fragte ständig, wollte alles Wissen, über das Segeln. Über das Meer, über Schiffsbau, über die Erfahrungen, und dann als er hörte, woher der Zigeuner stammte, über dessen Heimat St. Maries de la Mer.
Der Verwalter war in jungen Jahren selbst dort gewesen, im Studium hatte er sich lange mit den Reisen beschäftigt, durch welche das Christentum verbreitet wurde.
Besonders alle Reisen des Paulus – auch mit den Überlieferungen wie aus Saulus der Paulus wurde, aber dann auch ganz besonders mit dem Ursprung von St. Maries de la Mer.
Sie tauschten sich über ihr Wissen aus, und so entstand für beide ein neues Bild,  der Geschehnisse vom Ursprung der Stadt.

Im Jahre 40 nach Christi Geburt, die Christen waren aus Palästina vertrieben.
Joseph von Arimatia – ein weitgereister Kaufmann, suchte einen Ort, wo die wichtigsten Christen sicher vor der Verfolgung durch die Römer sein konnten. Denn Augustus konnte natürlich mit Christus keinen Weltherrscher dulden.
Die unwirtliche Küste der Camarque mit Sümpfen und Mückenschwärmen war für römische Soldaten zu unwirtlich.
Ein Boot ohne Segel trieb übers Meer von Palästina aus und brachte dann alle dorthin.

Es waren Maria Jacobäa, die Tante Jesu, Maria
Salome, die Mutter der Apostel Johannes
und Jacobus, auch Lazarus, den
Jesus von den Toten auferweckte, mit
seinen beiden Schwestern Martha und
Maria Magdalena. Weiter waren dabei Maximin, Sidonius, der geheilte Blinde
und Sarah, die schwarze Dienerin.
Sie erreichten den Strand.
 Zum Dank errichteten sie an dieser Stelle eine einfache Gebetskapelle zu Ehren Maria,
der Mutter Jesu.
Maria Salome und ihre schwarze Dienerin Sarah blieben in der Camarque und wurden dort auch beerdigt.
Ihre Gräber wurden bald angebetet.
Im 9. Jahrhundert kam statt der Kapelle eine Kirche, die später zur Festungskirche ausgebaut wurde.
So kannten beide sie.
In der Krypta der Kirche liegen die Reliquien der heiligen Sarah, der Schutzpatronin der
Roma und Sinti.

