Freitag, 23. Januar 2015

2. Das Mädchen

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Das Mädchen



Lijia ging frühmorgens aus dem Haus. Der Morgen dämmerte fast und erste Vögel zwitscherten vergnügt. Es würde ein schöner, warmer Sommertag werden.
Sie war gerade 18 geworden, hatte einen weiten bunten Rock von der Mutter genäht bekommen und der Vater würde sicher erlauben, dass sie nun auch tanzen dürfe – nicht nur wie die Kinder auf dem großen Platz vor der Kirche St. Maries de la Mer, sondern auch in den Flamenco Sälen.

Vergnügt ging sie zur Kirche um zu beten wie jeden Morgen, sondern besonders auch um den Maries zu danken für den heutigen Tag, an dem sie den neuen Rock anziehen und beim Tanz alle Blicke auf sich ziehen würde.
Das schwarze, wuschelige lange Haar wippte bei jedem Schritt vergnügt und auf den Pflastersteinen machten die neuen Schuhe tak tak.
In der Kirche war es noch ziemlich düster, erst nachdem die ersten Fürbitten zu Ende waren, und das Vaterunser kam erhellte sich der Raum mit den goldenen Strahlen der ersten Sonne.
Es war noch still so früh am Morgen. Unbemerkt in der Ecke verborgen hörte sie plötzlich Schritte. Feste männliche Schritte.
Ein etwas schlampig gekleideter Zigeuner, groß, mit breiten Schultern und einer wilden Mähne auf dem Kopf. Er ging zum Altar des Heiligen Andreas in der Seitennische und betete. Also ein Fischer, der seinem Schutzpatron dankte.
Da sah sie ihn zum ersten Mal.
Verwirrt flüchtete sie aus der Kirche.
Ihr Herz klopfte bis zum Hals, tiefes Atmen zeichnete die Konturen ihrer zarten Brüste wogend unter dem bunten Hemd.
Sie war verwirrt – wusste nicht was ihr geschah.
Sie ging zum Strand und setzte sich auf einen bequemen Stein.
Die anderen Mädchen ihres Alters hatten schon oft über verliebt sein geschnattert.
Wie man sich fühlte, wie einem heiß wurde, wie der Atem die Brust fast sprengte, oder es einem eiskalt wurde, wie die Mutter das bemerkte und meinte: Kind, du bist ja verliebt!
Und der Vater dazu grinste.
Sie fasste allen Mut zusammen um die Eltern um etwas zu bitten.
Nein, kein Geschenk.
Sie hatte alles was sie brauchte.
Schöne Kleider. Ein Goldkettchen am Hals mit goldenem Anhänger welches die Gottesmutter zeigte – Maria, den Kopf geneigt und milde lächelnd.
Fünf Brüder, die sie beschützten und ein Pferd, welches sie wie der Wind über die wohlriechenden Wiesen der Camargue trug.
Wiesen voll Thymian, Majoran, Salbei und viele mehr, und die Blüten lockten Bienen an.
Für Honig zum Süßen der Gerichte, des Tees, der Kuchen und Nachspeisen.
Doch eins hatte sie nicht.
Die Freiheit zu gehen wohin sie wollte, die Freiheit zu machen was sie wollte, und besonders zu lieben wen sie wollte.
Auch tanzen war sie noch nie abends gewesen.
Alles durften die Brüder.
Männern war alles erlaubt.
Gemein.
Es könnte doch alles so schön sein.
Doch sie war traurig und ein wenig verzweifelt.
Schon früher hatte das geholfen.
Reiten.
Sie ging zum Stall, sattelte das Pferd, zog es hinter sich her nach draußen und sprang in den Sattel.
Reiten auf ihrem Hengst in wildem Galopp über die Wiesen, durch die flachen Gewässer, auf den staubigen Wegen.
Der Wind zerzauste ihr Haar.
Sie war nun glücklich.
Fühlte sich frei und Herr der Dinge und wusste, dass nun alles gut werden würde.
Da sah sie ihn zum zweiten Mal.
Ein Blitz durchzuckte sie.
Schwer atmend zügelte sie den Hengst, ihr zarter Busen bebte, glühende Wellen schossen durch ihren Körper bis in den Schoß.
Ein nie gekanntes Verlangen.
Langsam ritt sie nach Hause zu den Eltern und den Brüdern.
Keiner durfte etwas merken. Die Mutter hätte sofort erkannt was passiert war.
Im Stall sattelte sie ab, trocknete den Hengst mit Stroh, bürstete ihn lange bis das Fell glänzte und gab ihm Futter und als Belohnung mehrere Möhren.
Endlich verzog sich die Röte ihres Halses und der Atem wurde flacher.
Sie ging ins Haus.
Jetzt kam der schwierige Teil. Die Erlaubnis zum Fest zu gehen.
Also fasste sie allen Mut zusammen und bat die Eltern um Erlaubnis heute Abend zum Fest der beiden Marien tanzen gehen zu dürfen.
Dort, wo die Musik spielte, dort wo die melancholischen und die Flamenco Weisen, die aller Blut zum Kochen brachten, erklangen.
Der Vater ging in die Luft.
Die Mutter schaute ihn lange an – schweigend – bis er leiser wurde und wieder ansprechbar schien.
Du hast fünf Söhne die aufpassen – traust du auch denen nicht? Was für ein Quatsch!
Der Vater sah nun schon nicht mehr hochrot aus, der Atem wurde ruhiger und endlich erlaubte er den Ausgang am Abend zum Fest.
Es war Nachmittag geworden.
Sie zog die neuen Kleider an, eine seidene bunte Bluse, den weiten bunten Rock und eine große seidene Schleife, die ihr volles üppiges Haar glänzend zur Geltung brachte.
Es klopfte.
Der älteste Bruder rief laut: „komm` Lijia, wir gehen jetzt. Oder willst du doch nicht mit“?
„venga“ rief sie auf Spanisch „ich komme“.
Diese wohlhabende Familie, adelig, weitgereist, in fünf Sprachen ausgebildet, mit Geschäftsinteressen überall dort wo Pferde der besten Rassen von Lusitanern bis Arabern, oder auch schwarze Stiere für Corridas – besonders in den Stierkampfarenen von Arles und Nimes, gefragt waren.
Als sie in der Tür erschien, entfuhr dem Bruder ein anerkennendes „Bon“.
„Da müssen wir ja zu fünft alle zusammen aufpassen, damit du nicht hunderte von Verehrern anlockst und entführt wirst – so schön wie du aussiehst“!
