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Das Mädchen
Lijia
ging frühmorgens aus dem Haus. Der Morgen dämmerte fast und erste Vögel
zwitscherten vergnügt. Es würde ein schöner, warmer Sommertag werden.
Sie
war gerade 18 geworden, hatte einen weiten bunten Rock von der Mutter genäht
bekommen und der Vater würde sicher erlauben, dass sie nun auch tanzen dürfe –
nicht nur wie die Kinder auf dem großen Platz vor der Kirche St. Maries de la
Mer, sondern auch in den Flamenco Sälen.
Vergnügt
ging sie zur Kirche um zu beten wie jeden Morgen, sondern besonders auch um den
Maries zu danken für den heutigen Tag, an dem sie den neuen Rock anziehen und
beim Tanz alle Blicke auf sich ziehen würde.
Das
schwarze, wuschelige lange Haar wippte bei jedem Schritt vergnügt und auf den
Pflastersteinen machten die neuen Schuhe tak tak.
In
der Kirche war es noch ziemlich düster, erst nachdem die ersten Fürbitten zu
Ende waren, und das Vaterunser kam erhellte sich der Raum mit den goldenen
Strahlen der ersten Sonne.
Es
war noch still so früh am Morgen. Unbemerkt in der Ecke verborgen hörte sie
plötzlich Schritte. Feste männliche Schritte.
Ein
etwas schlampig gekleideter Zigeuner, groß, mit breiten Schultern und einer
wilden Mähne auf dem Kopf. Er ging zum Altar des Heiligen Andreas in der
Seitennische und betete. Also ein Fischer, der seinem Schutzpatron dankte.
Da
sah sie ihn zum ersten Mal.
Verwirrt
flüchtete sie aus der Kirche.
Ihr
Herz klopfte bis zum Hals, tiefes Atmen zeichnete die Konturen ihrer zarten
Brüste wogend unter dem bunten Hemd.
Sie
war verwirrt – wusste nicht was ihr geschah.
Sie
ging zum Strand und setzte sich auf einen bequemen Stein.
Die
anderen Mädchen ihres Alters hatten schon oft über verliebt sein geschnattert.
Wie
man sich fühlte, wie einem heiß wurde, wie der Atem die Brust fast sprengte,
oder es einem eiskalt wurde, wie die Mutter das bemerkte und meinte: Kind, du
bist ja verliebt!
Und
der Vater dazu grinste.
Sie
fasste allen Mut zusammen um die Eltern um etwas zu bitten.
Nein,
kein Geschenk.
Sie
hatte alles was sie brauchte.
Schöne
Kleider. Ein Goldkettchen am Hals mit goldenem Anhänger welches die
Gottesmutter zeigte – Maria, den Kopf geneigt und milde lächelnd.
Fünf
Brüder, die sie beschützten und ein Pferd, welches sie wie der Wind über die
wohlriechenden Wiesen der Camargue trug.
Wiesen
voll Thymian, Majoran, Salbei und viele mehr, und die Blüten lockten Bienen an.
Für
Honig zum Süßen der Gerichte, des Tees, der Kuchen und Nachspeisen.
Doch
eins hatte sie nicht.
Die
Freiheit zu gehen wohin sie wollte, die Freiheit zu machen was sie wollte, und
besonders zu lieben wen sie wollte.
Auch
tanzen war sie noch nie abends gewesen.
Alles
durften die Brüder.
Männern
war alles erlaubt.
Gemein.
Es
könnte doch alles so schön sein.
Doch
sie war traurig und ein wenig verzweifelt.
Schon
früher hatte das geholfen.
Reiten.
Sie
ging zum Stall, sattelte das Pferd, zog es hinter sich her nach draußen und
sprang in den Sattel.
Reiten
auf ihrem Hengst in wildem Galopp über die Wiesen, durch die flachen Gewässer,
auf den staubigen Wegen.
Der
Wind zerzauste ihr Haar.
Sie
war nun glücklich.
Fühlte
sich frei und Herr der Dinge und wusste, dass nun alles gut werden würde.
Da
sah sie ihn zum zweiten Mal.
Ein
Blitz durchzuckte sie.
Schwer
atmend zügelte sie den Hengst, ihr zarter Busen bebte, glühende Wellen schossen
durch ihren Körper bis in den Schoß.
Ein
nie gekanntes Verlangen.
Langsam
ritt sie nach Hause zu den Eltern und den Brüdern.
Keiner
durfte etwas merken. Die Mutter hätte sofort erkannt was passiert war.
Im
Stall sattelte sie ab, trocknete den Hengst mit Stroh, bürstete ihn lange bis
das Fell glänzte und gab ihm Futter und als Belohnung mehrere Möhren.
Endlich
verzog sich die Röte ihres Halses und der Atem wurde flacher.
Sie
ging ins Haus.
Jetzt
kam der schwierige Teil. Die Erlaubnis zum Fest zu gehen.
Also
fasste sie allen Mut zusammen und bat die Eltern um Erlaubnis heute Abend zum
Fest der beiden Marien tanzen gehen zu dürfen.
Dort,
wo die Musik spielte, dort wo die melancholischen und die Flamenco Weisen, die
aller Blut zum Kochen brachten, erklangen.
Der
Vater ging in die Luft.
Die
Mutter schaute ihn lange an – schweigend – bis er leiser wurde und wieder
ansprechbar schien.
Du
hast fünf Söhne die aufpassen – traust du auch denen nicht? Was für ein Quatsch!
Der
Vater sah nun schon nicht mehr hochrot aus, der Atem wurde ruhiger und endlich
erlaubte er den Ausgang am Abend zum Fest.
Es
war Nachmittag geworden.
Sie
zog die neuen Kleider an, eine seidene bunte Bluse, den weiten bunten Rock und eine
große seidene Schleife, die ihr volles üppiges Haar glänzend zur Geltung
brachte.
Es
klopfte.
Der
älteste Bruder rief laut: „komm` Lijia, wir gehen jetzt. Oder willst du doch
nicht mit“?
„venga“
rief sie auf Spanisch „ich komme“.