Jetzt waren sie am Hafen. Ein Knappe setzte sie über zum Boot des Zigeuners.
Der Zigeuner steckte Pinne und Ruder ein, zog das Segel hoch, und machte das Tau von der Boje los.
Kurz riss er das Ruder hin und her um etwas Fahrt zu machen, dann fing sich eine Böe im Segel und sie konnten mit zwei Schlägen die Hafenausfahrt erreichen.
Die große Mole blieb bald hinter ihnen, der Seegang nahm zu, größere Wellen klatschten gegen den Bug.
Der Zigeuner dachte bei sich, das war wohl eine gute Einleitung um dem Mitsegler all die Schönheit des Segelns, die Geschwindigkeit eines Bootes auch bei mittlerem Wind und die Ruhe, die jeden Menschen ruhig und gelassen sein kann, zu zeigen.
Seine Überzeugung nach vielen Jahren auf dem Wasser war es, das alles was man tut im Leben mit Gelassenheit besser gelingen würde.
Das Segeln, besonders das Segeln in Einsamkeit kommt dem Meditieren im Kloster gleich, Leben und Meditieren in der Stille.
Ihm jedenfalls waren immer dort die wichtigen Dinge eingefallen, die Einfälle, wie der Name sagt, waren Gedanken, die fallen, von oben herab fallen, aus der anderen Welt, einer Welt wo vielleicht auch sein Vater jetzt war, er brauchte nur mit seinen Gedanken einen Trichter aus Augen, Atem, den Gefühlen in allen Gliedern zu formen, und auf die Einfälle, die guten Gedanken, die Lösung eines Problems zu warten während der Wind über alle sensitiven Zellen seines Körpers strich, die Ohren das Rauschen und Plätschern der Wellen und die Schreie der Möwen, die sich zu Melodien formten, hörten.
Eine Stunde lang segelten sie auf das offene Meer hinaus. Er wollte seinem Begleiter erst das Gefühl dieses Segelns, die friedliche Gelassenheit, das meditative der Gedanken, und die Weite des Meeres vermitteln.
Zwischendurch kreuzten sie hoch am Wind und der Templer wurde zum Ausreiten immer nach Luv beordert, mit schnellen Bewegungen, die viel Aufmerksamkeit erforderten. Bald ging das auch ohne Kommando.
Nach etwa einer Stunde segelte der Zigeuner bei leichtem Wind mit etwa drei Windstärken aus Süden wieder in Richtung Hafen.
Jetzt konnte man sich gut unterhalten, und der Zigeuner begann das Gespräch.
„Vor dem Abend gestern hätte ich nicht gewusst, ob und wie man größere Frachtsegler bauen könne. Doch beim Abendessen saßen wir neben Arabern aus Sinai.
An den Küsten dieser Halbinsel werden Frachtsegler mit bis zu dreißig Tonnen Zuladung gebaut. Der Schiffstyp heißt Dhau.
Wie das Boot in dem du jetzt sitzt.
Als ich nach Plänen fragte, hieß es: die gibt es nicht. Der Bootsbauer lernt lange Jahre lang bei einem Meister. Dann hat er den Bau der Boote im Kopf.
Kurz – mich hat mein Boot immer schnell und sicher überall durch gebracht. Ich muss wohl als Kind meinem Vater beim Bootsbau geholfen haben.
Jetzt weiß ich auch, nach den Gesprächen mit den Arabern, dass mein Vater aus dieser Gegend stammen muss. Der Sinai Halbinsel.
Die Händler haben mich zu sich eingeladen. Dort könnte ich alles lernen. Auch den Bau größerer Segler.“
Eine Weile hörte man nur das Rauschen und Plätschern der Wellen.
Er fand im Bug noch etwas Fladenbrot vom Proviant von gestern und warf den Möwen kleine Bröckchen zu.
Im Flug noch haschten sie die Bissen.
Der Zigeuner sprach wieder.
„Lange Zeit wollte ich mit Handel das Geld für meine Familie und mein geliebtes Mädchen verdienen, damit wir in die sichere Urheimat unseres Stammes ziehen könnten, aber nun, denke ich immer mehr an den Bau von großen Seglern.
Alles was du mir erzählt hast, die Sicherheit der Reisenden und Kaufleute, die blühenden Städte, die Hospize, sagt meinem Herz, dass es gut ist, den Templern zu dienen und deren Belange zu fördern.“
Sie schwiegen eine Weile.
Das Boot zog ruhig segelnd nach Norden, zum Hafen.
Plötzlich gab es einen riesen Krach und das Boot flog in die Höhe, fiel wieder ins Wasser, dann zur Seite gedrückt bis in Lee Wasser überkam, das Wasser brodelte und zischte, Gischt wehte fort.
„Am Boot festhalten“ schrie der Zigeuner, er wusste gleich  was passiert war, ein riesiger Fisch hatte sie gerammt.
Und wieder krachte es, jetzt kam der Stoß von der anderen Seite, dann von Luv hinten, und immer kochte die See, und die Gischt nahm alle Sicht.
Endlich nach Augenblicken, die ihnen ewig lang vorkamen, eine Pause und rechts tauchte der große Fisch an der Oberfläche auf.
Es war ein Blauhai. Ein alter Blauhai. Die Haut war schrundig und  voller Narben. Er musste wohl schon früher den Fischern entkommen sein. Im Rücken steckte eine abgebrochene Harpune. An einem metallenen Widerhaken hingen Fetzen eines groben Netzes.
Das linke Auge blickte den Zigeuner böse an, oder jedenfalls sah das so aus.
Der würde nie aufgeben. Er hatte in seinem langen Leben so viel Unbill erlitten. War wohl oft den Netzen der Fischer entkommen. Und jedes Mal schlauer geworden. Und nun nur noch voll Hass. Hass gegen alles Menschliche.
Nein, der würde nie aufhören bis das Boot zertrümmert wäre und die Gegner ertrunken.
Das Auge zeigte diesen Willen zur Zerstörung, einer Zerstörung, die erst mit dem Tod des Gegners enden würde oder einen Schwimmer unter Wasser drücken würde bis der Atem ausging.
Blitzschnell rasten diese Gedanken dem Zigeuner durch den Kopf.
Eine Möglichkeit blieb ihm. Kämpfen und den Gegner töten.
Und das so schnell wie möglich, bevor irgendwelches Blut weitere Haie anlocken würde.
„Halt dich fest“ schrie er den Templer an, „auch an einer letzten Planke, wenn das Boot zertrümmert ist“.
Dann riss er sein Messer aus dem Gürtel und tauchte in das Wasser.
Es gab nur zwei Möglichkeiten zu überleben.
Die erste und einfachste war, tiefer zu tauchen, unter den Fisch zu schwimmen und mit dem Messer den Bauch auf zu schlitzen.
Das Messer war aufgeklappt recht lang, in Toledo geschmiedet und wahnsinnig scharf.
Doch da gab es ein Problem.
Das Blut des Haies würde sofort andere anlocken und da konnten sie nicht mehr entkommen. Zum Schwimmen war die Küste zu weit, auch mit Boot ging es nicht, es schwamm wohl noch, aber Segeln war nach diesem Krachen und Splittern nicht mehr möglich.
Also blieb nur die zweite Möglichkeit.
Dem Blauhai das Messer direkt in das Gehirn zu stoßen!
Sofort und genau gezielt.
Der Augenblick war vorbei.
Der Hai tauchte und fing wieder an das Boot in die Luft zu schleudern.
Wieder krachte es auf das Wasser.
Wieder brachen noch mehr Holzteile.
Wenn das Boot als Dhau nicht so flexibel geknotet gebaut worden wäre, hätte dieser Aufprall das Ende bedeutet.
Der Zigeuner beobachtete den Fisch.
Der wälzte sich bei jedem Angriff auf die Seite, um auch mit seiner Schwanzflosse das Boot zu zerschlagen.
Nach drei Versuchen kam plötzlich das Hirn des Fisches genau vor sein Messer.
Ein Stoß mit aller Kraft, die dem Zigeuner nach dem Tauchen blieb, stieß er zu und alle Muskeln des großen Fisches erschlafften.
Sie waren gerettet.
Der Fisch war tot.
Das Boot war halb zertrümmert und Segeln konnten sie nun nicht mehr.
Der Zigeuner war auf die Trümmer geklettert und versuchte wieder zu Atem zu kommen. Der andere hielt ihn derweil fest, damit er mit dem Wellengang nicht wieder ins Wasser rutschte.
Dann banden sie ein großes Teil des zerrissenen Segels an den zerbrochenen Mast und setzten ihn wieder in den Mastfuß.
So würden sie leichter von anderen Boote gesehen werden.
Der Nachmittag kam, niemand bemerkte sie, die Dämmerung kam und immer noch waren sie allein.
Eine Hoffnung hatten sie, der Wind blies gen Norden,  und langsam trieben die Wellen sie in die richtige Richtung. Richtung Land und Hafen.
Endlich, kurz ehe es dunkle Nacht wurde, entdeckte sie ein Segler.
Der Fischer näherte sich, ließ sein Segel flattern, kam längsseits und sie konnten in das andere Boot klettern.
Sie waren gerettet.
Nun war es Nacht. Der Himmel war wolkenlos, alle Sterne funkelten im tiefen Blau.
Der Mond war halbvoll und so schien genug Licht für den Fischer um zu sehen wohin er segeln wollte und bald war auch die Einfahrt des Hafens und die große Mole zu sehen.
Als er sie am Kai absetzte bat der Zigeuner, er möge doch am nächsten Tag in die Kompturei kommen damit er ihn belohnen könne.
Das versprach der Fischer, grüßte und wünschte gute Nacht.
Müde schlichen die Beiden mehr als sie gingen zur Kompturei.
Der Zigeuner ging zu seiner Familie.
Keiner fragte etwas.  Sie kannten das. Wie ein Mensch aussieht, der auf dem Meer gekämpft hatte.
Die Mutter hatte eine Schüssel mit Eintopf in einer Decke warm gestellt und der Bruder goss ihm einen großen Krug Wein ein.
Als endlich die Anspannung  des Kampfes von ihm wich, füllten sich seine Augen mit Tränen.
Einzelne große Tränen tropften auf seine Wangen.
Erst ein großer Zug aus dem Rotweinkrug, warten, tief atmen, jetzt konnte er essen.
Das warme Bohnengericht verschwand Löffel für Löffel in seinem Magen.
Je mehr der Eintopf sein Inneres füllte, desto wohler wurde ihm. Die ersten klaren Gedanken wurden sichtbar.
Alles, was er geplant hatte, würde auch weitergehen. Auch ohne sein geliebtes Boot.
Das Krachen und Splittern des Bootes fuhr ihm wieder als verzweifelter Schmerz in die Glieder, seine Gedanken und das Herz.
Ein großer Schluck Wein beruhigte ihn.
Er wusste ja, wie man Boote baut. Die Technik des Nähens der Bretter.
Es wird alles gut beruhigte er sich.
Als er den ersten Hunger gestillt hatte, begann er zu berichten.
Keiner hatte bisher etwas gefragt, aber die Sorge und die Fragen standen in beider Augen.
Er berichtete von dem Wunsch des Vorstehers das Boot kennen zu lernen, ihr Segeln und Kreuzen nach Süden aufs offene Meer hinaus, die Gespräche über St. Maries de la Mer, den Bootsbau.
Dann die Umkehr, die schnelle Fahrt mit vollem Segel und zuletzt der Kampf mit dem riesigen Fisch, einem alten erfahrenen Blauhai.
Obwohl er versuchte, nur die mageren Geschehnisse zu berichten, wusste er doch, und in den Augen und an der Mimik sah er, dass beide wussten wovon er sprach.
Die Mutter zitterte bei dem Gedanken an diesen Kampf der beinahe sein letzter geworden wäre, wenn der Fisch ihn unter Wasser gedrückt und dort festgehalten hätte, und stand dann auf um den Sohn fest zu umarmen und beider Herzen klopften im Gleichtakt laut.
Nun waren alle erleichtert, sie waren wieder zusammen und der Zigeuner konnte wieder scherzen und neue Überlegungen und Ideen mit ihnen besprechen.
Ohne Boot konnte er nicht bleiben.
Aber die Reise zu dem sicheren Templerdorf stand auch an.
Die Mutter meinte, dass die Reise ja nicht so dringend war. Sie könnten sicher hier in der Kompturei bleiben bis das neue Boot fertig wäre.
Der Bruder meinte, sein Boot wäre ja auch noch da, und er fände es besser, aufzubrechen und die Mutter in dem Dorf zu wissen, wo sie ein eigenes kleines Haus haben würde, ein richtiges neues Haus mit verschiedenen Zimmern, Küche mit einem großen Kamin, der das Haus wärmte und Feuer zum Kochen bot, Schlafraum, Vorratsraum und so weiter, vielleicht gar ein Garten für Hühner und Gemüse Anbau.
Die Mutter strahlte bei den Gedanken an diese neue Heimat.
Das gab den Ausschlag.
Sie beschlossen auf die Reise zu gehen.
Am nächsten Morgen ging der Zigeuner zum Vorsteher, um alles zu besprechen und besonders zu fragen, wie es ihm ginge, ob er sich erholt hatte, und keine Schmerzen ihn plagten. Denn er hatte erst nach dem Tod des Fisches bemerkt, dass der Freund stark an mehreren Stellen blutete, und durch den Blutverlust ermattet wirkte.
Da er am Abend bevor der Fischer sie rettete nichts tun konnte, hatte er auch nicht gefragt. Nun gestand der Freund, dass er auch noch bei dem hin und her des Bootes mehrmals heftig gegen die Bordwand geschleudert worden war und das Knie verletzt und den linken Fuß verstaucht hatte.
Aber die Versorgung seiner Wunden im Hospiz – wo er dann auch zuerst mal gegessen hatte, hätte ihn wieder hergestellt.
Der Zigeuner war sehr erleichtert und froh darüber.
Dann sprach er von dem Familienbeschluss, dass alle zuerst die Mutter in das sichere Templerdorf bringen würden, und er selbst dann den Bau größerer Segelschiffe für die Aufgaben der Templer in Angriff nehmen würde.
Die Reiseroute, so erklärte der Freund ihm, beginnt westlich von hier an der Küste wo ein Fluss ins Meer mündet. Der nächste Treck beginnt übermorgen um acht Uhr nach dem Frühstück.
Leichte und bequeme gefederte Reisewagen von ausdauernden Pferden gezogen für die Flüchtlinge und begleitet von den üblichen Tempelrittern zu zweit würden sie bald dorthin bringen.