Beim Gehen winkten sie noch den Eltern und verließen die Stadtwohnung in Richtung des Tanzsaales.
Vor der Tür lungerten junge Burschen die jedes Mädchen mit Pfiffen begrüßten. Je schöner die Maid war, je lauter und melodischer pfiffen sie.
In der Ecke, etwas ruhig und abseits der Menge, fanden sie ihren Tisch, der reserviert war.
Die Familie war bekannt und hochgeachtet. Ein hübsches Mädchen mit Schürze brachte auch gleich ein kleines Fass mit teurem Wein und sechs Gläsern.
Erste Flamenco Töne. Mehrere Viluela Spieler und ein Sänger begannen vorsichtig in den Rhythmus zu kommen.
Erst kleine Mädchen, dann auch die Buben drehten sich und ahmten den Tanz der Großen nach.
Sie sah den ältesten Bruder fragend an.
Der nickte und sie stand auf um zu tanzen.
Schon kamen andere Mädchen nachdem das Eis nun gebrochen war.
Ein bunter Wirbel fliegender Farben – sich drehend, Kreise, die sich ineinander zogen und wieder auseinander liefen.
Dann zog sie auch noch die Kastagnetten aus dem Rock und klickte im Rhythmus dazu.
Fast eine Stunde lang tanzte sie Flamenco bis sie erschöpft wieder zu den Brüdern ging.
Nur einer war am Tisch geblieben um sie zu schützen.
Sie setzte sich, der Atem ging wieder leiser, vor Aufregung stürzte sie das erste Glas Wein schnell runter und blickte in die Runde der Tanzenden.
Da sah sie ihn zum dritten Mal.
Noch schöner schien er ihr.
Noch wilder, noch begehrenswerter.
Sie musste jetzt allein sein.
Nichts anmerken lassen.
Besonders die Brüder durften nichts merken.
Sie hätten sie nur gefoppt, oder wären sogar misstrauisch geworden.
Das musste sie unbedingt vermeiden.
Den bunten Schal über den Kopf geworfen, bat sie den Bruder neben ihr, er möge sie doch bitte nach Hause bringen – sie sei vom wilden  Tanzen müde geworden.
Zu Hause, in ihrem Zimmer, zog sie die Tanzkleider aus und warf nur ein leichtes längeres weißes Kleid über.
Es war noch hell und sie wollte zum Strand – mit bloßen Füßen durch den warmen Sand schlurfen, ihre Gedanken sammeln, und wieder zu Atem kommen.
Sie hatte den Kopf nachdenklich gesenkt und wäre fast über ihn  gestolpert.
Der große starke Zigeuner lag kaum bekleidet vor ihr im Sand und schlief.
Sie kniete nieder und betrachtete ihn lange Zeit.
Wie jung er war, wie stark er aussah, und wie gut seine wilde Mähne ihm stand.
Sie beugte sich, roch den Schweiß seiner Haut – herrlich – und streifte seine Wange leicht mit den Fingern.
Dann schmiegte  sie sich an ihn voll Begehren, so dass sie sich überall berührten.
Plötzlich rutschte seine Hand runter – die volle Hand legte sich zwischen ihre Beine, ein Finger suchte zart die Öffnung.
Sein festes Glied suchte den Eingang und wie yjn und yang brachte die Vereinigung ihre Sinne zum Tosen bis die Ohnmacht nahte.
Ermattet lagen sie nebeneinander als sie plötzlich auseinander gerissen wurden.
Die fünf Brüder – mit festen Prügeln bewaffnet, schlugen auf den Geliebten so oft ein, dass er für tot galt.
Sie ließen ihn liegen und brachten sie nach Hause.
Die Mutter nahm sie fest in die Arme.
Ihr wirbelten die Gedanken so wild durch den Kopf, dass ihr fast schlecht wurde. Das Kind musste schnellstens aus den Augen des Vaters.
Womöglich würde der sie erschlagen in gekränkter Eitelkeit.
Ja, zu ihrem Vater, zum Großvater.
Sie rief ihren vertrauten Diener und gab den Auftrag zwei schnelle Pferde zu satteln und ihr Kind zu ihrem Großvater zu bringen.
Keiner durfte etwas merken.
In wenigen Minuten stoben die Beiden aus dem Hof.
Nach zwei Stunden kam die Dämmerung, aber sie schafften es noch bis Aigues – Mortes.
Um alle Spuren zu verwischen, ritten sie zu einem Freund, den wohl niemand kannte.
Der besorgte für das Mädchen auch Männerkleidung und eine große Mütze. Die langen Haare mussten im Auftrag der Herrin auch geschnitten werden.
Niemand sollte sie erkennen.
Die zwei Pferde waren beste Araber und sehr schnell, aber in der Gegend gab es so viele, dass sie nicht auffielen.
Sie versorgten die Pferde. Lijia kannte sie – war oft mit jedem ausgeritten und hatte eine große Zuneigung zu ihnen gefasst – sie striegelte sie endlos und sorgte für eine große Portion Hafer.
Der Freund briet große Stücke Filet zur Stärkung und guten Wein gab es auch.
Während Lijia auf einer Decke in der Ecke einschlief, redeten die Männer noch eine Weile.
Beide mochten das Mädchen, sie war immer freundlich zu jedem, lachte viel, und reiten konnte sie wie der Wind.
Sie würden sie immer beschützen.
Am nächsten Morgen, kaum, dass man den Weg sehen konnte, ritten sie weiter.
Das Gut des Großvaters lag idyllisch am Étang de l‘Ór, eine Wasser und Sumpflandschaft, die durch Schwemmland vom Meer abgetrennt, aber noch immer sehr seicht, vielfältiger Fauna und Flora Schutz bot.
Gegen Mittag erreichten sie ihr Ziel, ritten in den Hof, dann noch um das Rasenrondell und hielten vor der Freitreppe des Gutshauses.
Der Diener sprang vom Pferd, rannte ins Haus und gab dem Großvater einen Brief von seiner Tochter.
Jetzt war alles gut. Das Mädchen war gerettet.
Der Großvater umarmte seine Enkelin und sie gingen in das Gutshaus.
Da kam auch schon die Großmutter und drückte Lijia warm an ihren Busen.
Schnell wurden in dem geräumigen Speisesaal zwei weitere Gedecke aufgelegt und die vier setzten sich. Der Großvater am Kopf des Tisches sprach wie üblich das Tischgebet
 Bescher uns, Herr, das täglich Brot;
vor Teurung und vor Hungersnot
behüt uns durch dein´ lieben Sohn, 
Gott Vater in dem höchsten Thron.