Diese
wohlhabende Familie, adelig, weitgereist, in fünf Sprachen ausgebildet, mit
Geschäftsinteressen überall dort wo Pferde der besten Rassen von Lusitanern bis
Arabern, oder auch schwarze Stiere für Corridas – besonders in den
Stierkampfarenen von Arles und Nimes, gefragt waren.
Als
sie in der Tür erschien, entfuhr dem Bruder ein anerkennendes „Bon“.
„Da
müssen wir ja zu fünft alle zusammen aufpassen, damit du nicht hunderte von
Verehrern anlockst und entführt wirst – so schön wie du aussiehst“!
Beim
Gehen winkten sie noch den Eltern und verließen die Stadtwohnung in Richtung
des Tanzsaales.
Vor
der Tür lungerten junge Burschen die jedes Mädchen mit Pfiffen begrüßten. Je
schöner die Maid war, je lauter und melodischer pfiffen sie.
In
der Ecke, etwas ruhig und abseits der Menge, fanden sie ihren Tisch, der
reserviert war.
Die
Familie war bekannt und hochgeachtet. Ein hübsches Mädchen mit Schürze brachte
auch gleich ein kleines Fass mit teurem Wein und sechs Gläsern.
Erste
Flamenco Töne. Mehrere Viluela Spieler und ein Sänger begannen vorsichtig in
den Rhythmus zu kommen.
Erst
kleine Mädchen, dann auch die Buben drehten sich und ahmten den Tanz der Großen
nach.
Sie
sah den ältesten Bruder fragend an.
Der
nickte und sie stand auf um zu tanzen.
Schon
kamen andere Mädchen nachdem das Eis nun gebrochen war.
Ein
bunter Wirbel fliegender Farben – sich drehend, Kreise, die sich ineinander
zogen und wieder auseinander liefen.
Dann
zog sie auch noch die Kastagnetten aus dem Rock und klickte im Rhythmus dazu.
Fast
eine Stunde lang tanzte sie Flamenco bis sie erschöpft wieder zu den Brüdern
ging.
Nur
einer war am Tisch geblieben um sie zu schützen.
Sie
setzte sich, der Atem ging wieder leiser, vor Aufregung stürzte sie das erste
Glas Wein schnell runter und blickte in die Runde der Tanzenden.
Da
sah sie ihn zum dritten Mal.
Noch
schöner schien er ihr.
Noch
wilder, noch begehrenswerter.
Sie
musste jetzt allein sein.
Nichts
anmerken lassen.
Besonders
die Brüder durften nichts merken.
Sie
hätten sie nur gefoppt, oder wären sogar misstrauisch geworden.
Das
musste sie unbedingt vermeiden.
Den
bunten Schal über den Kopf geworfen, bat sie den Bruder neben ihr, er möge sie
doch bitte nach Hause bringen – sie sei vom wilden Tanzen müde geworden.
Zu
Hause, in ihrem Zimmer, zog sie die Tanzkleider aus und warf nur ein leichtes
längeres weißes Kleid über.
Es
war noch hell und sie wollte zum Strand – mit bloßen Füßen durch den warmen
Sand schlurfen, ihre Gedanken sammeln, und wieder zu Atem kommen.
Sie
hatte den Kopf nachdenklich gesenkt und wäre fast über ihn gestolpert.
Der
große starke Zigeuner lag kaum bekleidet vor ihr im Sand und schlief.
Sie
kniete nieder und betrachtete ihn lange Zeit.
Wie
jung er war, wie stark er aussah, und wie gut seine wilde Mähne ihm stand.
Sie
beugte sich, roch den Schweiß seiner Haut – herrlich – und streifte seine Wange
leicht mit den Fingern.
Dann
schmiegte sie sich an ihn voll Begehren,
so dass sie sich überall berührten.
Plötzlich
rutschte seine Hand runter – die volle Hand legte sich zwischen ihre Beine, ein
Finger suchte zart die Öffnung.
Sein
festes Glied suchte den Eingang und wie yjn und yang brachte die Vereinigung
ihre Sinne zum Tosen bis die Ohnmacht nahte.
Ermattet
lagen sie nebeneinander als sie plötzlich auseinander gerissen wurden.
Die
fünf Brüder – mit festen Prügeln bewaffnet, schlugen auf den Geliebten so oft
ein, dass er für tot galt.
Sie
ließen ihn liegen und brachten sie nach Hause.
Die
Mutter nahm sie fest in die Arme.
Ihr
wirbelten die Gedanken so wild durch den Kopf, dass ihr fast schlecht wurde.
Das Kind musste schnellstens aus den Augen des Vaters.
Womöglich
würde der sie erschlagen in gekränkter Eitelkeit.
Ja,
zu ihrem Vater, zum Großvater.
Sie
rief ihren vertrauten Diener und gab den Auftrag zwei schnelle Pferde zu
satteln und ihr Kind zu ihrem Großvater zu bringen.
Keiner
durfte etwas merken.
In
wenigen Minuten stoben die Beiden aus dem Hof.
Nach
zwei Stunden kam die Dämmerung, aber sie schafften es noch bis Aigues – Mortes.
Um
alle Spuren zu verwischen, ritten sie zu einem Freund, den wohl niemand kannte.
Der
besorgte für das Mädchen auch Männerkleidung und eine große Mütze. Die langen
Haare mussten im Auftrag der Herrin auch geschnitten werden.
Niemand
sollte sie erkennen.
Die
zwei Pferde waren beste Araber und sehr schnell, aber in der Gegend gab es so
viele, dass sie nicht auffielen.
Sie
versorgten die Pferde. Lijia kannte sie – war oft mit jedem ausgeritten und
hatte eine große Zuneigung zu ihnen gefasst – sie striegelte sie endlos und
sorgte für eine große Portion Hafer.
Der
Freund briet große Stücke Filet zur Stärkung und guten Wein gab es auch.
Während
Lijia auf einer Decke in der Ecke einschlief, redeten die Männer noch eine
Weile.
Beide
mochten das Mädchen, sie war immer freundlich zu jedem, lachte viel, und reiten
konnte sie wie der Wind.
Sie
würden sie immer beschützen.