Der Weg führte auf einer alten Römerstraße nach Norden in die Berge.
Der Zigeuner zahlte für sie drei mit seinem Daumendruckpapier.
Jetzt war alles für die Sicherheit der Mutter geregelt. Gegen die Tempelritter kam in dieser Zeit niemand an.
Da  fiel ihm plötzlich das Mädchen ein.
Die Liebe zu ihr, der Wunsch sie zu beschützen, das musste jetzt das erste Ziel sein.
Noch vor dem Wunsch mit seinen Fähigkeiten, besonders auch der Fähigkeit Boote zu bauen, wollte er alle Gedanken, jede Überlegung darauf verwenden sie zu schützen und zu sich in eine sichere Heimat zu holen. Und dann eine glückliche Familie zu gründen.
Mit großer Willenskraft versuchte er seine Gedanken zu ordnen, kaum machbar, denn jedes Mal tauchten ihre Lippen vor ihm auf, die Empfindung  ihrer zarten Haut schlich sich unter seine Finger, das Herz schlug höher.
Ein tiefer Atemzug und er hatte sich gefangen.
Der Zigeuner fragte sich nach der Schmiede durch. Nach den Reden des Freundes war der Schmied dieser Kompturei einer der besten die es in ganz Frankreich gab. Er hatte wohl in Toledo sein Handwerk gelernt. Toledo – so erzählte man – war seit vielen Jahrhunderten das Zentrum der Schmiedekunst. Dorther kamen die besten Messer und Schwerter.
Auch sein Messer, das Messer, das den Fisch getötet hatte kam aus Toledo. Ein Messer aus Damaszener Stahl. Der Stahl, bei dem das Eisen immer wieder glühend gemacht wird, dann zusammen gefaltet, dann mit Hämmern glühend geschmiedet, wieder geglüht, wieder zusammen geschmiedet und das so oft, bis der Kohlenstoff des Eisens fast völlig verschwindet und der härteste Stahl entsteht. Endlich hat der Stahl die bekannte Maserung des Damaszener Stahls.
Dort war die Schmiede direkt neben der Kirche.
Diese Nähe schien dem Zigeuner plötzlich eine Bedeutung zu haben.
Waren die Schmiede nicht die ältesten Handwerker der Welt?
Vom Göttersohn Hephaistos begonnen?
Hephaistos den Zeus aus Unwillen etwas verkrüppelt hatte? Oder hinkte er?
Er musste den Schmied fragen.
Hoffentlich waren nicht nur die Gesellen da.
Ein festgefügtes Steinhaus mit großem Tor. Natürlich, die Wagen, Reisewagen, Leiterwagen und Kutschen wurden hier repariert, mit Federn versehen, den Rädern neue Metallreifen aufgezogen.
Rechts fand er eine kleine Tür und ging hinein.
Ein melodischer lauter Krach empfing ihn.
Links hinten war eine riesige Esse, zwei Lehrlinge sprangen auf Blasebälgen auf und ab um das Kohlefeuer heiß zu halten. Andere hielten mit langen Zangen Eisenstücke ins Feuer bis sie rotglühend in der richtigen Temperatur geschmiedet werden konnten. Ständig kamen andere mit neuen Teilen, Nägel, Bolzen, Federn, Messer und Schwerter, Rollen für Flaschenzüge, die Hufeisen der Pferde nicht zu vergessen.
Rechts standen sieben große Ambosse, an denen je zwei Gesellen schmiedeten.
Es war wohl laut, ohrenbetäubend sogar, aber erträglich durch den Rhythmus des Hämmerns und die Melodie der unterschiedlichen Töne, je nachdem ob große oder kleine Metallstücke  bearbeitet wurden.
Der Zigeuner setzte sich auf einen alten Wagen und schaute zu. Das Geräusch, die Melodie, der Rhythmus begeisterten ihn immer mehr.
Nach einer Weile konnte er am Klang unterscheiden, ob es ein Hufeisen, ein Messer, eine Stahlfeder oder nur kleine Nägel waren.
Plötzlich fühlte er sich heimatlich, so zu Hause, wie er es auf dem Meer war. Ding pling, deng pleng, dong plong, ding pling, deng pleng, dong plong. Ein Lied mit wechselndem Ton und Rhythmus.
Plötzlich ein anderer Ton. Neben der Tür hingen zwei unterschiedlich lange Metallstäbe. Ein  Lehrling nahm einen dritten Stab in die Hand und klopfte hin und her auf die Anderen. Kling, Klong, Kling, Klong – die Frühstückspause.
In der Schmiede wurde es still – ein Stück Speck, Brot und Wein standen jedem zu.
Jetzt tauchte auch der Schmied auf. Ein großer stattlicher Mann. Kräftig gebaut, schwarzes wildes Haar, eine imposante Erscheinung.
Der Zigeuner stellte sich vor, erwähnte auch den Freund, der ihm den Kontakt zum Schmied empfohlen hatte.
Der Schmied lud ihn zu seiner Vesper in einer Ecke der Schmiede ein. Dort war ein erhöhter Platz wo man alles überblicken konnte, wo aber auch die Gesellen ihn schnell fanden wenn Fragen zu einem geschmiedeten Teil beantwortet werden mussten.
Der Schmied stellte zwei Becher mit Rotwein auf den Tisch und holte aus einer Kiste Brot, Speck, Oliven, Räucherfleisch und gesalzene Heringe.
Kein Wunder, dachte der Zigeuner, dass der Schmied so kräftig, ja fast dick aussah.
Der Zigeuner erzählte kurz aus seinem Leben, über das Fischen, das  Segelboot und die aktuellen Probleme mit der Flucht. Er wusste, dass er nach solch einer  Einleitung andere  schneller  ausfragen konnte, ohne zu viel Neugier zu zeigen.
Denn neugierig war er, besonders als er den Schmied genauer ansah, die Gesichtszüge, die wilden Haare, die sonnengebräunte Haut. Er fühlte sich zu ihm hingezogen, so hingezogen als ob eine Seelenverwandtschaft  bestünde.
Sie tranken Wein und langten beide kräftig zu. Pause.
Dann sagte der Schmied „ich sehe die große Frage in deinen Augen. Du hast Recht. Ich bin auch Roma. Und nicht nur das, sondern offensichtlich auch vom gleichen Stamm. Meine Eltern kamen aus einer Sippe, die – so geht die Überlieferung – ihren Ursprung vor etwa dreitausend Jahren in Persien  hat.“
Der Zigeuner fragte „aber was hat das mit der griechischen Sage vom missgestalteten Sohn des Zeus Hephaistos zu tun? Dem Begründer der Schmiede Kunst? „
„Denk‘ doch mal nach“ antwortete der Schmied.
„Die Schmiede braucht jeder, aber sie sind den Menschen unheimlich. Da entsteht plötzlich aus Feuer, schwarzer Kohle und Steinen pures Gold. Das müssen doch Zauberer sein. Besser sie wohnen vor dem Dorf.  
Die Griechen verpackten Wahrheiten oft in Sagen. Die Wahrheit ist jedenfalls, dass oft heute noch alle Schmiede Roma oder Sinti sind. Die hier und die draußen als wandernde Kesselflicker.
Was du hier machst, weiß ich nicht, aber was ich weiß ist, ich fühle mich wie ein Bruder zu dir. Salve! Die Pause war zu Ende. Geh‘ einfach überall rum und sieh dir an, was wir hier schmieden.“
Der melodische Lärm begann und hallte aus allen Ecken wieder.
Erst wusste der Zigeuner nicht, wo er zuerst zuschauen sollte, Seilzugrollen mit Kerbe für das Seil, Wagenräder, Fassreifen, Hufeisen – dann suchte er jedoch was ihm am Herzen lag, Damaszener Stahl.
Er fand den Platz nahe der großen Esse. Denn öfter als beim Schmieden anderer Werkstücke musste dieser Stahl ständig erhitzt, gefaltet, zusammen gehämmert, und immer wieder und wieder, bis die Kohle fast völlig aus dem Metall getrieben war.
Er sah lange zu, wie ein Schwert entstand. Erst der geschmiedete Rohling mit dem typischen Damaszener Muster, dann die Form schleifen, dann der Knauf und zuletzt die Inschrift darauf, die jedes Templerschwert zierte:
Non Nobis, Domine, Non Nobis, Sed Nomini Tuo Da Glorium
Nichts für uns, Herr, nichts für uns, sondern für die Ehre deines Namens.
Als alles fertig war, hielt ein Geselle das Schwert waagerecht mit der Schneide nach oben.
Der Schmied wurde gerufen. Er nahm eine Daunenfeder und ließ sie auf die Klinge fallen. Zwei Hälften segelten herab. Das Schwert war fertig und konnte den Tempelrittern übergeben werden.
Der Zigeuner folgte mit den Augen  den beiden langsam zu Boden segelnden Federteilen.
Klar, dass die Tempelritter alle Schlachten gewönnen. Klar, dass sie alle Reisenden beschützen könnten. Auch die Reise seiner Familie.
Über die Schärfe dieser Schwerter gab es unzählige Geschichten: etwa wie ein Feind es nicht merkte, dass sein Bein abgeschlagen war, er war einfach weiter gerannt bis er hinfiel. Oder einer ohne Kopf lief, wie es Hühner beim Schlachten oft tun.
Der Zigeuner blieb den ganzen Tag lang und fragte pausenlos den Schmied und alle Gesellen über alle Techniken des Schmiedens.
Am nächsten Morgen ging der Zigeuner in die Schreinerei. Der Meister begrüßte ihn. Sein Templer Freund hatte ihn angekündigt, weil dort ja irgendwann große Lastsegler gebaut werden sollten.
Eine große Halle, das Kreischen von Kreissägen, das Rattern der auf und ab sägenden Gitter einer Brettersäge, Bohren, Schnitzen, Hämmern, überall Haufen von Sägemehl, Hobelspänen, lange schwingende Ledertreibriemen, die Kraft kam von einer Wassermühle vor dem Sägewerk.
Ja, das sah gut aus dachte der Zigeuner. Hier war alles da. Maschinen, Handwerker, Holz, ja hier könnte man große Segler bauen.
In der Frühstückspause fragte der Schreinermeister was denn besonders Interessant wäre, und war voll begeistert, als er vom Schiffsbau hörte.
Klar, dachte der Zigeuner, Schiffe sind für jeden Menschen etwas geheimnisvolles, der Sehnsucht Nahes, fast alle Menschen verbinden mit der Schifffahrt Träume und Glück.
Mit einem Stück Holzkohle zeichnete der Zigeuner die Einzelheiten seines Bootes auf ein Brett, dann die Einzelheiten, wie die Rumpfbretter ausgeschnitten werden, wie das Nähen mit Schnüren das Boot flexibel und sicher macht, wie Mast und Maststuhl aussehen, und besonders sprach er von den verschiedenen Hölzern, die man verwenden könne.
Im Nu war die Pause zu Ende, der Meister strahlte, klopfte dem Zigeuner auf die Schulter und sagte: “ ja, das machen wir. Ich besorge alles nötige Holz. Wenn du dir wieder ein Boot bauen willst, werden alle Schreinergesellen dir helfen.“
Kurz überlegte der Zigeuner, aber ohne Boot wäre er nur ein halber Mensch.  Wenn die Familie sicher im Templerdorf war, könnte er doch den Anfang des Bootes hier noch überwachen bis er wieder zur Turmwindmühle musste.
Mit dem Schreiner besprach er also alles, was schon vorbereitet werden konnte. Welches Holz, welche Stärken, welche Nägel aus der Schmiede und so fort.
Er verabschiedete sich und ging sinnend zum Zimmer der Mutter.
Am nächsten Morgen standen zwei Reisewagen vor dem Eingang der Komturei. Die kleine Familie kletterte zusammen mit den anderen Flüchtlingen – insgesamt sechzehn Personen – in die vierspännigen Kutschen, vorne zwei Tempelritter, hinten zwei Tempelritter und los ging es.
Erst ging es eine Weile nach Westen bis man auf die alte Römerstraße traf. Schnurgerade und mit starken Steinen gepflastert bog sie ab in die Berge und folgte dem Fluss, der seine Quelle dort oben in den Bergen des Templerdorfes hatte.
Die Ebene des Tales am Meer stieg langsam an, der Weg wurde steiler, rechts sah man den Fluss sich durch sein Tal schlängelnd, das Gespann musste kräftiger ziehen.
Wegen der Gefahr von Überfällen fuhren die Wagen ohne Rast zügig weiter.
Mit der Zeit legte sich die Aufregung des Aufbruchs, und das klirren und singen der Hufeisen wurde zum beruhigenden Rhythmus.
Bald näherte sich die Straße einem Wald aus Korkeichen, Pinien, Zypressen und Aleppo-Kiefern.
Gegen Mittag packten die Reisenden ihre Beutel mit Essen aus, die Sonne stand nun hoch am Himmel und wärmte alles, besonders der Duft der Bäume war berauschend.
Trotz der guten Federung aus breiten Lederriemen schaukelten die Wagen doch beträchtlich.
Die Mutter reichte den Beutel den Söhnen ohne alles schön und appetitlich aus zu breiten.
Dann reichte der Zigeuner einen großen Lederbeutel mit Wein herum. Das reichte für alle in diesem Wagen. Man bedankte sich, doch niemand vergaß dabei aufmerksam die Umgebung zu beobachten. Je früher man Überfälle durch Wegelagerer bemerkte, desto schneller konnte man reagieren und kämpfen. Denn es gab zuweilen Räuberbanden, die so groß waren, manchmal bis zu fünfzehn Mann stark, die auch Tempelritter angriffen.
Beim ersten Anzeichen bließ der Kutscher ein spezielles Signal. Die Ritter zogen ihre Schwerter und die Reisenden Messer – auch die Frauen hatten natürlich große Messer zum Schneiden von Fleisch, Fisch oder Gemüse.
Die Reisenden im Wagen unterhielten sich gerade über die Überfälle als plötzlich der Kutscher des ersten Wagens sein Hornsignal der Gefahr ausstieß.
Schon tauchten die ersten zerlumpten Gestalten aus dem Dickicht des Waldes auf, die Templer zückten ihre Schwerter, jeder bewaffnete sich so gut er konnte, doch die in der Sonne blitzenden Schwerter und Messer funkelten so stark in der Sonne, dass die Zahl der Verteidiger größer schien als gedacht und die Räuber aufgaben.
Als auch die Pferde gefüttert und getränkt waren, formierte sich die Reisegesellschaft wieder und es ging weiter den Berg hoch.