Alle bekreuzigten sich und die Speisen wurden aufgetragen.
Der Tisch war mit Porzellan aus China gedeckt.
Das war der ganze Stolz des alten Herren. Das Porzellan, das er in Arles gefunden hatte, als er einmal dorthin sechs große schwarze Stiere in die Arena brachte.
Das Porzellan, war von immer anderen Händlern aus dem fernen Osten längs der Seidenstraße nach Europa und dann Südfrankreich gelangt, und hatte unendlich viel gekostet. Das ganze Geld für die wertvollen Stiere ging dabei drauf. Seine Stiere waren deshalb so teuer, weil sie bei jeder Corriga wegen der Größe und ihres Mutes extra Applaus von der Arena ernteten.
Aber Stiere züchten konnte er ja, die waren zu ersetzen, aber nun war er der Einzige unter den Großgrundbesitzern, der mit Porzellan bei großen Festen, zu denen oft die Familien von mehreren Landgütern eingeladen waren, glänzen konnte.
Man versuchte natürlich es ihm nach zu machen, aber Porzellan ist nie wieder in der Gegend angeboten worden.
Diener mit Platten und Schüsseln reichten die Speisen jedem einzelnen.
Erst kam gebratenes Rinderfilet, dann dazu Schüsseln mit Reis, Kichererbsen, Bällchen aus Grütze und Bohnen.
Auf dem Tisch standen Schalen aus Silber mit Salz und Pfeffer.
Die blinkenden Gläser wurden mit Weißwein gefüllt und der Großvater sagte zu der Enkelin:“ Willkommen liebes Kind, ob der Anlass deines Kommens auch traurig ist, denn so sollte sich kein Vater aufregen, so sehr, dass man um dein Leben fürchten muss, so freuen wir uns doch sehr, dass du hier bist.
Lange Zeit haben wir dich nicht gesehen, unverzeihlich, denn wir kennen deine Liebe zu den Tieren, den Pferden und besonders zu den Stieren. Prost!“
Sie aßen nun mit großem Appetit, besonders Lijia und ihr Begleiter verschlangen noch eine zweite Portion da der schnelle Ritt sie ausgehungert hatte.
Als der erste Hunger gestillt war, fragte die Enkelin dem Großvater Löcher in den Bauch. Wie ging es den Pferden und den Stieren, gab es viele Fohlen und Kälber, waren alle gesund und kräftig, lebte der alte Tierarzt noch und ging es ihm gut, war der Heuschober gut gefüllt und die Hafervorräte für die Pferde ausreichend nach der letzten Ernte im September.
„Iss auch mal was, für all die Fragen haben wir noch genug Zeit“.
Als die Mamsell in der Küche hörte, dass Lijia angekommen war, kochte sie noch schnell einen Karamellpudding. Sie erinnerte sich auch noch nach dieser langen Zeit, dass das Mädchen den über alles liebte.
Alle waren jetzt satt. Die Großmutter ließ den Tisch abräumen und klingelte nach dem Nachtisch. Süßes Gebäck, Orangen und Melonen, und Süßspeise.
Die Mamsell ließ es sich nicht nehmen, den Pudding selbst für das Kind herein zu bringen und stellte ihn stolz in die Mitte des Tisches.
Lijia sprang auf, lief zu ihr hin, umarmte sie und gab ihr einen großen Schmatz auf die Wange.
Früher hatte sie oft in der Küche auf dem Schoß gesessen oder Naschwerk bekommen, jetzt musste sie sich zu ihr hinunter beugen.
Sie versprach, sie bald in der Küche zu besuchen.
Das Mittagessen war beendet, die Großeltern zogen sich für einen Mittagsschlaf zurück, der Reiter ging in die Küche, wo immer alle Dienstboten sich oft aufhielten um Bekannte zu begrüßen, und Lijia ging in den ersten Stock in ihr altes Zimmer.
Sie war lange nicht mehr hier gewesen.
Doch es war alles noch so wie sie es verlassen hatte. Früher waren die Besuche bei den Großeltern das beste und liebste in ihrem Leben.
Doch seit sie vierzehn Jahre alt geworden war, bestand ihr Vater darauf in den Ferien mit ihr und der Mutter zusammen zu verreisen.
Mal fuhren sie nach Avignon, um die Bilder im Palast der Päpste an zu sehen, Mal nach Sagres in Portugal, um das Ende Europas und die Kompassrose mit Steinen eingelassen zu besuchen. Diese Reise war sehr aufregend gewesen, weil man mit einem Schiff fuhr.
Bordeaux kannte sie und auch Lyon.
Doch nun war sie hier und als sie sich umschaute, all die Sachen ihrer Kindheit wieder entdeckte, die Spielzeuge, mit denen sie so oft gespielt hatte, die Spieluhr, die neben ihrem Bett hing, fühlte sie sich wieder wie früher glücklich.
In der Ecke stand auch noch das große Schaukelpferd.
Sie setzte sich drauf und wiegte sich lange hin und her. Der lange Schweif aus echtem Rosshaar wehte, fast als wäre es ein wirkliches Pferd.
Beide, der Vater als auch der Großvater hatten früh dafür gesorgt, dass sie Reiten lernte.
Mit vier bekam sie ihr erstes Pony, und einen guten Reitlehrer.
Sie lernte zuerst voltigieren, konnte bald stehend galoppieren, und war schnell sicher im Sattel ob im Damen- oder Herrensitz.
Beide Männer, Vater und Großvater waren sehr stolz auf das Kind. Oft übersahen sie lächelnd wenn die Schularbeiten nicht so sorgfältig geschrieben waren wie sie es sein sollten.
Sie rutschte von dem Schaukelpferd, griff ihre Mütze, rannte die Treppen runter und ging in den Hof hinter dem Gutshaus. Der ganze Gebäudekomplex war so groß und herrschaftlich angelegt wie es eigentlich nur der Adel – der mit einem  De vor dem Namen etwa De Corbeille - erbauen konnte.
Der Großvater hatte kein De vor dem Namen, Zigeuner gehörten nie dieser Adelskaste an, aber er wurde von allen in der Provence geachtet und respektiert und das nicht nur wegen seines Reichtums.
So saß er auch im Verwaltungsrat des Distrikts und viele Entscheidungen, die dem Fortkommen dieses Bezirks dienten wie sich oft später herausstellte, hatte er vorgeschlagen.