Am
nächsten Morgen, kaum, dass man den Weg sehen konnte, ritten sie weiter.
Das
Gut des Großvaters lag idyllisch am Étang de l‘Ór, eine Wasser und
Sumpflandschaft, die durch Schwemmland vom Meer abgetrennt, aber noch immer sehr
seicht, vielfältiger Fauna und Flora Schutz bot.
Gegen
Mittag erreichten sie ihr Ziel, ritten in den Hof, dann noch um das
Rasenrondell und hielten vor der Freitreppe des Gutshauses.
Der
Diener sprang vom Pferd, rannte ins Haus und gab dem Großvater einen Brief von
seiner Tochter.
Jetzt
war alles gut. Das Mädchen war gerettet.
Der
Großvater umarmte seine Enkelin und sie gingen in das Gutshaus.
Da
kam auch schon die Großmutter und drückte Lijia warm an ihren Busen.
Schnell
wurden in dem geräumigen Speisesaal zwei weitere Gedecke aufgelegt und die vier
setzten sich. Der Großvater am Kopf des Tisches sprach wie üblich das
Tischgebet
Bescher uns, Herr, das täglich Brot;
vor Teurung und vor Hungersnot
behüt uns durch dein´ lieben Sohn,
Gott Vater in dem höchsten Thron.
vor Teurung und vor Hungersnot
behüt uns durch dein´ lieben Sohn,
Gott Vater in dem höchsten Thron.
Alle bekreuzigten sich und die Speisen wurden
aufgetragen.
Der Tisch war mit Porzellan aus China gedeckt.
Das war der ganze Stolz des alten Herren. Das
Porzellan, das er in Arles gefunden hatte, als er einmal dorthin sechs große
schwarze Stiere in die Arena brachte.
Das Porzellan, war von immer anderen Händlern
aus dem fernen Osten längs der Seidenstraße nach Europa und dann Südfrankreich
gelangt, und hatte unendlich viel gekostet. Das ganze Geld für die wertvollen
Stiere ging dabei drauf. Seine Stiere waren deshalb so teuer, weil sie bei
jeder Corriga wegen der Größe und ihres Mutes extra Applaus von der Arena
ernteten.
Aber Stiere züchten konnte er ja, die waren zu
ersetzen, aber nun war er der Einzige unter den Großgrundbesitzern, der mit
Porzellan bei großen Festen, zu denen oft die Familien von mehreren Landgütern
eingeladen waren, glänzen konnte.
Man versuchte natürlich es ihm nach zu machen,
aber Porzellan ist nie wieder in der Gegend angeboten worden.
Diener mit Platten und Schüsseln reichten die
Speisen jedem einzelnen.
Erst kam gebratenes Rinderfilet, dann dazu
Schüsseln mit Reis, Kichererbsen, Bällchen aus Grütze und Bohnen.
Auf dem Tisch standen Schalen aus Silber mit
Salz und Pfeffer.
Die blinkenden Gläser wurden mit Weißwein gefüllt
und der Großvater sagte zu der Enkelin:“ Willkommen liebes Kind, ob der Anlass
deines Kommens auch traurig ist, denn so sollte sich kein Vater aufregen, so sehr,
dass man um dein Leben fürchten muss, so freuen wir uns doch sehr, dass du hier
bist.
Lange Zeit haben wir dich nicht gesehen,
unverzeihlich, denn wir kennen deine Liebe zu den Tieren, den Pferden und
besonders zu den Stieren. Prost!“
Sie aßen nun mit großem Appetit, besonders Lijia und ihr
Begleiter verschlangen noch eine zweite Portion da der schnelle Ritt sie
ausgehungert hatte.
Als
der erste Hunger gestillt war, fragte die Enkelin dem Großvater Löcher in den
Bauch. Wie ging es den Pferden und den Stieren, gab es viele Fohlen und Kälber,
waren alle gesund und kräftig, lebte der alte Tierarzt noch und ging es ihm
gut, war der Heuschober gut gefüllt und die Hafervorräte für die Pferde
ausreichend nach der letzten Ernte im September.
„Iss
auch mal was, für all die Fragen haben wir noch genug Zeit“.
Als
die Mamsell in der Küche hörte, dass Lijia angekommen war, kochte sie noch
schnell einen Karamellpudding. Sie erinnerte sich auch noch nach dieser langen
Zeit, dass das Mädchen den über alles liebte.
Alle
waren jetzt satt. Die Großmutter ließ den Tisch abräumen und klingelte nach dem
Nachtisch. Süßes Gebäck, Orangen und Melonen, und Süßspeise.
Die
Mamsell ließ es sich nicht nehmen, den Pudding selbst für das Kind herein zu
bringen und stellte ihn stolz in die Mitte des Tisches.
Lijia
sprang auf, lief zu ihr hin, umarmte sie und gab ihr einen großen Schmatz auf
die Wange.
Früher
hatte sie oft in der Küche auf dem Schoß gesessen oder Naschwerk bekommen,
jetzt musste sie sich zu ihr hinunter beugen.
Sie
versprach, sie bald in der Küche zu besuchen.
Das
Mittagessen war beendet, die Großeltern zogen sich für einen Mittagsschlaf
zurück, der Reiter ging in die Küche, wo immer alle Dienstboten sich oft
aufhielten um Bekannte zu begrüßen, und Lijia ging in den ersten Stock in ihr
altes Zimmer.
Sie
war lange nicht mehr hier gewesen.
Doch
es war alles noch so wie sie es verlassen hatte. Früher waren die Besuche bei
den Großeltern das beste und liebste in ihrem Leben.
Doch
seit sie vierzehn Jahre alt geworden war, bestand ihr Vater darauf in den Ferien
mit ihr und der Mutter zusammen zu verreisen.
Mal
fuhren sie nach Avignon, um die Bilder im Palast der Päpste an zu sehen, Mal
nach Sagres in Portugal, um das Ende Europas und die Kompassrose mit Steinen
eingelassen zu besuchen. Diese Reise war sehr aufregend gewesen, weil man mit
einem Schiff fuhr.
Bordeaux
kannte sie und auch Lyon.