Am späten Nachmittag war man endlich am Ziel.
Die Wächter des Burgdorfes öffneten das mächtige Tor, und die Reisegesellschaft zog ein.
Das Tor wurde wieder geschlossen, ein Templer begrüßte alle, fragte nach den Namen und wies einen anderen Ritter an, die Wohnungen zu zeigen.
Mutter und Bruder waren in Sicherheit.
Sie sprachen ein Dankgebet in der Kirche.
Dem Zigeuner fiel ein Stein vom Herzen.
Der Tempelritter führte sie zu einem zweistöckigen kleinen Haus, wo sie Platz im unteren Geschoss fanden.
Mit Tränen in den Augen dankte die Mutter  dem Führer.
Schnell war alles ausgepackt, und die Mutter machte ein Feuer in der Kochstelle.
Erst gab es heißen Kräutertee, dann buk sie Fladen und dazu gekochte Bohnen und Kichererbsen.
Am nächsten Morgen fanden sie den Markt, wo man alles kaufen konnte.
Salz und Mehl, Gewürze und Bohnen, etwas Fleisch und Milch und Käse von den Ziegen, die dort oben in den Felsen kletterten, und starke, wohlschmeckende Bachforellen aus dem schnellen Fluss.
Wieder in der neuen Heimat – ihrer Wohnung, besprachen sie alles Weitere.