Das Gutshaus, wie es immer genannt wurde, war eigentlich ein Schloss aus dem neunten Jahrhundert, das immer wieder umgebaut worden war. So waren jetzt alle Räume  heizbar  mit großen Öfen, die von den Fluren beschickt wurden, denn im Winter fegte oft der eisige Mistral von Norden herunter durch das Rhone Tal.
Auch gab es Toiletten und fließendes Wasser, die Technik dafür hatte Seneca der Jüngere so gut beschrieben, dass der Großvater diese mit Hilfe eines arabischen Handwerksmeisters  anlegen konnte. Der hatte erst auf einem kleinen Felsen eine größere Zisterne angelegt. Von dort führten Bleirohre das Wasser zum Schloss. Die Zisterne wurde von einem kleinen Bach gespeist, der selten austrocknete.
Nur einmal vor sechsundzwanzig Jahren war er ausgetrocknet, sodass man Wasser mit großen Fässern herbei schaffen musste.

Von dort lief sie nach rechts um an das Wasser des Etangs zu kommen.
Dort am Wasser war ihr liebster Platz immer gewesen.
Dort gab es eine hölzerne Anlegestelle und ein Bootshaus.
Sie setzte sich.
Schaute aufs Wasser.
Sah den Wellen zu, wie sie fortwährend schräg gegen das Ufer plätscherten und wieder zurückgingen. 
Ein ewiges Spiel, das wohl schon viele Jahrtausende lang dauerte.
Ewig vielleicht sogar.
Von links kam mit leichter Brise ein Fischerboot an.
Segel runter, Boot fest machen und auf den Steg springen wo sie saß war eins.
Der Fischer mit bunter Wollmütze, wildem Bart, blauem Ölzeug und schweren Stiefeln sah sie prüfend an. Sie kam ihm bekannt vor. Konnte sie das sein?
Wenn ja, hatte er sie zum letzten Mal als Kind gesehen.
„Hallo Lijia, bist du das? Meine kleine Lijia?
Oft habe ich dich auf den Armen getragen. Du wusstest immer, wann ich frischen Fisch für die Herrschaft brachte und hast am Steg auf mich gewartet.“
Lijia erinnerte sich sofort, umarmte ihn und gab ihm einen großen dicken Schmatz auf die Nase.
Wie früher.
Sie setzen sich auf die Bank auf der sie vorher gesessen hatte, er kramte eine Meerschaumpfeife aus der rechten Hosentasche hervor, stopfte sie, zündete sie an und zog zufrieden den ersten Rauch in die Lunge.
„Du bist ja in der ganzen Provence bekannt wie ein bunter Hund!“ Sagte er.
„Neulich war ich auf dem Mart in Sète. Da sah ich dort auch einen Bänkelsänger. Der hatte die üblichen Schautafeln aufgestellt und berichtete von den neuesten Nachrichten. Und weißt du was eine der Nachrichten war? Du glaubst es nicht. Das war die Nachricht von deiner Liebe zu dem Zigeuner! Wie ihr euch in der Kirche von St. Maries de la Mer zum ersten Mal gesehen habt.“ Er war nun ganz atemlos geworden, verschnaufte kurz und sprach weiter.
„Wie ihr euch 3 Mal noch saht, euer Begehren, eure Liebe und dann das schreckliche Ende!“
Jetzt kam eine dramatische Pause.
„Und dann aber ging ein zufriedenes Aufatmen durch die Menge. Der Sänger berichtete vom Überleben des Zigeuners.“
Aus den Augen Lijias stürzten Tränen der Erleichterung. Sie dachte er sei totgeschlagen worden.
Der Fischer sah die Tränen und wusste nun, dass sie geglaubt hatte, der Liebste sei tot.
Er umarmte sie zärtlich und trocknete ihre Tränen.
Sie sprang auf, zog den Fischer mit sich und verführte ihn zu einem wilden Freudentanz.
Es dröhnte laut auf den Brettern des Steges, einzelne knackten, als ob sie brechen wollten doch sie waren aus gutem Eichenholz gefertigt.
Allerdings zog der Lärm einige Zuschauer an.
Gärtner mit ihrem Lehrjungen, die Besatzung eines Frachters, die gerade neues Mehl für die Bäckerei, Holz für die Räucheröfen und Holz für die Kachelöfen, sowie auch Hafer für die Pferde brachten.
Von dem Rummel angelockt rannten mehrere hübsche Dienstmädchen herbei und es entwickelte sich zu einem wilden Fest das zum glücklichen Ausgang der Liebe ihrer jungen Herrschaft gefeiert wurde.
Jemand hatte auch die Großeltern informiert – sie kamen beide glücklich an, und der Großvater ließ gleich ein Fass Wein holen.
Natürlich war er auch glücklich, aber so ein spontanes Fest trug viel dazu bei, dass sich alle Mitarbeiter vom Dienstmädchen bis zum Schmied und auch dem Verwalter einer großen Familie zugehörig fühlten. Es lief dann alles wie ‚geschmiert‘.
Nun war es spät geworden – man verlief sich und Lijias ging mit den Großeltern zum Abendessen.
Bei Tee und Marmeladebroten plauderten die drei noch lange.
Es gab ja noch so viel zu erzählen, Lijias berichtete von dem Fischer, der beim Nachspielen der Mär des Bänkelsängers selbst zum Schauspieler wurde und mit großem Ausdruck das Drama den Zuschauern präsentierte.
„Ich weiß, wen du meinst“ warf der Großvater ein, „der Typ könnte wahrscheinlich mehr Geld als Erzähler verdienen denn als Fischer“.
„Auf jeden Fall“, fuhr der Großvater fort „ist deine größte Sorge nun vorbei. Lass uns mal überlegen, wie es weitergehen soll. Erstmal bleibst du hier, und vielleicht solltest zu auch länger bleiben. Wir würden uns sehr freuen!“
Die Großmutter dachte kurz über das Kind nach. Lijia war hier auf dem Gut immer richtig glücklich gewesen. Liebte die freie Natur, liebte die Tiere und hatte auch zu allen, ob Kund, Katze, Pferd, Kuh oder Corrida-Stier sofort eine intensive Verbindung hergestellt, konnte die wildesten streicheln, und wusste auch immer bald was einem Tier fehlte.
„ich hätte da eine Idee“ warf  die Großmutter ein, „du hast doch schon nach dem alten Tierarzt gefragt. Er lebt noch. Es geht ihm auch ganz gut. Aber jünger wird wohl keiner.“
Sie machte eine kurze Pause. Lange Reden ermüdeten sie schnell.
„Mein liebes Kind. Bleib einfach hier. Und lerne wie man den Tieren helfen kann. Werde Tierarzt!“. Bei diesem Gedanken gefiel sich die Großmutter außerordentlich: das Kind wäre hier bei dem alten Paar, geliebt, sie wäre erstmal sicher, sie konnte lernen was sie gern sein wollte,  Tierarzt, was Besseres konnte es gar nicht geben.
Später würde sie in Arles weiter studieren, wo es die beste Ausbildung weit und breit zur Tierärztin gab.
Der Großvater sah seine Frau überrascht an. Wie es alle Männer tun, wenn ihre Frauen etwas Gescheites sagten, obwohl er doch  eigentlich aus Erfahrung wusste, dass sie immer alles zusammen besprachen, so funktionierten sie schon immer zusammen – so hatten sie sich verliebt, so die Hochzeit geplant, sie die Hochzeitsreise nach Cordoba unternommen, so das Gut aufgebaut, so die erfolgreichen Stiere gezüchtet.