Doch
nun war sie hier und als sie sich umschaute, all die Sachen ihrer Kindheit
wieder entdeckte, die Spielzeuge, mit denen sie so oft gespielt hatte, die
Spieluhr, die neben ihrem Bett hing, fühlte sie sich wieder wie früher glücklich.
In
der Ecke stand auch noch das große Schaukelpferd.
Sie
setzte sich drauf und wiegte sich lange hin und her. Der lange Schweif aus
echtem Rosshaar wehte, fast als wäre es ein wirkliches Pferd.
Beide,
der Vater als auch der Großvater hatten früh dafür gesorgt, dass sie Reiten
lernte.
Mit
vier bekam sie ihr erstes Pony, und einen guten Reitlehrer.
Sie
lernte zuerst voltigieren, konnte bald stehend galoppieren, und war schnell
sicher im Sattel ob im Damen- oder Herrensitz.
Beide
Männer, Vater und Großvater waren sehr stolz auf das Kind. Oft übersahen sie
lächelnd wenn die Schularbeiten nicht so sorgfältig geschrieben waren wie sie
es sein sollten.
Sie
rutschte von dem Schaukelpferd, griff ihre Mütze, rannte die Treppen runter und
ging in den Hof hinter dem Gutshaus. Der ganze Gebäudekomplex war so groß und
herrschaftlich angelegt wie es eigentlich nur der Adel – der mit einem De vor dem Namen etwa De Corbeille - erbauen
konnte.
Der
Großvater hatte kein De vor dem Namen, Zigeuner gehörten nie dieser Adelskaste
an, aber er wurde von allen in der Provence geachtet und respektiert und das
nicht nur wegen seines Reichtums.
So
saß er auch im Verwaltungsrat des Distrikts und viele Entscheidungen, die dem
Fortkommen dieses Bezirks dienten wie sich oft später herausstellte, hatte er
vorgeschlagen.
Das
Gutshaus, wie es immer genannt wurde, war eigentlich ein Schloss aus dem
neunten Jahrhundert, das immer wieder umgebaut worden war. So waren jetzt alle
Räume heizbar mit großen Öfen, die von den Fluren beschickt
wurden, denn im Winter fegte oft der eisige Mistral von Norden herunter durch
das Rhone Tal.
Auch
gab es Toiletten und fließendes Wasser, die Technik dafür hatte Seneca der
Jüngere so gut beschrieben, dass der Großvater diese mit Hilfe eines arabischen
Handwerksmeisters anlegen konnte. Der
hatte erst auf einem kleinen Felsen eine größere Zisterne angelegt. Von dort
führten Bleirohre das Wasser zum Schloss. Die Zisterne wurde von einem kleinen
Bach gespeist, der selten austrocknete.
Nur
einmal vor sechsundzwanzig Jahren war er ausgetrocknet, sodass man Wasser mit
großen Fässern herbei schaffen musste.
Von
dort lief sie nach rechts um an das Wasser des Etangs zu kommen.
Dort
am Wasser war ihr liebster Platz immer gewesen.
Dort
gab es eine hölzerne Anlegestelle und ein Bootshaus.
Sie
setzte sich.
Schaute
aufs Wasser.
Sah
den Wellen zu, wie sie fortwährend schräg gegen das Ufer plätscherten und
wieder zurückgingen.
Ein
ewiges Spiel, das wohl schon viele Jahrtausende lang dauerte.
Ewig
vielleicht sogar.
Von
links kam mit leichter Brise ein Fischerboot an.
Segel
runter, Boot fest machen und auf den Steg springen wo sie saß war eins.
Der
Fischer mit bunter Wollmütze, wildem Bart, blauem Ölzeug und schweren Stiefeln
sah sie prüfend an. Sie kam ihm bekannt vor. Konnte sie das sein?
Wenn
ja, hatte er sie zum letzten Mal als Kind gesehen.
„Hallo
Lijia, bist du das? Meine kleine Lijia?
Oft
habe ich dich auf den Armen getragen. Du wusstest immer, wann ich frischen
Fisch für die Herrschaft brachte und hast am Steg auf mich gewartet.“
Lijia
erinnerte sich sofort, umarmte ihn und gab ihm einen großen dicken Schmatz auf
die Nase.
Wie
früher.
Sie
setzen sich auf die Bank auf der sie vorher gesessen hatte, er kramte eine
Meerschaumpfeife aus der rechten Hosentasche hervor, stopfte sie, zündete sie
an und zog zufrieden den ersten Rauch in die Lunge.
„Du
bist ja in der ganzen Provence bekannt wie ein bunter Hund!“ Sagte er.
„Neulich
war ich auf dem Mart in Sète. Da sah ich dort auch einen Bänkelsänger. Der
hatte die üblichen Schautafeln aufgestellt und berichtete von den neuesten
Nachrichten. Und weißt du was eine der Nachrichten war? Du glaubst es nicht.
Das war die Nachricht von deiner Liebe zu dem Zigeuner! Wie ihr euch in der
Kirche von St. Maries de la Mer zum ersten Mal gesehen habt.“ Er war nun ganz
atemlos geworden, verschnaufte kurz und sprach weiter.
„Wie
ihr euch 3 Mal noch saht, euer Begehren, eure Liebe und dann das schreckliche
Ende!“
Jetzt
kam eine dramatische Pause.
„Und
dann aber ging ein zufriedenes Aufatmen durch die Menge. Der Sänger berichtete
vom Überleben des Zigeuners.“
Aus
den Augen Lijias stürzten Tränen der Erleichterung. Sie dachte er sei
totgeschlagen worden.
Der
Fischer sah die Tränen und wusste nun, dass sie geglaubt hatte, der Liebste sei
tot.
Er
umarmte sie zärtlich und trocknete ihre Tränen.
Sie
sprang auf, zog den Fischer mit sich und verführte ihn zu einem wilden Freudentanz.
Es
dröhnte laut auf den Brettern des Steges, einzelne knackten, als ob sie brechen
wollten doch sie waren aus gutem Eichenholz gefertigt.
Allerdings
zog der Lärm einige Zuschauer an.