Der Bruder würde bei den Templern arbeiten, als Dank, und um genug zu verdienen für ihr Auskommen.
Den Abend verbrachten sie noch zusammen, und am nächsten Morgen ging der Zigeuner wieder fort.
Zu seiner `Baufamilie`.
Einige Tage folgte er dem Fluss, der von den Bergen talwärts rauschte. Er wollte nicht auf der Straße wandern, zu gefährlich für einen einzelnen Wanderer. Am Fluss entlang dauerte es zwar  länger, aber er wollte schauen, ab wann Holzflöße möglich wären.
Mehrmals rastete er an besonders schönen Stellen und probierte auch aus, ob er mit bloßen Händen Forellen fangen könnte.
Ein Versuch wäre es wert.
Er stieg zum Flussbett hinunter, krempelte die Hosenbeine hoch und watete in das Wasser.
Nun tauchte er die geöffnete  Hand an einer Stelle ein, wo Forellen im Strom fast reglos standen.
 Man musste nur warten. Nicht nach den Fischen haschen. Nein warten. Dann schwammen sie gegen den Strom in eine Höhle. Wie sie dachten. Es war aber die Hand.
Jetzt zugreifen und eine Forelle zappelte in seiner Hand.
Der Zigeuner war glücklich darüber, dass er noch schnell genug war.