Nun meinte er: “Genau das machen wir – natürlich nur wenn du willst“.
Auch die Enkelin hatte die Rede der Großmutter mit Überraschung, dann Staunen, und endlich mit einem strahlenden Lächeln aufgenommen.
Aus dem Schrecken der Vergangenheit wurde die fröhliche Zukunft im Herzen des Kindes.
Helfen, helfen wo sie konnte, sei es den Mädchen beim Tischdecken, der Köchin beim Kartoffelschälen, im Stall beim Ausmisten, auf der Weide beim Pferde einfangen, dem Schmied beim Hufeisenschmieden, den Vöglein mit einem gebrochenen Flügeln – es machte sie einfach zufrieden und glücklich.
Lijia sprang auf und umarmte und küsste erst den Großvater und dann die Großmutter.
„Danke, danke euch beiden“ sagte sie.
„Das habe ich mir heimlich immer gewünscht!
Ich war als Kind so oft bei Euch, das war meine schönste Zeit. Schon mit 3 Jahren – so erinnere ich, war ich lieber bei den Fuhrleuten auf den Äckern und den Melkern im Kuhstall als mit den Spielsachen nur so zu tun was die Erwachsenen arbeiten. Wenn das Getreide geerntet wurde, führte ich die Pferde zum nächsten Platz wo die Garben standen und der Fuhrmann konnte beim Aufladen helfen, oder als die Feigen auf dem gepflasterten runden Platz zum Trocknen ausgelegt wurden half ich beim Umdrehen.“
Ihre Augen wurden still und gedankenverloren währen sie weiter in der Erinnerung kramte.
„Einmal hatte Großvater einen riesigen Eber erlegt, und ich durfte auf der Schleppe sitzen als der alte Bauersmann das Tier holte. Das war ein Spaß“!
Der Großvater grinste seine Frau verschmitzt an. Beide waren überglücklich über diese neue Wendung. Vielleicht würde nun ein junger Mensch das Gut beleben und erneuern, und vielleicht sogar fortführen.
Er stand auf, bat man möge kurz warten, ging in den tiefen Keller, fand eine gute Flasche Champagner, kam wieder zurück, schenkte drei Gläser voll und sagte“ Das muss gefeiert werden! Prost!“
Am nächsten Morgen ging Lijia zu dem kleinen Haus des Tierarztes. Es war noch sehr früh, aber nur dann wäre er zu Hause bevor er nach den kranken Tieren sah.
Sie klopfte – 2 kurz drei lang, der alte Mann erkannte das Zeichen und kam um die Tür zu öffnen.
Glücklich sah er sie an und  umarmte sie.
Sie war groß geworden. Kein Mädchen mehr – nein eine schöne, stolze Frau.
Fast hätte er sie nicht erkannt. Aber die lieben blitzenden dunklen Augen verrieten sie.
Er nahm sie bei der Hand und zog sie nach drinnen. Sie setzten sich an den großen Küchentisch und er schenkte für beide eine Tasse Tee aus. Seit seine Frau vor 7 Jahren gestorben war, fühlte er sich einsam und verlassen in der Leere des Hauses. Umso fröhlicher wurde er, als Lijia von dem Plan erzählte bei ihm zu lernen.
Als Kind war sie oft mit ihm gegangen wenn er zu einem kranken Tier gerufen worden war.
Sie hatte zugesehen, wie er mit den Händen über den Bauch einer Kuh strich, die Koliken hatte – immer wieder strich mit nach innen gekehrtem Blick, um über die Heilmedizin zu meditieren.
Dann mischte er eine Flasche mit Olivenöl, Weißdornextrakt und weiteren geheimen Pülverchen und gab es der Kuh zu trinken.
Das half fast immer sofort.
Meist kamen die Koliken von zu frischem Gras, da half eine Kur mit Heu im Stall.
Sie plauderten eine Weile, dann holte der Tierarzt oben von einem Bücherbrett ein abgegriffenes Heft herunter.
„ Das ist mein größter Schatz“ sagte er.“ Ein handgeschriebenes Buch mit Bildern über die wichtigsten Tierkrankheiten und Heilungen. Es ist eine lateinische Übersetzung aus dem Arabischen und von Mönchen der Benediktiner Abtei im französischen Norden ins Lateinische übersetzt worden.“
„Hier“, sagte er, und gab dem Mädchen die Schrift, „Dein Lehrbuch. Es ist so kostbar, dass es hier im Haus bleiben muss. Du kommst jeden Morgen um 7 Uhr -  außer am Sonntag, wo wir alle in der kleinen Kapelle des Gutes die heilige Messe feiern, und dann lernst du drei Stunden lang. Nach dem Mittagessen, das wir zusammen mit allen Arbeitern und Handwerkern des Gutes essen, kommst du mit mir zu den kranken Tieren.“
Er machte eine kleine Pause.
„So lernst du alles am Schnellsten.
Theorie und Praxis.
Auch ist es wichtig, dass du einen Platz in unserer sozialen Gemeinschaft findest, der Gruppe der Arbeitenden.“
Lijia freute sich riesig.
Sie würde Tierärztin sein.
Und konnte helfen!
„Danke, Danke!“ sagte sie strahlend.
Der Tierarzt brummelte gerührt vor sich hin, legte das Buch vor sie hin und ging dann um zu hören, ob es erkrankte Tiere gäbe.
Lijia schlug die erste Seite des Buches auf, betrachtete die Bilder und begann laut zu lesen.
„Ich schwöre und rufe Apollon, den Arzt, und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen an, dass ich diesen Eid und diesen Vertrag nach meiner Fähigkeit und nach meiner Einsicht erfüllen werde.
Ich werde den, der mich diese Kunst gelehrt hat, gleich meinen Eltern achten, ihn an meinem Unterricht teilnehmen lassen, ihm, wenn er in Not gerät, von dem Meinigen abgeben, seine Nachkommen gleich meinen Brüdern halten und sie diese Kunst lehren, wenn sie sie zu lernen verlangen, ohne Entgelt und Vertrag. Und ich werde an Vorschriften, Vorlesungen und aller übrigen Unterweisung meine Söhne und die meines Lehrers und die vertraglich verpflichteten und nach der ärztlichen Sitte vereidigten Schüler teilnehmen lassen, sonst aber niemanden.
Ich werde nicht schneiden, sogar Steinleidende nicht, sondern werde das den Männern überlassen, die dieses Handwerk ausüben.
In alle Häuser, in die ich komme, werde ich zum Nutzen der Kranken hineingehen, frei von jedem bewussten Unrecht und jeder Übeltat, besonders von jedem geschlechtlichen Missbrauch an Frauen und Männern, Freien und Sklaven.
Was ich bei der Behandlung oder auch außerhalb meiner Praxis im Umgange mit Menschen sehe und höre, das man nicht weiter reden darf, werde ich verschweigen und als Geheimnis bewahren.
Wenn ich diesen Eid erfülle und nicht breche, so sei mir beschieden, in meinem Leben und in meiner Kunst voranzukommen indem ich Ansehen bei allen Menschen für alle Zeit gewinne; wenn ich ihn aber übertrete und breche, so geschehe mir das Gegenteil.“