Gärtner
mit ihrem Lehrjungen, die Besatzung eines Frachters, die gerade neues Mehl für
die Bäckerei, Holz für die Räucheröfen und Holz für die Kachelöfen, sowie auch
Hafer für die Pferde brachten.
Von
dem Rummel angelockt rannten mehrere hübsche Dienstmädchen herbei und es
entwickelte sich zu einem wilden Fest das zum glücklichen Ausgang der Liebe
ihrer jungen Herrschaft gefeiert wurde.
Jemand
hatte auch die Großeltern informiert – sie kamen beide glücklich an, und der
Großvater ließ gleich ein Fass Wein holen.
Natürlich
war er auch glücklich, aber so ein spontanes Fest trug viel dazu bei, dass sich
alle Mitarbeiter vom Dienstmädchen bis zum Schmied und auch dem Verwalter einer
großen Familie zugehörig fühlten. Es lief dann alles wie ‚geschmiert‘.
Nun
war es spät geworden – man verlief sich und Lijias ging mit den Großeltern zum
Abendessen.
Bei
Tee und Marmeladebroten plauderten die drei noch lange.
Es
gab ja noch so viel zu erzählen, Lijias berichtete von dem Fischer, der beim
Nachspielen der Mär des Bänkelsängers selbst zum Schauspieler wurde und mit
großem Ausdruck das Drama den Zuschauern präsentierte.
„Ich
weiß, wen du meinst“ warf der Großvater ein, „der Typ könnte wahrscheinlich
mehr Geld als Erzähler verdienen denn als Fischer“.
„Auf
jeden Fall“, fuhr der Großvater fort „ist deine größte Sorge nun vorbei. Lass uns
mal überlegen, wie es weitergehen soll. Erstmal bleibst du hier, und vielleicht
solltest zu auch länger bleiben. Wir würden uns sehr freuen!“
Die
Großmutter dachte kurz über das Kind nach. Lijia war hier auf dem Gut immer
richtig glücklich gewesen. Liebte die freie Natur, liebte die Tiere und hatte
auch zu allen, ob Kund, Katze, Pferd, Kuh oder Corrida-Stier sofort eine
intensive Verbindung hergestellt, konnte die wildesten streicheln, und wusste
auch immer bald was einem Tier fehlte.
„ich
hätte da eine Idee“ warf die Großmutter
ein, „du hast doch schon nach dem alten Tierarzt gefragt. Er lebt noch. Es geht
ihm auch ganz gut. Aber jünger wird wohl keiner.“
Sie
machte eine kurze Pause. Lange Reden ermüdeten sie schnell.
„Mein
liebes Kind. Bleib einfach hier. Und lerne wie man den Tieren helfen kann.
Werde Tierarzt!“. Bei diesem Gedanken gefiel sich die Großmutter
außerordentlich: das Kind wäre hier bei dem alten Paar, geliebt, sie wäre
erstmal sicher, sie konnte lernen was sie gern sein wollte, Tierarzt, was Besseres konnte es gar nicht
geben.
Später
würde sie in Arles weiter studieren, wo es die beste Ausbildung weit und breit
zur Tierärztin gab.
Der
Großvater sah seine Frau überrascht an. Wie es alle Männer tun, wenn ihre
Frauen etwas Gescheites sagten, obwohl er doch
eigentlich aus Erfahrung wusste, dass sie immer alles zusammen
besprachen, so funktionierten sie schon immer zusammen – so hatten sie sich
verliebt, so die Hochzeit geplant, sie die Hochzeitsreise nach Cordoba unternommen,
so das Gut aufgebaut, so die erfolgreichen Stiere gezüchtet.
Nun
meinte er: “Genau das machen wir – natürlich nur wenn du willst“.
Auch
die Enkelin hatte die Rede der Großmutter mit Überraschung, dann Staunen, und
endlich mit einem strahlenden Lächeln aufgenommen.
Aus
dem Schrecken der Vergangenheit wurde die fröhliche Zukunft im Herzen des
Kindes.
Helfen,
helfen wo sie konnte, sei es den Mädchen beim Tischdecken, der Köchin beim
Kartoffelschälen, im Stall beim Ausmisten, auf der Weide beim Pferde einfangen,
dem Schmied beim Hufeisenschmieden, den Vöglein mit einem gebrochenen Flügeln –
es machte sie einfach zufrieden und glücklich.
Lijia
sprang auf und umarmte und küsste erst den Großvater und dann die Großmutter.
„Danke,
danke euch beiden“ sagte sie.
„Das
habe ich mir heimlich immer gewünscht!
Ich
war als Kind so oft bei Euch, das war meine schönste Zeit. Schon mit 3 Jahren –
so erinnere ich, war ich lieber bei den Fuhrleuten auf den Äckern und den
Melkern im Kuhstall als mit den Spielsachen nur so zu tun was die Erwachsenen
arbeiten. Wenn das Getreide geerntet wurde, führte ich die Pferde zum nächsten
Platz wo die Garben standen und der Fuhrmann konnte beim Aufladen helfen, oder
als die Feigen auf dem gepflasterten runden Platz zum Trocknen ausgelegt wurden
half ich beim Umdrehen.“
Ihre
Augen wurden still und gedankenverloren währen sie weiter in der Erinnerung
kramte.
„Einmal
hatte Großvater einen riesigen Eber erlegt, und ich durfte auf der Schleppe
sitzen als der alte Bauersmann das Tier holte. Das war ein Spaß“!
Der
Großvater grinste seine Frau verschmitzt an. Beide waren überglücklich über
diese neue Wendung. Vielleicht würde nun ein junger Mensch das Gut beleben und
erneuern, und vielleicht sogar fortführen.
Er
stand auf, bat man möge kurz warten, ging in den tiefen Keller, fand eine gute
Flasche Champagner, kam wieder zurück, schenkte drei Gläser voll und sagte“ Das
muss gefeiert werden! Prost!“
Am
nächsten Morgen ging Lijia zu dem kleinen Haus des Tierarztes. Es war noch sehr
früh, aber nur dann wäre er zu Hause bevor er nach den kranken Tieren sah.