Als der Fluss in ruhige Wasser der Ebene kam, konnte er mit einem der Frachtkähne bis ans Mittelmeer mitfahren.
Von dort nahm ihn ein Segler bis Marsilia mit.
Die Turmmühle war fast fertig ausgebaut, das Dach mit gebrannten Rundziegeln gedeckt, und man war gerade dabei die Zahnräder mit den Mühlsteinen zu verbinden.

Die Arbeiter erzählten, dass es sehr kompliziert gewesen war, die Steine mit mächtigen Flaschenzügen hoch zu hieven.
Einem war dabei der kleine Finger zerquetscht worden, Gott sei Dank nicht der Knochen.
Sie schickten nach einem Arzt – einem Heiler aus dem gleichen Stamm.
Der badete den Finger in einem Sud aus Kräutern, die er teils selber gesammelt, teils von einem Händler gekauft hatte, bei dem er geheimnisvolle Heilpflanzen fand, wie es sie  nur in fernen Ländern gab.
Danach kam ein Verband mit einer Salbe, die geheimnisvoll roch.
Dem Zigeuner war die Heilwirkung bekannt – auch wusste er, dass zu den Ingredienzien kostbare Metalle wie Gold Silber, Kupfer und Zink gehörten.
Wie immer bei wichtigem Tun, betete der Arzt für das gute Gelingen.
Der Verband wurde alle zwei Stunden erneuert. Nach drei Tagen war der Finger geheilt.
Das war gut so, dachte er, auf seine Familie konnte er sich verlassen, alle -  die Arbeiter, die Gesellen, die Schreiner und andere Handwerker.
Den Koch nicht vergessen und die Lehrer für das ABC der Kinder.
Heute war Mittwoch, am Sonntag sollte die Einweihung der Mühle sein.
Jetzt im Herbst würde sicher auch genug Wind wehen, um die Mühle zum ersten Mal anzutreiben.

Es gab viel zu tun. Noch mussten die Segel am Windrad befestigt werden, ein kurzer Probelauf zeigte, dass alles gut war.
Schwere Leiterwagen mit Ochsengespannen brachten viele Säcke mit Korn, Stapel leerer Mehlsäcke aus dichtem Tuch standen bereit, der Koch bereitete mehrere große Kupferkessel mit Gulaschsuppe vor, Fässer mit Rotwein lagerten im Keller.