Na, das fängt ja schön an, dachte sie, das muss ich sicher noch öfter lesen bis ich alles verstanden habe.
Jetzt folgten Bilder von den wichtigsten Nutztieren wie Pferde, Kühe, Schafe und Hunden, die zwar nicht gegessen wurden, aber überall gebraucht waren als Hüter der Herden und Bewacher der Häuser.
Alle diese Tiere hatten oft Würmer und nicht nur, dass sie darunter litten, aber diese ließen die Tiere abmagern, was weniger Fleisch oder Milch bedeutete.
Lijia blätterte durch das Buch.
Wie sollte man das alles denn lernen!
Puhh –entfuhr es ihr.
Ader dann begann sie von vorne und ackerte sich mühsam durch die ersten Seiten.
Sie goss sich nochmal Tee ein, und merkte gar nicht wie die Zeit verging.
Als sie mal aufblickte waren die Schatten an der linken Seite der Küchenwand ganz woanders – es war kurz vor Mittag geworden.
Sorgfältig legte sie das Buch an seinen Platz und da kam auch schon der Tierarzt um sie zum Mittagessen zu holen.
Sie gingen zu der großen Küche, die alle Gutsleute versorgte.
Von allen Seiten strömten sie – auch viele Frauen waren dabei. Oft konnte man die Tätigkeit an der Kleidung erkennen. Die Arbeitskleidung verriet die Tätigkeiten.
Besonders fiel Lijia auf, dass typische Berufe auch vom jeweils anderen Geschlecht ausgeführt wurden. Frauen kamen aus der Schmiede oder trugen die Livree der Kutscher. Na, das fand der Großvater sicher schön! Auf langen Fahrten mit einer hübschen jungen Frau zu quatschen als immer nur die einsilbigen der Kutscher ‚heuer steht das Korn gut oder die Störche ziehen schon wenn es Herbst wurde, zu hören.
Von den jungen Frauen konnte er erfahren wie die allgemeine Stimmung war, wer heiraten wollte oder nur verliebt sei, ob der Verwalter streng und gerecht oder jähzornig sei, oder gar was beiseite schaffte.
In der Küche fanden sie einen Platz neben einem alten mageren Schafhirten. Überall rannten ältere Kinder umher und brachten jedem eine Holzschale mit Essen.
Als alles verteilt war, stand der Schmied auf.
Das Reden und Lachen verstummte und er sprach ein Tischgebet.
„Das Brot ernährt uns nicht, was uns im Brote speist, ist Gottes ewiges Wort, ist Leben und ist Geist.“
Sie schenkte für ihre kleine Runde drei Gläser voll Rotwein aus und alle langten kräftig zu.
Die dicken Möhrenscheibchen in würzigem Schmand schmeckten vorzüglich.
Ein Essen ohne Fleisch war für Lijia neu, zuhause und auch bei den Großeltern gab es immer Wild oder auch Fisch am Freitag.
Sie schaute sich um. Alle schienen kräftig und gut genährt. Brauchten sie auch in der Landwirtschaft. Sie fragte“ gibt es auch mal Fleisch?“
Der alte Schäfer antwortete:“ sicher, wichtig ist aber die Abwechslung. Kraft aus Milchprodukten ist anders als Kraft aus Fleisch. Beides ergänzt sich. Ist besser als nur das Eine. So sind die Arbeitenden immer zufrieden, werden nicht so schnell müde und sauer. Stattdessen fühlen sie sich wohl beim zügigen arbeiten. Das zeigt sich auch daran, dass oft gesungen wird. Wie von selbst sprudeln die Lieder aus ihnen heraus.  Langsame oder schnelle Weisen, je nach dem Rhythmus, der zur Arbeit passt. Getreide zum Beispiel hat beim Mähen einen anderen Rhythmus als beim Dreschen.
Gemäht wird mit den Sensen in langen Schwüngen: zisch, Pause, zisch, Pause…
Beim Dreschen mit dem Dreschflegel auf der Tenne ist der Rhythmus klack, klack, klack, wenn drei Drescher abwechselnd auf das Korn schlagen. Manchmal eignet sich ein kurzer Kanon.“
Lijia schaute ihn überrascht an, das hatte sie noch nie bemerkt, und sie war froh,  den alten Schäfer kennengelernt zu haben. Eine neue Welt des Wissens und der Erfahrungen tauchte vor ihr auf. Das war richtig gut!
Auch der Tierarzt hörte interessiert zu, obwohl ihm vieles geläufig war.
Nachdem der Schäfer eine Weile geschwiegen hatte, drehte er sich zu dem Arzt  plötzlich um und fragte, ob der ihm wohl helfen könnte. Bei den meisten Problemen seiner Schafe könne er selbst helfen, aber ein besonders kräftiger Bock, der für Zucht wichtig sei, kränkelte seit kurzem, und er hätte schon alles versucht, aber nichts  hätte richtig geholfen. Er würde immer schwächer und fraß auch nur wenig. Ein paar Büschel Gras, Wasser trinken, am Salzblock lecken, Heu statt Gras – er wüsste jetzt auch nicht weiter.
Gegenüber  am Tisch saß ein kleiner dicker Junge. Der Kopf war auch ziemlich groß, das Gesicht breit, die Augen weit voneinander, sie lächelten fast immer, der Mund oft geöffnet, manchmal tropfte Speichel herab.
Plötzlich sagte er, ob er wohl mit ihnen kommen könne, wenn sie zu dem Widder gehen und überlegen wie man helfen könne.
Der Tierarzt schaute ihn prüfend an und spürte sofort eine große Sympathie mit dem Jungen. Auf dem Kopf saß eine bunte Pudelmütze mit einem dicken Bommel, der ständig hin und her hopste.
„Wie heißt du denn?“ fragte er ihn.
„Jules“, war die Antwort.
„Gut Jules, du kannst mitkommen.“
Der Tierarzt trank den letzten Schluck Wein aus, stand auf und ging raus in ein Gespräch mit dem Schäfer vertieft. Lijia und Jules folgten ihnen und fragten wissbegierig
sich gegenseitig aus.
Jules erzählte von vielen kleinen Streichen, aber auch wie er oft in den Ställen, der Küche, bei der Ernte geholfen hatte, und wollte immer mehr hören von St. Maries de la Mer, der Gitane Wallfahrt und der Musik bis sie endlich ein kleines Lied  anstimmte.
Sie waren am Schafstall angekommen wo der kranke Widder angebunden war.
Gott sah der krank aus dachten alle.
Der Schäfer hatte ja schon alles versucht, der Tierarzt untersuchte nun alles, die Augen waren etwas trüb, der Bauch gebläht, auf zureden konnte er kaum aufstehen und schien große Schmerzen dabei zu haben, roch am Urin, beklopfte das stolze Gehörn.
Er überlegte lange, schien aber zu keinem Ergebnis zu kommen. Eine Wurmkur hatte der Schäfer natürlich schon gemacht.
Lijia schaute interessiert und wissbegierig zu und Jules ging dann zu dem Tier, umarmte es und flüsterte etwas in das Ohr des Widders.
Dann legte er sein Ohr an dessen Mund und schien aufmerksam zu zuhören.
„Das ist ja ein Ding!“ sagte Jules zu den Anderen, „Er hat einen Nagel verschluckt. Keinen sehr großen. Der lag wohl unbemerkt  zwischen einem Büschel Gras und er hatte das übersehen. Er sei sonst immer sehr vorsichtig, besonders weil man in der Familie erzählte, das sei auch der Großmutter passiert, und die sei daran gestorben. Und jetzt habe er Angst.“