Sie
klopfte – 2 kurz drei lang, der alte Mann erkannte das Zeichen und kam um die
Tür zu öffnen.
Glücklich
sah er sie an und umarmte sie.
Sie
war groß geworden. Kein Mädchen mehr – nein eine schöne, stolze Frau.
Fast
hätte er sie nicht erkannt. Aber die lieben blitzenden dunklen Augen verrieten
sie.
Er
nahm sie bei der Hand und zog sie nach drinnen. Sie setzten sich an den großen
Küchentisch und er schenkte für beide eine Tasse Tee aus. Seit seine Frau vor 7
Jahren gestorben war, fühlte er sich einsam und verlassen in der Leere des
Hauses. Umso fröhlicher wurde er, als Lijia von dem Plan erzählte bei ihm zu
lernen.
Als
Kind war sie oft mit ihm gegangen wenn er zu einem kranken Tier gerufen worden
war.
Sie
hatte zugesehen, wie er mit den Händen über den Bauch einer Kuh strich, die
Koliken hatte – immer wieder strich mit nach innen gekehrtem Blick, um über die
Heilmedizin zu meditieren.
Dann
mischte er eine Flasche mit Olivenöl, Weißdornextrakt und weiteren geheimen Pülverchen
und gab es der Kuh zu trinken.
Das
half fast immer sofort.
Meist
kamen die Koliken von zu frischem Gras, da half eine Kur mit Heu im Stall.
Sie
plauderten eine Weile, dann holte der Tierarzt oben von einem Bücherbrett ein
abgegriffenes Heft herunter.
„
Das ist mein größter Schatz“ sagte er.“ Ein handgeschriebenes Buch mit Bildern
über die wichtigsten Tierkrankheiten und Heilungen. Es ist eine lateinische
Übersetzung aus dem Arabischen und von Mönchen der Benediktiner Abtei im
französischen Norden ins Lateinische übersetzt worden.“
„Hier“,
sagte er, und gab dem Mädchen die Schrift, „Dein Lehrbuch. Es ist so kostbar,
dass es hier im Haus bleiben muss. Du kommst jeden Morgen um 7 Uhr - außer am Sonntag, wo wir alle in der kleinen
Kapelle des Gutes die heilige Messe feiern, und dann lernst du drei Stunden
lang. Nach dem Mittagessen, das wir zusammen mit allen Arbeitern und
Handwerkern des Gutes essen, kommst du mit mir zu den kranken Tieren.“
Er
machte eine kleine Pause.
„So
lernst du alles am Schnellsten.
Theorie
und Praxis.
Auch
ist es wichtig, dass du einen Platz in unserer sozialen Gemeinschaft findest,
der Gruppe der Arbeitenden.“
Lijia
freute sich riesig.
Sie
würde Tierärztin sein.
Und
konnte helfen!
„Danke,
Danke!“ sagte sie strahlend.
Der
Tierarzt brummelte gerührt vor sich hin, legte das Buch vor sie hin und ging
dann um zu hören, ob es erkrankte Tiere gäbe.
Lijia
schlug die erste Seite des Buches auf, betrachtete die Bilder und begann laut
zu lesen.
„Ich
schwöre und rufe Apollon, den
Arzt, und Asklepios und Hygieia und Panakeia und alle Götter und
Göttinnen zu Zeugen an, dass ich diesen Eid und diesen Vertrag nach meiner
Fähigkeit und nach meiner Einsicht erfüllen werde.
|
Ich
werde den, der mich diese Kunst gelehrt hat, gleich meinen Eltern achten, ihn
an meinem Unterricht teilnehmen lassen, ihm, wenn er in Not gerät, von dem
Meinigen abgeben, seine Nachkommen gleich meinen Brüdern halten und sie diese
Kunst lehren, wenn sie sie zu lernen verlangen, ohne Entgelt und Vertrag. Und
ich werde an Vorschriften, Vorlesungen und aller übrigen Unterweisung meine
Söhne und die meines Lehrers und die vertraglich verpflichteten und nach der
ärztlichen Sitte vereidigten Schüler teilnehmen lassen, sonst aber niemanden.
|
Ich werde nicht schneiden,
sogar Steinleidende nicht, sondern werde das den Männern
überlassen, die dieses Handwerk ausüben.
|
In alle Häuser, in die ich
komme, werde ich zum Nutzen der Kranken hineingehen, frei von jedem bewussten
Unrecht und jeder Übeltat, besonders von jedem geschlechtlichen Missbrauch an Frauen und Männern, Freien und Sklaven.
|
Was ich bei der Behandlung
oder auch außerhalb meiner Praxis im Umgange mit Menschen sehe und höre, das
man nicht weiter reden darf, werde ich verschweigen und als Geheimnis bewahren.
|
Wenn ich diesen Eid
erfülle und nicht breche, so sei mir beschieden, in meinem Leben und in
meiner Kunst voranzukommen indem ich Ansehen bei allen Menschen für alle Zeit
gewinne; wenn ich ihn aber übertrete und breche, so geschehe mir das
Gegenteil.“
Na, das fängt ja schön an,
dachte sie, das muss ich sicher noch öfter lesen bis ich alles verstanden
habe.
Jetzt folgten Bilder von
den wichtigsten Nutztieren wie Pferde, Kühe, Schafe und Hunden, die zwar
nicht gegessen wurden, aber überall gebraucht waren als Hüter der Herden und
Bewacher der Häuser.
Alle diese Tiere hatten
oft Würmer und nicht nur, dass sie darunter litten, aber diese ließen die
Tiere abmagern, was weniger Fleisch oder Milch bedeutete.
Lijia blätterte durch das Buch.
Wie sollte man das alles denn lernen!
Puhh –entfuhr es ihr.
Ader dann begann sie von vorne und
ackerte sich mühsam durch die ersten Seiten.
Sie goss sich nochmal Tee ein, und
merkte gar nicht wie die Zeit verging.
Als sie mal aufblickte waren die
Schatten an der linken Seite der Küchenwand ganz woanders – es war kurz vor
Mittag geworden.