Der Sonntag konnte kommen.
Da es die erste große Mühle im Stadtzentrum  der Stadt war, wurden alle wichtigen Leute der Stadt eingeladen.
Schon früh am Morgen trudelten die ersten Gäste ein.
Eingeladen waren natürlich die Honoratioren, der Bürgermeister von Marsilia, die Stadträte, Oberarzt der Kranken- und Siechenheime, die Kirche mit Kardinal und die Mönche und die Templer mit ihrem Ordensgeneral.
Wenn all die Gewerke und auch die Gitane seines Stammes und alle, die arm waren und sich eine Mahlzeit erhofften auch kamen, könnten es leicht zwei bis drei hundert Menschen werden.
Um 11 Uhr, als die Menge sich auf der Wiese hinter der Mühle versammelt hatte, ging plötzlich ein Raunen durch die Wartenden.
Ein feierlicher Zug mit dem Erzbischof in vollem Ornat kam aus dem Tal hoch, Weihrauch schwenkende Messdiener, Priester, Benediktinermönche in Schwarz, die Templer in Weiß mit dem roten Andreaskreuz auf der Brust, die Zünfte, Maurer, Schmiede, Tischler, - die katholischen Zigeuner mit flatternden Fahnen und Wimpeln und Musik.
Den Chor nicht zu vergessen.
Auf dem vorbereiteten Platz angekommen, und nachdem der Chor einen Choral beendet hatte, begann der Erzbischof mit dem Hochamt zur Segnung der Turmmühle.
So viele Menschen waren gekommen, dass es zwei Stunden dauerte bis alle das Abendmahl bekommen hatten.
„Dies heute ist ein bedeutendes Ereignis für unsere Stadt Marsilia“,  sprach der Erzbischof.
„Unsere Stadt wird immer größer, unsere Stadt wird immer reicher und unsere Stadt wird damit auch immer stärker.
Wohlgenährt können wir allen Sturmfluten standhalten – Sturmfluten aller Ungläubigen wo immer sie auch her kämen. Wikinger aus dem Norden, Tartaren und Hunnen aus dem Osten, Söhne Allahs aus dem Süden.
Egal ob zu Fuß, zu Pferd oder per Schiff.
Hiermit sei diese Mühle geweiht und gesegnet damit sie immer genug Mehl für das Brot der Menschen mahlen werde. Und nun sind alle eingeladen zum Fest dieser Feier. Lasst es euch schmecken!“
Nachdem die Prozession des Erzbischofs außer Sicht war, begann die Menge der Zuschauer sich auf zu lösen und die Tische mit dem Essen zu suchen.
So viele Menschen auch kamen, es reichte doch.
 Der Koch hatte sich mit dem Zigeuner besprochen und die großen Mengen gekocht.
Um am Festtag alles zubereiten zu können, hatte er fünf Helfer aus den Reihen der Familie.
Mit weißen Schürzen und blauen Schifferkappen bot es ein prächtiges Bild.

Riesige Kessel mit Eintopf aus Rind, Bohnen und Gewürzen dampften.
 Ein Holzkohlengrill mit vielerlei Fisch, Rotbarsch, Thunfisch, Seezunge, Zander, Kabeljau, Tintenfisch und Stockfisch.
Auf einem zweiten Grill briet allerlei Fleisch und Speck. Rind, Hammel und Schwein zur Auswahl. Sogar die köstlichen schwarzen Schweine aus den Korkeichenwäldern schmorten vor sich hin garend.

Dann Fässer voll Salzheringen von der Ostsee, Fässer saftig eingelegter Oliven, und noch viel mehr  - kaum konnte man es zählen.

Alle waren zufrieden und lagerten essend, trinkend und quatschend auf den Wiesen an dem Hügel der Mühle.
Ein buntes Volk mit all ihren Farben der Zünfte, der Geistlichen in schwarzen Sutanen, der Zigeuner, der Armen in geflickten Lumpen und der Zugereisten. Juden mit langen schwarzen Gewändern, runterhängenden Schläfenlocken und Hut, Wüstensöhne in weis und Turban, Türken mit weiten Hosen, dunkle Inder und schwarze Händler aus Afrika.
Man sah, das Marsilia eine Weltstadt geworden war. Alles war vertreten wie man an der Kleidung sehen konnte.
Normannen, Wikinger, Deutsche, Schwaben, Russen, Byzantiner, Araber, Berger, Ägypter, Perser, Mohren und Marokkaner.
Der sanft von der Mühle abfallende Hügel bot eine gute Sicht.
Der Zigeuner war glücklich – jetzt hatte er erreicht, dass er in der Gesellschaft anerkannt wurde.

Jetzt waren auch alle satt und zufrieden – leicht trunken, und man rief nach Musik.
Die Zigeuner hatten natürlich schon begonnen ihre Lieder zu singen und zu spielen – und auch zu tanzen.
 Die weiten bunten Röcke wogten sanft um die Hüften – bald waren es über 30 Mädchen die so ein verwirrendes Farbenkaleidoskop erzeugten.
Daneben tanzten die Griechen in Reihen den Sirtaki, Berberfrauen trillerten die hohen schrillen Schreie, in einer stillen Ecke sangen Minnesänger Liebeslieder.
Das Fest war aus.

Am nächsten Morgen wurden die Segel aus  weißem Leinen an den Flügeln festgeschürt, in die richtige Stellung gebracht, und dann drehten sich die Windflügel immer schneller, und das Mahlwerk knirschte ächzend.
Die Mühle begann zu arbeiten.
Der Wind wehte stetig aus der richtigen Richtung.
Als die ersten Körner zwischen die Malsteine gerieten wurde das Geräusch lauter.
Die ersten unter das Mahlwerk gehängten Säcke füllten sich  mit  Dinkelmehl – weiß und sehr fein – das würde gutes Brot geben.