Die drei anderen waren erschrocken. Sowohl  der Arzt als auch der Schäfer wussten, dass man dem Tier den Bauch nicht einfach auf schneiden konnte um den Nagel heraus zu holen. Manches ging eben nicht. Wie zum Beispiel ein gebrochenes Bein bei Pferden. Die mussten getötet werden. 
„Und, kann man da nichts machen? Es muss doch einen Weg geben!“ fragte Lijia.
„Leider nein“, antwortete der Tierarzt „wenn wir den Bauch aufschneiden, stirbt er qualvoll. Es ist alles ziemlich schwierig, Auch bei Pferden – haben sie ein Bein gebrochen, muss man sie töten.
„Quatsch, sicher kann man was machen“, sagte Jules, „ich frag‘ mal meinen Zwerg“.
Er drehte sich etwas zur Seite und schien mit Jemandem zu sprechen, den aber keiner der Anderen sah.
Es sah so aus, als ob Jules wild mit dem Zwerg diskutierte, das wirkte so komisch auf die Anderen, denn sie sahen ja nur Jules fuchteln und ein Gelächter brach aus.
„Das ist überhaupt nicht komisch“, sagte Jules“, der Zwerg meinte, das ist kompliziert, schlachtet doch den Brocken, das gibt einen saftigen Hammelbraten!“
„Doch ich ließ nicht locker, bis er endlich mit einer besseren Möglichkeit herausrückte. 
Nimm deine linke Hand, sag das Mantra, welches ich dich lehre, und greif einfach in den Bauch rein – wenn du das Mantra richtig sagst, geht das ganz einfach, und hole den Nagel raus. Der Bauch des Widders schließt sich dann wieder völlig. Er kann wieder alles fressen.“
Stille.
Lijia, die selbst als Kind oft Zwerge gesehen  hatte, „das ist schön! So musst du das machen“.
Der alte Schäfer wusste davon, in seiner Jugend hatte er das auch mal miterlebt bei einem kranken Bruder.
Der Tierarzt hatte bei seinem Studium in Cordoba alles darüber gelesen, aber bis jetzt wohl noch nicht soweit gelernt und meditiert um es zu können.
Aber ein Mensch wie Jules, der hier auf der Welt ein anderes Dasein führte als es das Schicksal der meisten war, konnte dem Tier sicher helfen.
Nachdem alle zugestimmt hatten, führte der Junge den Widder zu einem Korkeichenhain.
Er bat, die anderen mögen hier warten und er ging mit dem Bock in die Mitte des Hains.
Er legte das Tier so hin, dass es gemütlich lag, streichelte es, sagte das Mantra, griff sanft in den Bauch, fühlte herum bis er den Nagel fand, lockerte ihn und zog ihn leise heraus.
Mit dem Mantra und Streicheln schloss er die Wunde, sammelte frisches Gras, Thymian und Rosmarin, zog noch aus der tiefen Hosentasche ein Salbe, die er dem Widder auf die Lippen strich und setzte sich dann erschöpft ins Gras.
Nach einer Weile ging er zu den Anderen und berichtete vom Erfolg.






























