Sorgfältig legte sie das Buch an seinen
Platz und da kam auch schon der Tierarzt um sie zum Mittagessen zu holen.
Sie gingen zu der großen Küche, die alle
Gutsleute versorgte.
Von allen Seiten strömten sie – auch
viele Frauen waren dabei. Oft konnte man die Tätigkeit an der Kleidung
erkennen. Die Arbeitskleidung verriet die Tätigkeiten.
Besonders fiel Lijia auf, dass typische
Berufe auch vom jeweils anderen Geschlecht ausgeführt wurden. Frauen kamen
aus der Schmiede oder trugen die Livree der Kutscher. Na, das fand der
Großvater sicher schön! Auf langen Fahrten mit einer hübschen jungen Frau zu quatschen
als immer nur die einsilbigen der Kutscher ‚heuer steht das Korn gut oder die
Störche ziehen schon wenn es Herbst wurde, zu hören.
Von den jungen Frauen konnte er erfahren
wie die allgemeine Stimmung war, wer heiraten wollte oder nur verliebt sei,
ob der Verwalter streng und gerecht oder jähzornig sei, oder gar was beiseite
schaffte.
In der Küche fanden sie einen Platz
neben einem alten mageren Schafhirten. Überall rannten ältere Kinder umher
und brachten jedem eine Holzschale mit Essen.
Als alles verteilt war, stand der
Schmied auf.
Das Reden und Lachen verstummte und er
sprach ein Tischgebet.
„Das Brot ernährt uns nicht, was uns im
Brote speist, ist Gottes ewiges Wort, ist Leben und ist Geist.“
Sie schenkte für ihre kleine Runde drei
Gläser voll Rotwein aus und alle langten kräftig zu.
Die dicken Möhrenscheibchen in würzigem
Schmand schmeckten vorzüglich.
Ein Essen ohne Fleisch war für Lijia
neu, zuhause und auch bei den Großeltern gab es immer Wild oder auch Fisch am
Freitag.
Sie schaute sich um. Alle schienen
kräftig und gut genährt. Brauchten sie auch in der Landwirtschaft. Sie
fragte“ gibt es auch mal Fleisch?“
Der alte Schäfer antwortete:“ sicher,
wichtig ist aber die Abwechslung. Kraft aus Milchprodukten ist anders als
Kraft aus Fleisch. Beides ergänzt sich. Ist besser als nur das Eine. So sind
die Arbeitenden immer zufrieden, werden nicht so schnell müde und sauer.
Stattdessen fühlen sie sich wohl beim zügigen arbeiten. Das zeigt sich auch
daran, dass oft gesungen wird. Wie von selbst sprudeln die Lieder aus ihnen
heraus. Langsame oder schnelle Weisen,
je nach dem Rhythmus, der zur Arbeit passt. Getreide zum Beispiel hat beim
Mähen einen anderen Rhythmus als beim Dreschen.
Gemäht wird mit den Sensen in langen
Schwüngen: zisch, Pause, zisch, Pause…
Beim Dreschen mit dem Dreschflegel auf
der Tenne ist der Rhythmus klack, klack, klack, wenn drei Drescher
abwechselnd auf das Korn schlagen. Manchmal eignet sich ein kurzer Kanon.“
Lijia schaute ihn überrascht an, das
hatte sie noch nie bemerkt, und sie war froh,
den alten Schäfer kennengelernt zu haben. Eine neue Welt des Wissens
und der Erfahrungen tauchte vor ihr auf. Das war richtig gut!
Auch der Tierarzt hörte interessiert zu,
obwohl ihm vieles geläufig war.
Nachdem der Schäfer eine Weile
geschwiegen hatte, drehte er sich zu dem Arzt
plötzlich um und fragte, ob der ihm wohl helfen könnte. Bei den
meisten Problemen seiner Schafe könne er selbst helfen, aber ein besonders
kräftiger Bock, der für Zucht wichtig sei, kränkelte seit kurzem, und er
hätte schon alles versucht, aber nichts
hätte richtig geholfen. Er würde immer schwächer und fraß auch nur
wenig. Ein paar Büschel Gras, Wasser trinken, am Salzblock lecken, Heu statt
Gras – er wüsste jetzt auch nicht weiter.
Gegenüber am Tisch saß ein kleiner dicker Junge. Der
Kopf war auch ziemlich groß, das Gesicht breit, die Augen weit voneinander,
sie lächelten fast immer, der Mund oft geöffnet, manchmal tropfte Speichel
herab.
Plötzlich sagte er, ob er wohl mit ihnen
kommen könne, wenn sie zu dem Widder gehen und überlegen wie man helfen
könne.
Der Tierarzt schaute ihn prüfend an und
spürte sofort eine große Sympathie mit dem Jungen. Auf dem Kopf saß eine
bunte Pudelmütze mit einem dicken Bommel, der ständig hin und her hopste.
„Wie heißt du denn?“ fragte er ihn.
„Jules“, war die Antwort.
„Gut Jules, du kannst mitkommen.“
Der Tierarzt trank den letzten Schluck
Wein aus, stand auf und ging raus in ein Gespräch mit dem Schäfer vertieft. Lijia
und Jules folgten ihnen und fragten wissbegierig
sich gegenseitig aus.
Jules erzählte von vielen kleinen
Streichen, aber auch wie er oft in den Ställen, der Küche, bei der Ernte
geholfen hatte, und wollte immer mehr hören von St. Maries de la Mer, der Gitane
Wallfahrt und der Musik bis sie endlich ein kleines Lied anstimmte.
Sie waren am Schafstall angekommen wo
der kranke Widder angebunden war.
Gott sah der krank aus dachten alle.
Der Schäfer hatte ja schon alles
versucht, der Tierarzt untersuchte nun alles, die Augen waren etwas trüb, der
Bauch gebläht, auf zureden konnte er kaum aufstehen und schien große
Schmerzen dabei zu haben, roch am Urin, beklopfte das stolze Gehörn.
Er überlegte lange, schien aber zu
keinem Ergebnis zu kommen. Eine Wurmkur hatte der Schäfer natürlich schon
gemacht.