Der Mühlenbesitzer dankte dem Zigeuner noch mal, besonders für die schnelle Fertigstellung.
Das sparte viel Geld.
Das freute den Mühlenbesitzer und er gab dem Zigeuner als Dank eine große Summe Dukaten.
Das würde seine Pläne sehr beschleunigen.
Und jetzt konnte er daran gehen selbst ein Haus zu bauen. Ein Kontor, wie sie mehr und mehr für die Händler gebraucht wurden.
Im Panierviertel fand er eine geeignete  Baulücke, die nahe  am Hafen lag.
Der Platz war groß genug für zwei Häuser.
Eines wollte er dann verkaufen, das andere für seine `Baufamilie` behalten.
Mit dem Eigentümer war er sich schnell handelseinig. Beim Notar wies er das Papier mit dem Daumenabdruck vor und Zug um Zug wurde er Eigentümer.
Unheimlich, dachte er, mit welch großen Schritten sein Ziel näher kam.

Rechts auf dem Grundstück zimmerten sie schnell eine Hütte zum Schlafen, Essen und für die Werkzeuge, links sollte das erste Kontor gebaut werden.
Am nächsten Morgen machte er sich auf, einen guten Baumeister zu suchen.
Die Besten kamen aus der Ausbildung der Tempelherren.
Die Templer hatten damals in Jerusalem ihre Burg auf dem Platz gebaut, wo einst der Bau Salomons mit der Bundeslade stand.
So konnten sie unbemerkt danach graben in der Hoffnung noch Heiliges zu finden.
Was sie auch taten.
Das Wissen über die rechten Maße, göttliche Maße, die nicht der irdischen Geometrie, sondern dem goldenen Schnitt entsprachen.
Bald fand er auch einen Landsmann, der ihm helfen würde, zwei Kontore  zu bauen, die festgefügt, stabil und mit den besten Eigenschaften wie Hypokausten Heizung,  fließendem Wasser und Entsorgung versehen waren.
Nach einem Besuch in der Schatzkammer der Kompturei erhielt der Baumeister Johann der Ältere auch ein Zahlungsavis mit seinem Daumenaufdruck und der Bau der neuen Kontore konnte beginnen.
Er war erschöpft.
Besonders die letzten Tage – die Mühle, das Fest, die neuen Grundstücke – und alles musste bestens organisiert sein – dann die Gedanken an die Mutter – ihre Sicherheit – Tränen kamen ihm vor Erschöpfung.
Er nahm seinen  schwarzen Hut mit der breiten Krempe[christoph1]  und ging einen Platz suchen, wo er unter Zigeunern friedlich Wein trinken konnte.
Vorne am Hafen, man sah das Meer, Schiffe segelten draußen vorbei, Fischerboote tanzten in den Wellen mit ausgebrachten Schleppnetzen, auch pullten Matrosen eifrig um zu ihren Schiffen, die auf Reede lagen, zu kommen.
Die Weinstube war eigentlich nur ein lockeres Dach gegen Sonne und Regen, dort nahm er Platz.
Inzwischen sah er so wild aus, dass er lange allein blieb und in Ruhe den ersten Liter Rotwein trinken konnte.
Die in den letzten Wochen unerträgliche Spannung löste sich allmählich.
Beim zweiten Liter setzte sich eine blutjunge[christoph2]  Roma zu ihm, bat um einen Schluck Wein, trank und schmiegte sich an ihn.
Ein angenehmes Gefühl, das er lange vermisst hatte. Es war ihm jetzt schon egal, ob sie nur Wein wollte, oder einsam war, oder sie seine Muskeln gerne streicheln würde, oder Geld brauchte.
Jedenfalls war es schön.
Und auch erregend.
Besonders als sie ihn berührte.
Die Stelle wurde heiß.
Erregung.
Musik erklang – Flamenco.
„Komm“ sagte sie, und zog ihn hoch.
Bald waren sie eng umschlungen und wiegten sich in den fröhlichen Rhythmen.
Mehr Wein.
Mehr Tanzen.
Mehr Erregung.
Als sie mal wieder saßen um sich zu erholen, fühlte er plötzlich ihre linke Hand, die langsam und vorsichtig sich an seinem linken Bein hochschob.
Als die Hand dort war, wo sie hinwollte, konnte er die Erregung seiner Sinne kaum mehr aushalten.
Er winkte dem Wirt, das Handzeichen bedeutete, er würde später zahlen.
Hand in Hand rannten sie an den Strand und liebten sich.
Wieder zurück,  mehr Wein, mehr Tanz, und wieder der Strand.
Währen er sich noch den Sand von den Kleidern schüttelte, war sie schon verschwunden.
Ohne ein Wort oder auch nur ein Winken.
Nur ein glückliches Lächeln spiegelte sich  in ihren Augen.
Es war Nacht geworden und am Himmel funkelten die Sterne.
Die Spannung ließ langsam nach.
Da, eine Sternschnuppe zog über den Himmel – von rechts oben nach links unten – fast zielte sie auf sein eigenes Herz.
Als wollte sie ihm etwas sagen.
Sprechen von dem Mädchen, seiner Liebe, die vielleicht in Nöten war, in Nöten ob der Zwangsheirat. Denn das konnte es nur sein, wenn sie nicht mit ihm – wo sie sich doch so sehnte bei ihm zu sein.
Der Abend heute, bekam einen schalen Beigeschmack.
Was so unschuldig begonnen hatte, Wein, Essen, Tanz, Musik – die flüchtige Begegnung, sah plötzlich gar nicht mehr so unschuldig aus.
War es aber doch.
Sympathie, unschuldiges Begehren – mit der Liebe zu dem Mädchen hatte das nichts zu tun.

Er stand auf, ging zum Wirt, zahlte und ging heim.
Das durfte nicht sein, dass sein Mädchen litt, unglücklich war, vielleicht sogar mit Zwang verheiratet wurde.
Er beschloss, sie zu entführen. Alles andere musste warten.
Mit dem Baumeister war ja schon alles geregelt. Er konnte ihm vertrauen, sein Leumund durch die Templer war gut.
Er verabschiedete sich um nun die Holzfrage am Oberlauf der Rhone zu klären und ein Floß mit besten Hölzern zu bestellen.
Jedenfalls würden alle, die nach ihm fragten diese Auskunft erhalten. Während er zu den beiden Marien segelte.



                              

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