Einführung
Das Buch spielt im 13.Jahrjundert in der Provence.
Der Zigeuner ist in St. Maries de la Mer geboren.
Geschichtliches:
Nach dem Tod des Christus beschlossen einige Anhänger die Wichtigste Person des Christentums außer Land zu schallen vor den Nachstellungen der Römer. Diese konnten keinen neuen Herrscher – Christus – gebrauchen, er musste Vernichtet werden.
Diese Anhänger – Joseph von Arimatia? – organisierte eine Seereise für Maria Magdalene und deren treuer Begleiterin die Schwarze Sarah.
Das Segelboot – ein Bild davon in der Kirche von St. Maries de la Mer eingemeißelt, landete am Strand. Dort schufen Maria Magdalena und Sarah die erste kleine Kapelle.
Sarah wurde heiliggesprochen. Sie ist die Schutzpatronin aller Sinti und Roma.
Bald wurde es Wallfahrtsort.
Der Tag der Zigeuner Wallfahrt ist der 24. Mai.
Aus ganz Europa pilgern die Sinti und Roma dorthin. Dort wählen sie auch das neue Oberhaupt.
Literatur: bester Überblick  http://roma-und-sinti.kwikk.info/

Ursprung: http://www.efodon.de/html/archiv/geschichte/augustin/2006-SY2%20augustin_saintes_maries-de-la-Mer.pdf




















Bilder




Das Boot des Zigeuners – schnell, kann gegen den Wind kreuzen – Linien einer Arabischen Dhau


















Die Hütte der Mutter












Das Siegel der Templer












Die Kirche in St. Maries de la Mer
















Getriebe aus Holz gezapft der Turmwindmühle.
Material: Eiche

























Flamenco Tänzerinnen mit Castaghetten















Viluela – Vorläufer der Gitarre







Marsilia 12. Jahrhundert

















Der Blauhai erreicht normalerweise eine Körperlänge von etwa 3,40 Metern, kann in Einzelfällen jedoch auch deutlich größer werden. So hatte der bislang längste gemessene Blauhai eine Länge von 3,83 Metern und unbestätigte Berichte sprechen sogar von Tieren mit über 4,5 Metern Körperlänge. Das maximal bekannte Körpergewicht eines Blauhais lag bei 205,9 kg




























La Couvertoirade Templerburg in den Bergen von Larzac






Dolch des Zigeuners – Damaszener Stal