Lijia schaute interessiert und
wissbegierig zu und Jules ging dann zu dem Tier, umarmte es und flüsterte
etwas in das Ohr des Widders.
Dann legte er sein Ohr an dessen Mund
und schien aufmerksam zu zuhören.
„Das ist ja ein Ding!“ sagte Jules zu
den Anderen, „Er hat einen Nagel verschluckt. Keinen sehr großen. Der lag
wohl unbemerkt zwischen einem Büschel
Gras und er hatte das übersehen. Er sei sonst immer sehr vorsichtig,
besonders weil man in der Familie erzählte, das sei auch der Großmutter
passiert, und die sei daran gestorben. Und jetzt habe er Angst.“
Die drei anderen waren erschrocken.
Sowohl der Arzt als auch der Schäfer
wussten, dass man dem Tier den Bauch nicht einfach auf schneiden konnte um
den Nagel heraus zu holen. Manches ging eben nicht. Wie zum Beispiel ein
gebrochenes Bein bei Pferden. Die mussten getötet werden.
„Und, kann man da nichts machen? Es muss
doch einen Weg geben!“ fragte Lijia.
„Leider nein“, antwortete der Tierarzt
„wenn wir den Bauch aufschneiden, stirbt er qualvoll. Es ist alles ziemlich
schwierig, Auch bei Pferden – haben sie ein Bein gebrochen, muss man sie
töten.
„Quatsch, sicher kann man was machen“,
sagte Jules, „ich frag‘ mal meinen Zwerg“.
Er drehte sich etwas zur Seite und schien
mit Jemandem zu sprechen, den aber keiner der Anderen sah.
Es sah so aus, als ob Jules wild mit dem
Zwerg diskutierte, das wirkte so komisch auf die Anderen, denn sie sahen ja
nur Jules fuchteln und ein Gelächter brach aus.
„Das ist überhaupt nicht komisch“, sagte
Jules“, der Zwerg meinte, das ist kompliziert, schlachtet doch den Brocken,
das gibt einen saftigen Hammelbraten!“
„Doch ich ließ nicht locker, bis er
endlich mit einer besseren Möglichkeit herausrückte.
Nimm deine linke Hand, sag das Mantra,
welches ich dich lehre, und greif einfach in den Bauch rein – wenn du das
Mantra richtig sagst, geht das ganz einfach, und hole den Nagel raus. Der
Bauch des Widders schließt sich dann wieder völlig. Er kann wieder alles
fressen.“
Stille.
Lijia, die selbst als Kind oft Zwerge
gesehen hatte, „das ist schön! So
musst du das machen“.
Der alte Schäfer wusste davon, in seiner
Jugend hatte er das auch mal miterlebt bei einem kranken Bruder.
Der Tierarzt hatte bei seinem Studium in
Cordoba alles darüber gelesen, aber bis jetzt wohl noch nicht soweit gelernt
und meditiert um es zu können.
Aber ein Mensch wie Jules, der hier auf
der Welt ein anderes Dasein führte als es das Schicksal der meisten war,
konnte dem Tier sicher helfen.
Nachdem alle zugestimmt hatten, führte
der Junge den Widder zu einem Korkeichenhain.
Er bat, die anderen mögen hier warten
und er ging mit dem Bock in die Mitte des Hains.
Er legte das Tier so hin, dass es
gemütlich lag, streichelte es, sagte das Mantra, griff sanft in den Bauch,
fühlte herum bis er den Nagel fand, lockerte ihn und zog ihn leise heraus.
Mit dem Mantra und Streicheln schloss er
die Wunde, sammelte frisches Gras, Thymian und Rosmarin, zog noch aus der
tiefen Hosentasche ein Salbe, die er dem Widder auf die Lippen strich und
setzte sich dann erschöpft ins Gras.
Nach einer Weile ging er zu den Anderen
und berichtete vom Erfolg.
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Einführung
Das
Buch spielt im 13.Jahrjundert in der Provence.
Der
Zigeuner ist in St. Maries de la Mer geboren.
Geschichtliches:
Nach
dem Tod des Christus beschlossen einige Anhänger die Wichtigste Person des
Christentums außer Land zu schallen vor den Nachstellungen der Römer. Diese
konnten keinen neuen Herrscher – Christus – gebrauchen, er musste Vernichtet
werden.
Diese
Anhänger – Joseph von Arimatia? – organisierte eine Seereise für Maria
Magdalene und deren treuer Begleiterin die Schwarze Sarah.
Das
Segelboot – ein Bild davon in der Kirche von St. Maries de la Mer eingemeißelt,
landete am Strand. Dort schufen Maria Magdalena und Sarah die erste kleine
Kapelle.
Sarah
wurde heiliggesprochen. Sie ist die Schutzpatronin aller Sinti und Roma.
Bald
wurde es Wallfahrtsort.
Der
Tag der Zigeuner Wallfahrt ist der 24. Mai.
Aus
ganz Europa pilgern die Sinti und Roma dorthin. Dort wählen sie auch das neue
Oberhaupt.
Ursprung:
http://www.efodon.de/html/archiv/geschichte/augustin/2006-SY2%20augustin_saintes_maries-de-la-Mer.pdf
Bilder
Das Boot des Zigeuners –
schnell, kann gegen den Wind kreuzen – Linien einer Arabischen Dhau
Die Hütte der Mutter
Das Siegel der Templer
Die Kirche in St. Maries de
la Mer
Getriebe aus Holz gezapft der
Turmwindmühle.
Material: Eiche
Flamenco Tänzerinnen mit Castaghetten
Viluela – Vorläufer der Gitarre
Marsilia 12. Jahrhundert
Der Blauhai erreicht normalerweise eine Körperlänge von etwa
3,40 Metern, kann in Einzelfällen jedoch auch deutlich größer werden. So hatte
der bislang längste gemessene Blauhai eine Länge von 3,83 Metern und
unbestätigte Berichte sprechen sogar von Tieren mit über 4,5 Metern
Körperlänge. Das maximal bekannte Körpergewicht eines Blauhais lag bei 205,9 kg
La Couvertoirade Templerburg in den Bergen von Larzac
Dolch des Zigeuners –
Damaszener Stal